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Blind durch Bautzen spazieren

Ein besonderes Stadtmodell soll Blinden und Sehschwachen die Orientierung erleichtern. Doch nicht nur ihnen.

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© Carmen Schumann

Carmen Schumann

Bautzen. Mit den Händen sehen – das können Gabriele Tschanter und Petra Schmidt. Denn mit ihren Augen können die beiden nur sehr schlecht sehen. Doch was sie mit ihren Händen ertasten können, begeistert sie. Gabriele Tschanter und Petra Schmidt gehören zu den ersten Mitgliedern des Blinden- und Sehschwachenverbandes, die das Vormodell für das neue Blindentastmodell der Innenstadt von Bautzen zu Gesicht bekommen, das sie sich schon so lange gewünscht haben.

Egbert Broerken hat das rosa-schimmernde Modell auf den Bautzener Hauptmarkt gebracht. Ursprünglich sollte das Modell schon beim „Tag der Vereine“ des „Bautzener Frühlings“ zu sehen sein. Doch da war der Objektdesigner aus Welver in Nordrhein-Westfalen wegen einer Beerdigung verhindert. Der Bildhauer freut sich über den Zuspruch, den sein Stadtmodell erfährt und wird nicht müde, die Fragen der Blinden, aber auch anderer Bautzener Bürger und Besucher zu beantworten.

So filigran wie möglich

Das sogenannte Vormodell besteht aus dem Material Styrodur, welches mit Styropor verwandt, aber viel feinporiger und somit dichter ist. „Es lässt sich auch sehr gut mit dem Cutter und dem Lötkolben bearbeiten“, sagt Egbert Broerken. Das muss er auch, denn die Details der Häuser sollen ja so filigran wie möglich herausgearbeitet werden, damit die Blinden sie gut ertasten können. Dass ihm das gut gelungen ist, bestätigt ihm Gabriele Tschanter.

Und natürlich wollen die Umstehenden wissen, wie aus dem Styrodur-Modell am Ende das fertige Bronzemodell entsteht. „Wir verwenden dabei das Wachsausschmelzverfahren“, erklärt Egbert Broerken. Über das Styrodurmodell wird eine Silikonform gezogen, die mit Wachs ausgepinselt wird. Dann wird das Ganze umgedreht und es werden Einguss- und Lüftungskanäle angelötet. Danach wird die ganze Rückseite mit Schamott begossen und die Silikonform abgezogen. Nun werden die Beschriftungen in Blinden- und in Normalschrift eingearbeitet. Darauf kommt wieder eine Schicht Schamott. Dieser Block wird für zehn Tage in den Ofen geschoben und bei 640 Grad langsam aufgeheizt. Dabei schmilzt das Wachs aus. In die Hohlräume, die dabei entstehen, wird dann die Bronze gegossen.

Gesamtgewicht von rund 130 Kilogramm

Die Bronzeschicht ist sechs bis sieben Millimeter stark. Dadurch bekommt das Modell ein Gesamtgewicht von rund 130 Kilogramm. In welchem Maßstab das Modell hergestellt wird, hängt von den räumlichen Gegebenheiten ab. Im Bautzener Fall ergab sich ein Maßstab von 1:500. Zu sehen ist die Stadtmitte, also im Prinzip alles, was von der früheren Inneren Stadtmauer umgeben war.

Egbert Broerken, der bereits 120 Stadtmodelle für Blinde geschaffen hat, freut sich, dass er auch Hinweise von Betrachtern bekommt, die er bei der Fertigstellung berücksichtigen muss. So fällt Gerald Schneider auf, dass auf dem Modell noch die alte Fabrik an der Scharfenwegbrücke zu sehen ist, die mittlerweile abgerissen wurde. Und Bürgermeister Peter Hesse weist auf das fehlende Mühltor hin. Der Objektdesigner markiert die betreffenden Stellen mit Nadeln, um die Hinweise einzuarbeiten. Wenn alles nach Plan läuft, soll das fertige Bronzemodell erstmals am Tag des offenen Denkmals, dem 13. September zu sehen sein. Es dient nicht nur Blinden und Sehschwachen, sondern auch Touristen zur Orientierung. Für das Projekt wurden rund 30 000Euro Spenden gesammelt.