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Chinas neue All-Macht

Die Sonde „Chang’e 4“ ist auf der Rückseite des Mondes gelandet. Auch Technik aus Deutschland ist an Bord.

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Weich aufgesetzt: Die Computersimulation aus dem Pekinger Kontrollzentrum zeigt die Landung von „Chang’e 4“ am Aitken-Krater am Südpol des Mondes.
Weich aufgesetzt: Die Computersimulation aus dem Pekinger Kontrollzentrum zeigt die Landung von „Chang’e 4“ am Aitken-Krater am Südpol des Mondes. © Jin Liwang/Xinhua/dpa

Von Jörn Petring

Mit der ersten Landung auf der Rückseite des Mondes feiert Chinas Weltraumprogramm einen Meilenstein. Als die Raumsonde „Chang’e 4“ am Donnerstagmorgen genau zur geplanten Zeit um 3.26 Uhr im Aitken-Krater in der Nähe vom Südpol aufsetzt, macht sich Erleichterung unter den Wissenschaftlern und Ingenieuren im Pekinger Kontrollzentrum breit. Das Manöver galt als besonders schwierig, weil die Rückseite des Mondes im Funkschatten zur Erde liegt.

Die Rückseite des Mondes galt lange als Mysterium, denn von der Erde aus ist sie nicht sichtbar. Dauerhaft dunkel ist sie deshalb noch lange nicht. Fakt ist: Der Mond kreist so um die Erde, dass er ihr immer dieselbe Seite zuwendet. Die Sonne bestrahlt innerhalb dieser rund vier Wochen reihum alle Seiten des Mondes. Bei Vollmond wird die Vorderseite des Mondes bestrahlt, die der Erde zugewandt ist, bei Neumond die Rückseite.


Die von der China National Space Administration zur Verfügung gestellte Aufnahme zeigt ein während des Landung der Sonde entstandenes Foto.
Die von der China National Space Administration zur Verfügung gestellte Aufnahme zeigt ein während des Landung der Sonde entstandenes Foto. © dpa


Im chinesischen Staatsfernsehen war von einer historischen Landung und einem großen technologischen Durchbruch die Rede. Minuten nach der Landung funkte die Sonde erste Bilder zur Erde, auf denen die Oberfläche des Mondes zu sehen ist. An Bord der „Chang’e 4“ befindet sich ein Roboterfahrzeug, das in einem nächsten Schritt das Terrain um die Landestelle erkunden soll.

Chinesische Experten hatten die Mission im Vorfeld als sehr anspruchsvoll bezeichnet. Als Hürde galt die reibungslose Kommunikation mit der Erde, weil auf der Rückseite des Mondes keine direkte Funkverbindung aufgebaut werden kann. Deshalb brachten die Chinesen bereits im Mai den Übertragungssatelliten „Queqiao“ (Brücke der Elstern) in Position, um Signale aus dem Funkschatten senden zu können.

Mit einem reibungslosen Ablauf der Mond-Mission soll unter Beweis gestellt werden, dass Chinas ambitioniertes Raumfahrtprogramm große Fortschritte macht. Geplant sind unter anderem Experimente mit niedrigen Radiofrequenzen. Ohne die Erdatmosphäre und andere Störungen können Astronomen in der Stille des Alls besser Signale auffangen und hoffen auf neue Erkenntnisse über die Entstehung der Sterne.

Zudem hat „Chang’e 4“ Saatgut geladen, mit dem geprüft werden soll, ob Gemüseanbau in einer geschlossenen Umgebung bei der niedrigen Schwerkraft der Mondoberfläche möglich ist.


Robert Wimmer-Schweingruber, Professor für Physik an der Universität Kiel, zeigt ein Lunar Lander Neutron Dosimetry (LND), das an Bord der "Chang'e 4" ist.
Robert Wimmer-Schweingruber, Professor für Physik an der Universität Kiel, zeigt ein Lunar Lander Neutron Dosimetry (LND), das an Bord der "Chang'e 4" ist. © dpa


An Bord ist auch ein von Wissenschaftlern der Kieler Christian-Albrechts-Universität entwickeltes Strahlenmessgerät. Das Kieler Experiment soll mindestens ein Jahr lang die Strahlung und den Wassergehalt des Bodens messen und die Daten zur Erde schicken.

Die Erkenntnisse daraus sollen helfen, zukünftige bemannte Mondmissionen vorzubereiten. „Wir wollen mit unserem Lunar Lander Neutron Dosimetry vor allem die Neutronen-Strahlung erforschen“, sagte Teamleiter Robert Wimmer-Schweingruber. „Denn die Strahlenexposition ist das größte unkontrollierte Risiko für Astronauten-Missionen.“

„Die Landung hat vor allem einen großen symbolischen Wert“, sagt der Dortmunder Techniksoziologe und Weltraumexperte Johannes Weyer. Die Amerikaner hätten sich in der Vergangenheit mit den Russen einen Wettkampf um die Vorherrschaft im All geliefert – und gewonnen. Jetzt kommen die Chinesen, „die demonstrieren, dass sie eine technologische Großmacht sein wollen“.

Nicht nur auf der Erde, auch im All müssen sich die USA daran gewöhnen, dass sie neue Konkurrenz bekommen. Mit Roboterfahrzeugen, die lediglich Fotos von der Mondoberfläche machen, will sich China bei seinen ambitionierten Plänen nicht mehr lange begnügen. Kaum ist die nach der chinesischen Mondgöttin benannte „Chang’e 4“ gelandet, steht auf Pekings eng durchgetaktetem Weltraum-Plan schon die nächste Mission an. Mit „Chang’e 5“ sollen noch in diesem Jahr Gesteinsproben zurück auf die Erde gebracht werden. 2030 soll dann erstmals ein Chinese auf dem Mond landen.


Die CNSA- Aufnahme zeigt die Rückseite des Mondes, aufgenommen von der «Chang'e 4»-Sonde.  
Die CNSA- Aufnahme zeigt die Rückseite des Mondes, aufgenommen von der «Chang'e 4»-Sonde.   © dpa


„Alles baut aufeinander auf“, sagt Ouyang Ziyuan, führender wissenschaftlicher Berater des chinesischen Mondprogramms. China denke sehr langfristig und zeigt auch Interesse an den Rohstoffen auf dem Mond – besonders Helium-3. Das Isotop gilt als möglicher Brennstoff für Kernfusionskraftwerke in ferner Zukunft.

Doch nicht nur auf dem Erdtrabanten verfolgt Peking ambitionierte Pläne. 2018 schickte China zum ersten Mal mehr Raketen in den Orbit als jedes andere Land. Die Last, die neue Raketen-Generationen ins All tragen können, steigt dabei stetig.

So soll für China nicht nur bald schon eine Reise zum Mars Wirklichkeit werden, sondern bereits in naher Zukunft der Bau einer großen chinesischen Raumstation gelingen, die ständig bemannt ist. 2022 soll sie betriebsbereit sein.

Chinas Raumfahrtvorhaben dienen nicht nur dem Prestige und der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, verfolgt werden ganz klar auch militärische Interessen. Militärexperten in China verweisen gerne darauf, dass künftige Kriege im All gewonnen werden. „Wer Raketen in den Weltraum schießt, kann auch andere Länder bedrohen. Das muss man immer im Hinterkopf haben“, sagt Weltraumexperte Weyer. Auf die neue militärische Konkurrenz im All stellen sich die USA unter Präsident Donald Trump längst ein. Er hat ein neues militärisches Führungskommando „Space Command“ ins Leben gerufen. (dpa)