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Bohrende Fragen zum Sturm auf Gefängnis

Israel. Mit der Militäraktion in Jericho hat Ehud Olmert seine Wahlchancen verbessert.

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Von Thorsten Schmitz,SZ-Korrespondent in Tel Aviv

Just an dem Tag, an dem die israelische Armee die mutmaßlichen Mörder des Tourismusministers Rehavam Zeevi festnahm, feierte der Rest des Landes das Purimfest. Es ist eines der wenigen fröhlichen Feste im jüdischen Kalender; die Menschen verkleiden sich und besuchen Karnevals-Umzüge. Von dem fast zehn Stunden langen Einsatz der Armee in der Wüstenstadt Jericho erfuhren die meisten Israelis erst am Dienstagabend, als Ahmed Saadat, der Führer der palästinensischen Terrorgruppe „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP), bereits in israelischem Gewahrsam war. Er soll die Ermordung des israelischen Tourismusministers befehligt haben.

Anarchische Zustände

Israelische Radio- und Fernsehsender lobten die Armee, Verteidigungsminister Schaul Mofas und den amtierenden Regierungschef Ehud Olmert. Die Titelseiten der auflagenstarken Zeitungen „Maariv“ und „Jediot Achronot“ jubelten gestern und ließen vor Freude alle Distanz fallen: „Wir haben ihn gefasst!“ hieß es in roten Lettern.

Nach wie vor ist unklar, weshalb die israelische Armee am Dienstag nur 20 Minuten nach dem Abzug der drei britischen Aufseher bereits mit der Erstürmung des Gefängnisses begann. Hatten die USA und Großbritannien die israelische Regierung über den Zeitpunkt des Abzugs der insgesamt 14 Aufseher informiert? Der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Mark Regev, erklärte, die israelische Regierung sei über einen Brief informiert gewesen, in dem die Konsule der USA und Großbritanniens mit dem Abzug der Aufseher drohen, falls Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nicht umgehend für ein Ende der anarchischen Zustände im Gefängnis von Jericho sorge.

Als am Dienstag die drei diensthabenden britischen Aufseher den israelischen Kontrollpunkt in Jericho passierten, hätten die Soldaten dies an das Verteidigungsministerium gemeldet. Daraufhin sei der Einsatzbefehl erteilt worden. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Ehud Olmert in der Siedlung Ariel auf.

Israels Regierung wollte unbedingt vermeiden, dass PFLP-Chef Saadat und weitere fünf verurteilte PFLP-Mitglieder nach dem Abzug der Aufseher das Gefängnis einfach verlassen. Hamas-Mitglieder und Präsident Abbas hatten die Freilassung von Saadat, der ohne Gerichtsverfahren in Jericho einsaß, mehrfach in Aussicht gestellt.

Saadats Inhaftierung basierte auf einem Kompromiss. Israel hatte 2001 nach dem Mord an Tourismusminister Zeevi die Belagerung des Hauptquartiers von Jassir Arafat aufgegeben, nachdem Arafat einer Inhaftierung Saadats unter internationaler Aufsicht zugestimmt hatte. Für Olmert kam die Flucht der Aufseher zu einem günstigen Zeitpunkt. Er will die Nachfolge des im Koma liegenden Ariel Scharon antreten und bei den Neuwahlen in zwei Wochen zum Regierungschef gewählt werden. Vor dem Einsatz war die von Scharon gegründete „Kadima“-Partei unter Olmerts Führung in den Umfragen abgesackt. Nur noch 35 von 120 Sitzen im Parlament waren ihr vorhergesagt worden. Gestern veröffentlichten mehrere Institute eine neue Prognose: „Kadima“ könnte nun mit 42 Abgeordneten rechnen.