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Dach ohne Ziegel

Planen schützen Schloss Jahnishausen derzeit vor Regen. So viele der alten Ziegel wie möglich sollen später wieder aufs Dach. Dabei sind sie schon stolze 300 Jahre alt.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke

Riesa. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Nach diesem Motto werden in Jahnishausen derzeit fleißig Dachziegel sortiert. „Die Ältesten von ihnen sind 300 Jahre alt“, sagt Inka Engler vom Schlossretterverein Accademia Dantesca Jahnishausen . „Die Guten sollen noch mal 100 weitere Jahre halten.“ Wenn die „Nasen“ noch taugen und nicht zu viel Material ausgebröselt ist, können die alten Ziegel wiederverwertet werden. Auf der Innenseite eines jeden Ziegels befindet sich ein kleiner Knubbel, der verhindert, dass das Dach abrutscht. Die Entscheidung, welche Pfanne noch zu gerbauchen ist, treffen die Dachdecker, die seit Ende vergangenen Jahres auf der Baustelle im Einsatz sind. „Mit den alten Ziegeln wird später die Nordseite zum Park hin eingedeckt. Auf die andere Seite kommen die neuen Ziegel“, erklärt Inka Engler.

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vDas historische Gebäude muss gerade gänzlich ohne Ziegel auskommen.
vDas historische Gebäude muss gerade gänzlich ohne Ziegel auskommen. © Sebastian Schultz

Das Dach des Westflügels ist inzwischen von all seiner Ziegellast befreit. Stattdessen schützen Plastikplanen den Dachstuhl vor der Witterung. „Das klappt erstaunlich gut. Die Planen halten fast dicht“, sagt Engler. Die abgenommenen Dachziegel lagern vorm Schloss in groben Holzkästen – beziehungsweise in einem Schrottcontainer. Dort landen die Ziegel, die wirklich nicht mehr zu retten sind. Die Vereinsmitglieder unterstützen die Dachdecker bei ihrer Arbeit. „50 verschiedene Ziegelarten haben wir dabei gefunden“, sagt Inka Engler. Manche der „Neueren“ seien dunkel glasiert. „Das war um die Jahrhundertwende Mode.“ Über die Jahre seien immer wieder einzelne Ziegel ausgetauscht worden. Die älteste Generation erkenne man nicht nur daran, dass jedes Exemplar etwas krumm und schief sei, sondern außerdem am sogenannten Handstrich. „Bei der Produktion war es früher üblich, vor dem Brennen mit allen fünf Fingern einmal über die Außenseite zu fahren“, sagt Inka Engler und zeigt eines der 300 Jahre alten Stücke: Die fünf Rillen für fünf Finger sind deutlich zu erkennen. Bevor sie wiederverwertet werden können, müssen die Ziegel noch von Mörtelresten befreit werden.

Auch direkt unterm Dach sind die Veränderungen seit Beginn der Arbeiten deutlich zu erkennen. „Die Zimmerleute sind so gut wie fertig“, so Engler. Und das, obwohl mehr Balken des Dachstuhls aus dem 17. Jahrhundert ausgetauscht werden mussten, als die Schlossretter erwartet hätten. So zeigt sich im obersten Geschoss eine bunte Mischung aus 300 Jahre altem dunklen und neuem hellen Holz. Der Dachstuhl wird auch nach dem Abschluss der Arbeiten zu sehen bleiben. Eine Dämmung und der weitere Ausbau sind nicht vorgesehen.

Bei den Arbeiten auf dem Dachboden ist unter einer Lehmschicht auch eine historische Decke zum Vorschein gekommen. Die kunstvoll gemalten Balken stammen aus der Renaissance – also aus der Zeit vor dem berühmtesten Schlossbesitzer. König Johann von Sachsen bevorzugte eine schlichte Decke mit einer einfachen Stuckleiste. „Aber so schön sie ist, die Renaissancedecke wird wieder eingebaut und verschwindet damit wieder“, erklärt Inka Engler. Denn: Die Schlossretter und der Denkmalschutz haben sich darauf verständigt, das Gebäude optisch wieder in den Zustand aus Zeiten König Johanns zu versetzen. Dazu gehört auch der Außenstrich: Moosgrün. Wenn schon, denn schon.