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Der Meister der Farbe Schwarz

Pierre Soulages ist der berühmteste Künstler Frankreichs. Chemnitz zeigt einen Blick auf ein Jahrhundertwerk.

Pierre Soulages in seinem Atelier im Jahr 2017.
Pierre Soulages in seinem Atelier im Jahr 2017. © Sammlung Raphael Galliarde, Pari

Von Uwe Salzbrenner

Schon als Kind greift Pierre Soulages lieber zum Schwarz aus dem Tintenfass, anstatt den Tuschkasten mit den bunten Farben zu benutzen. Sogar, um den Schnee zu malen, benutzt er schwarze Linien auf weißem Papier. Das hat man ihm später zu seiner Verblüffung berichtet, als die Farbe Schwarz längst allbeherrschend in seiner Malerei ist. Früh beeindruckt ihn der Bau der Klosterkirche Sainte-Foy in Conques, die Abbildung der Felszeichnung eines Bisons aus der Höhle von Altamira, gemeißelte Statuen im Museum seiner Geburtsstadt Rodez, auch die Heftigkeit des Pinselstrichs in einer Lavierung von Rembrandt – Beispiele für eine Kunst, die wohlgelenkt spontan großes Ganzes organisiert.

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Die Pariser Akademie verlässt er dagegen am Tag seiner bestandenen Aufnahmeprüfung. Soulages malt vorerst mit dem spröden Schwung der Bürste eine Schrift aus beizedunklen Strichen aufs Papier. Verdichtet die Zeichen bald zu schwarzen, aufgerissenen Flächen, bis er 1979 die gesamte Leinwand schwarz einstreicht. Mit diesem „outrenoir“, der Wirkung des jenseitigen Schwarz im Lichteinfall experimentiert Soulages die anschließenden vierzig Jahre.

Heute ist er 101 Jahre alt und gilt als der mit Abstand bekannteste lebende Künstler in Frankreich. Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden und die Kunstsammlungen Chemnitz haben ihm zu Ehren eine repräsentative Sonderschau eingerichtet, die jetzt in Chemnitz bis Ende Juli zu sehen ist.

Bündel aus Strichen

Für die Kunstsammlungen Chemnitz ist dies auch Gelegenheit, aus dem eigenen Bestand diejenigen Künstler der einst jungen Bundesrepublik noch einmal vorzustellen, die von Soulages‘ Malerei – er war Teilnehmer der ersten drei Ausgaben der Weltkunstausstellung documenta – angezogen wurden oder ihn in seinem Atelier in Paris einst besucht haben: Fritz Winter, Will Baumeister, Günther Fruhtrunk, Rupprecht Geiger. Soulages selbst lässt sich kaum beeinflussen. Zumindest kann man ihn weder zum Informel zählen noch zu den abstrakten Expressionisten: Formgebung interessiert ihn zu sehr, Gesten lässt er hinter dicken Pinselstrichen verschwinden. Früh legt Soulages zudem eine Ordnung für die Bildtitel fest, die jede Erzählung oder Repräsentation ausschließt: Als erstes nennt er die Technik, dann die Maße und das Herstellungsdatum. Mehr nicht.

Auch die Anfänge seiner Kunst stellt die Chemnitzer Schau vor: Die Nussbeizemalereien auf Papier zeigen unlesbare Schriften, wie aus Eisen gebogen oder mit Holzstäbchen genagelt; Bündel aus Strichen, dunkelfleckige Schilder. Im Großformat der Gemälde erscheint diese Kalligrafie als Balkengerüst ohne Funktion, manchmal wie vom Sturm durchgerüttelt, das zwischen den schwarzen Strichen Licht fängt. In den 1960ern ordnet Soulages das Bild dann mit breiten schwarzen Striemen, die durch ihre Finsternis den grauweißen, ockerfarbenen oder rostigen Hintergrund heftig brennen lassen. Solche Malerei lobt als organisierter Block das Licht.

Das Jenseitsschwarz ist zu sehen – auch noch mit einem Nachtrag teerschwarzer Schrift auf weißem Grund, mit schönen Bögen und Schlingen. „Peinture 202 x 165 cm, 19 novembre 1990“ zeigt bereits den Wechsel von gerieften und glatten Streifen, die das einfallende Licht im totalen Schwarz beeinflussen: Die mit dem Lederriemen oder Schustergummi geglätteten Bahnen sind matt und körnig, wie ein beschlagener Spiegel. Die mit Rakel, Messer oder Stock quer geritzten Flächen glitzern dagegen hell.

Im großen Oberlichtsaal wird dieses Spiegelspiel mit glasiger Glätte und scharfen Kanten zur Andachtsübung vor bis zu vier Meter hohen und sechs Meter breiten Schwarzflächen, beeindruckend schon allein durch Größe und Schweigen. Die letzten dieser hier ausgestellten Riesenschraffuren schuf Soulages am 18. Oktober 2019, im Alter 99 Jahren, für eine große Schau im Pariser Louvre. Aber auch wenn die schräg gerichteten Strahler im Saal für die Reflexionen der schwarzen Farbe ordentlich mitarbeiten – auf die eigene, flotte Bewegung darf der Betrachter nicht verzichten. Er muss das flüchtige Flimmern suchen, das matte wie das messerscharfe; das Bild im Raum vor dem Bild, von dem Soulages gern spricht.

Die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1, ist bis zum 25. Juli zu sehen, geöffnet dienstags und donnerstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie mittwochs von 14 bis 21 Uhr.

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