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Bestattungen im Wald – ja oder nein?

Franz Rotenhan betreibt einen Bestattungswald. Er analysiert für uns die Argumente gegen einen Waldfriedhof in Neustadt.

Von Nancy Riegel
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„Ein Bestattungswald ist für mich die schönste Art, die letzte Ruhe zu finden“, sagt Franz Freiherr von Rotenhan. Er betreibt zwei Waldfriedhöfe in Sachsen und hat die Stadtverwaltung Neustadt bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück beraten.
„Ein Bestattungswald ist für mich die schönste Art, die letzte Ruhe zu finden“, sagt Franz Freiherr von Rotenhan. Er betreibt zwei Waldfriedhöfe in Sachsen und hat die Stadtverwaltung Neustadt bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück beraten. © Archivfoto: Thomas Kretschel

Die Stadt Neustadt hat die Chance, den landkreisweit ersten Bestattungswald einzurichten. Ein Wald, in dem Menschen in biologisch abbaubaren Urnen begraben werden, in dem sie nach wenigen Jahren eins mit der Natur werden und wo nur ein kleines Schild an ihre letzte Ruhestätte erinnert. Kein Stein, keine Blumen, keine Grabpflege. Vor rund einem Jahr schob die Fraktion Neustädter für Neustadt das Projekt an, der Stadtrat beschloss knapp, aber mehrstimmig, in den kommenden Jahren einen solchen Waldfriedhof einzurichten. Nun meldet sich die CDU-Fraktion zu Wort und fordert, das gesamte Vorhaben einzustampfen – aus diversen Gründen.

Einer, der sich mit dem Thema Bestattungswald auskennt, ist Franz Freiherr von Rotenhan. Der 31-Jährige betreibt im sächsischen Callenberg seit 2016 den Waldfriedhof Schönburger Land. Erst kürzlich wurde außerdem der Waldfriedhof „Zwickauer Land“ eröffnet, den er ebenfalls verwaltet. Er hat der Stadtverwaltung Neustadt bei der Auswahl eines geeigneten Grundstücks beratend zur Seite gestanden. Er versucht, die Vorbehalte der CDU gegen einen Waldfriedhof zu entkräften.


Argument 1: In Neustadt gibt es kein geeignetes Grundstück.

Das Ordnungsamt von Neustadt war durch den früheren Beschluss des Stadtrats beauftragt worden, ein kommunales Grundstück zu finden, das sich für einen Waldfriedhof eignen würde. Ordnungsamtsleiter Sascha Große machte eine Fläche im Anbau und eine im Neubaugebiet aus, wobei er erstere favorisiert, da diese eben ist und es eine Zufahrt gibt. Für die CDU-Fraktion ist das nicht befriedigend. „Kein Grundstück wird annähernd einer qualitativen und langfristigen Umnutzung als Bestattungswald gerecht“, schreibt diese in ihrem Antrag an den Bürgermeister.

Franz von Rotenhan kann bestätigen, dass die Suche nach einem geeigneten Grundstück mitunter langwierig sein kann. „Es müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Wasserschutzgebiete sind tabu, es müssen verschiedene Sorten und verschiedene alte Bäume wachsen, es muss eine öffentliche Straße geben usw. Auf einer unserer Flächen hat beispielsweise ein kleiner Bach das Genehmigungsverfahren verzögert.“ Prinzipiell finde er die Fläche in Neustadt-Anbau mit rund 4,5 Hektar etwas klein. Er schlägt vor, dass sich das Rathaus an private Waldbesitzer wendet, um vielleicht ein größeres Grundstück zu finden.


Argument 2: Die Kosten sind nicht kalkulierbar.

80 000 Euro plant Neustadt im kommenden Doppelhaushalt für den Bestattungswald ein. Die CDU befürchtet, dass es bei dieser Summe nicht bleibe, bedenke man Folgekosten wie Pflege des Waldes und Personalkosten. „Die Errichtung eines Waldfriedhofs ist standortabhängig und bewegt sich in einer niedrigen sechsstelligen Summe“, sagt Rotenhan.

Die Folgekosten hängen davon ab, ob Neustadt den Wald selbst betreiben würde – zum Beispiel könnten Bauhofmitarbeiter die Waldpflege übernehmen – oder ob die Stadt einen Betreiber sucht, der die Fläche pachtet. In diesem Fall wäre die Stadt finanziell abgesichert. Doch selbst wenn Neustadt den Friedhof selbst verwaltet, stünden die Chancen gut, dass das Projekt schwarze Zahlen schreibt, glaubt Rotenhan: „In unserem ersten Bestattungswald war das Interesse so groß, dass wir die Kosten nach zwei Jahren refinanziert hatten.“ Außerdem, fügt er hinzu, seien die Betriebskosten überschaubar. Die Urnengräber könnten mit Erdbohrern oder Minibaggern ausgehoben werden und die Waldpflege halte sich auch in Grenzen.


Argument 3: Sinkende Einwohnerzahl macht Friedhof unnötig.

Matthias Mews, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Neustädter Stadtrat, hält einen Bestattungswald auch im Hinblick auf die sinkende Einwohnerzahl Neustadts für unnötig. Ein Blick in die Einwohnerstatistik bringt Klarheit: Zwischen 2009 und 2017 sank die Zahl der Neustädter von 13 691 auf 12 388. Das bedeutet einen Schwund von knapp zehn Prozent. Die Sterbefälle hingegen waren in den Jahren 2009 und 2017 genau gleich: 180. Ordnungsamtsleiter Sascha Große vermutet zudem, dass sich auch Menschen aus umliegenden Städten in Neustadt beerdigen lassen würden und somit der Bedarf durchaus da wäre.


Argument 4: Waldfriedhof ist Gefahr für Kirchgemeinden.

Die evangelische Kirche von Neustadt übernimmt die Beisetzung und Bestattung von Toten, ohne dass die Stadt etwas beisteuern muss. „Das ist zweifelsohne eine Komfort-Situation, die durch eine weitere Bestattungsstätte nicht in Gefahr gebracht werden sollte“, heißt es im Schreiben der CDU. Pfarrer Sören Schellenberger informierte zusätzlich darüber, dass auf dem Friedhof an der Bischofswerdaer Straße zwei Gemeinschafts-Urnengräber unter Bäumen eingerichtet werden, die ein ähnliches Angebot böten wie ein Waldfriedhof.

Franz von Rotenhan kennt diese Diskussion von seinen beiden Standorten. Ob die Bestattungswälder wirklich für finanzielle Verluste bei den konventionellen Friedhöfen sorgen, kann oder will er nicht beantworten. Er fragt: „Muss man gezwungenermaßen eine Bestattungsform retten, die nicht mehr so nachgefragt ist wie früher?“ Er spielt damit auf klassische Sarggräber an. Als Unternehmer hat er vor allem die Wünsche des Kunden im Blick, und die gingen in den letzten Jahren ganz klar in die Richtung naturnahe, einfache und günstige Beerdigungen.

Auf dem Waldfriedhof Schönburger Land kostet die einfachste Form der Bestattung 750 Euro. Das entspricht einem Gemeinschaftsgrab mit eigener Namenstafel mit einer Laufzeit von 20 Jahren. Hinzu kommen Kosten für Einäscherung, Sarg und Urne und die Beisetzung.

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