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Bitte nicht lächeln, Puppe!

Johanna Schönes Liebe zu Stoffpuppen ist noch recht frisch. Trotzdem sind ihre handgefertigten Exemplare gefragt.

© René Meinig

Von Jana Mundus

Der neue Freund entsteht im Baukasten-Prinzip. Soll er lange oder kurze Haare haben? Helle oder dunkle Haut? Ohren? Auf jeden Fall – das Paar gibt es für 15 Euro. Der Popo kostet fünf Euro. Der Bauchnabel ist mit zwei Euro ein winziges Schnäppchen. Dann die Kleidung: Shirt, Pumphose, Strampler, Stickweste und diverse Mützen stehen unter anderem zur Auswahl. Klick für Klick basteln sich Johanna Schönes Kunden die Lieblingspuppe zusammen. Der Puppen-Generator auf der Internetseite der Dresdner Puppenmacherin ist beliebt. Schrittweise werden hier Kinderträume wahr – von der Puppe, die genauso ist, wie sie sein soll.

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Möglichst neutral soll die Mimik einer Waldorfpuppe sein. Johanna Schöne folgt diesem Credo bei ihren Puppen, damit viel Raum für die Fantasie der Kinder bleibt.
Möglichst neutral soll die Mimik einer Waldorfpuppe sein. Johanna Schöne folgt diesem Credo bei ihren Puppen, damit viel Raum für die Fantasie der Kinder bleibt. © René Meinig

Über 100-mal war Johanna Schöne schon Geburtshelferin. Denn auf die Welt kommen die Kleinen alle in ihrem Nähzimmer. Mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt sie in einer Wohnung unweit des Großen Gartens. Der Blick aus dem Fenster geht ins Grüne. Wenn die Kinder am Vormittag aus dem Haus sind, wird die 31-Jährige zur Puppenmama und zieht sich in ihr kleines Atelierzimmer zurück. Dort steht die Nähmaschine, warten in Schränken und Schubladen Stoffe, Garne und Wolle.

„Vor gut zwei Jahren wünschte sich meine Tochter eine selbstgenähte Puppe“, erzählt sie von den Anfängen. Damals war Johanna Schöne noch Nähanfängerin. Doch sie nahm die Herausforderung an, recherchiert, wie eine Stoffpuppe entsteht. „Der erste Versuch war noch nicht so schön“, sagt sie und lacht. Doch sie merkte damals schnell, warum sich so viele andere vor ihr schon der Puppenmacherei verschrieben haben. „Jede Puppe ist einzigartig, und es fasziniert mich einfach, wie mit jedem Handgriff ein Stückchen ihres Charakters lebendig wird.“

Plastearm und Kunststoff-Kopf? Die kommen bei ihr nicht an die Puppe. „Wir sind eine moderne Waldorffamilie, wenn es das gibt“, sagt sie. Schon seit jeher achtet sie darauf, dass in die Zimmer ihrer Kinder kein knallbuntes Plastikspielzeug einzieht. Natürlich ist es ihr lieber. Umweltbewusst will sie mit ihrer Familie leben und nachhaltig, wie es heute immer heißt. Für ihre Puppenwelt bedeutet das, dass sie ausschließlich Bio-Materialien verwendet.

Lange hat Johanna Schöne daran getüftelt, den Körper so zu nähen, dass die Stoffpuppe auch sitzen kann. Der Körper besteht aus einem Trikotstoff, wird mit Bio-Schafwolle gestopft. Je nach Kundenwunsch mit oder ohne Pobacken. Am zeitaufwendigsten ist der Kopf. Beim Füllen mit der Wolle entstehen Gesichtskonturen, wird die Nase ausgeformt. Für die Haare häkelt die Puppenmacherin eine Art Haarnetz, in das dann Wollfäden geknüpft werden. Augen und Mund werden gestickt, für die roten Wangen sorgt Wachsmalkreide. Wer möchte, dessen Puppe bekommt noch freche Sommersprossen. Mehr ist für Kinder nicht notwendig.

„Meine Puppen sind nach Waldorf-Art gefertigt“, erklärt die Designerin. Das Besondere: In ihren Gesichtern ist nur eine winzige Portion der Mimik vorgegeben. Das soll die Fantasie der kleinen Puppenmamas und -papas fördern. „So können die Kinder über ihre eigenen Gefühle entscheiden, welche Emotionen sie in der Puppe erkennen.“ Gefühle seien schließlich nicht immer gleich.

Wenn Johanna Schöne von ihrer Leidenschaft erzählt, strahlt sie Ruhe aus. Sie hat ihre Aufgabe gefunden, scheint es. Hektik hatte sie in ihrem früheren Job wohl genug. Eigentlich ist sie Betriebswirtin, hat in einem Steuerbüro gearbeitet. Doch als sie das Puppenmachen für sich entdeckte, war schnell der Wunsch da, das Ganze beruflich zu machen. Ein halbes Jahr überlegte sie, dann machte sie sich vor gut einem Jahr selbstständig. Nur kurz streift sie im Erzählen eine schwierige Zeit in ihrem Leben. Damals erkrankte sie schwer. Wer genau hinhört, versteht, warum es ihr so wichtig ist, ihre Zeit mit Erfüllendem zu verbringen.

„Schöne Welt“ hat Johanna Schöne ihre Puppenmacherei genannt. Aber diese, ihre eigene neue Berufswelt verlässt sie gern, wenn die Kinder nach Hause kommen. Dann nimmt sie sich Zeit für sie. Ein Luxus der Selbstständigkeit, wie sie sagt. An ihre Puppen denkt sie erst am Abend wieder, wenn die Kinder im Bett sind. „Ich sitze am Abend eigentlich immer mit Häkel- oder Strickzeug auf dem Sofa.“ Dann entstehen kleine Mützchen, Mini-Schuhe oder eine schicke Strickjacke für die neueste Puppenkreation.

Handarbeit dauert eben. Zwei Puppen werden pro Woche fertig. Zwischen 150 und 180 Euro kosten sie, je nach gewünschten Details. Dann gehen sie im Paket auf die Reise zu ihren neuen Besitzern. Johanna Schöne lässt sie ziehen. „Trennungsschmerz gibt es eigentlich nicht“, sagt sie lächelnd. „Ich freue mich, wenn ich weiß, dass dann ein Kind damit spielen wird.“ Auf der Weltkarte ihrer Homepage ist zu sehen, wo ihre Puppenkinder heute zu Hause sind. In ganz Deutschland sind sie in Kinderzimmern zu finden. Eine hat es sogar bis nach New York geschafft.

Die Leidenschaft fürs Puppenmachen gibt Johanna Schöne neuerdings auch weiter. In Kursen weiht sie andere in die Kunst ein. Von den Ohren bis zu den Füßen.

www.schoene-welt.de