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Das Depot der Schönheiten

In der Zwingerbauhütte wird alte Sandsteinkunst erhalten – oder auch kopiert.

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© André Wirsig

Was haben Minerva und die Allegorie der Freigebigkeit gemeinsam? Diese und andere Sandsteinskulpturen des Zwingers sind derzeit zur Schönheitskur. Und dabei in der Zwingerbauhütte in hervorragenden Händen. Von der 1717 geschaffenen Skulptur Minerva vom Wallpavillon wird derzeit eine Kopie gefertigt, die Allegorie der Freigebigkeit vom Kronentor restauriert. Das sächsische Kompetenzzentrum der Sandsteinrestaurierung befindet sich auf dem Gelände der einstigen Königlichen Hufschmiede an der Kleinen Packhofstraße. Dort arbeiten Steinmetze, Restauratoren und Bildhauer, die zu den besten ihres Fachs gehören – oder es werden wollen. Denn bereits seit 1998 werden hier wieder Lehrlinge ausgebildet, derzeit sind es drei.

Hans-Christoph Pampel nimmt die Maße am Gipsabguss eines Delfins. Mit dem Punktiergerät wird sie der Bildhauermeister auf einen Sandsteinblock übertragen. So kann eine Kopie des Kunstwerks am Brunnen des Nymphenbades gefertigt werden.
Hans-Christoph Pampel nimmt die Maße am Gipsabguss eines Delfins. Mit dem Punktiergerät wird sie der Bildhauermeister auf einen Sandsteinblock übertragen. So kann eine Kopie des Kunstwerks am Brunnen des Nymphenbades gefertigt werden. © André Wirsig

Die Zwingerbauhütte war 1924 entstanden, um die vierte Zwingerrestaurierung vorzubereiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten Handwerker und Restauratoren in dieser Werkstatt am Wiederaufbau der zerstörten Anlage. 1965 war die Bauhütte allerdings aufgelöst worden. Nach der Neugründung des Freistaats wurde dann auch die traditionsreiche Stätte sächsischer Steinhandwerkskunst im Juni 1991 wiederbelebt. Der gelernte Steinmetz Ralf Schmidt leitet seitdem die Zwingerbauhütte. 1996 bestand der heute 49-Jährige die Meisterprüfung.

Schützende Lasur für Skulpturen

Kurz vor der Jahrhundertflut 2002 ist die Einrichtung des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) von den früheren Werkstätten am Zwingerwall in die nur wenige Steinwürfe entfernten Hallen gezogen. Die Arbeitsbedingungen sind sehr gut, schätzt Hüttenmeister Schmidt ein. Stolz zeigt sich auch der zuständige Dresdner SIB-Niederlassungschef Ludwig Coulin. Er spricht von der Zwingerbauhütte als „Steinlabor der Zukunft“. Das allerdings mit knappem Personal auskommen muss – und mit der Erhaltung des Zwingers mit seinen 698 Skulpturen, 15 000 Quadratmetern Fassadenflächen und langen Balustraden gewaltige Aufgaben hat.

Dieses Können war unter anderem auch an der katholischen Hofkirche, am Dresdner Residenzschloss, am Ständehaus und dem Schloss Hubertusburg gefragt, macht Hüttenmeister Schmidt deutlich. Das haben fünf fest angestellte Spezialisten und zudem ein Steinmetz sowie eine Bildhauerin mit befristeten Verträgen und zwei Lehrlinge zu meistern, erläutert er. In den 1990er-Jahren hatten dort noch zwölf Fachleute gearbeitet.

Gerade erst hat die Zwingerbauhütte einen Großauftrag abgeschlossen. Die 22 Attikaskulpturen für den oberen Teil des Kronentors sind restauriert. Doch die Arbeit geht ihnen nicht aus. Immerhin stehen im Hütten-Depot auch 165 Skulpturen, von denen etliche verwittert und dadurch beschädigt sind. Insgesamt existieren nur noch 30 Originale aus der Bauzeit Anfang des 18. Jahrhunderts. Von einigen werden auch Kopien gefertigt, die zurück in den Zwinger kommen.

Restaurator Frank Hoferick erklärt das Vorgehen an solch wertvollen Skulpturen. Zuerst untersuchen die Fachleute das Kunstwerk akribisch, um ein Restaurierungskonzept erarbeiten zu können. „Dann wird die Patina oberflächlich abgetragen“, nennt der 53-Jährige den nächsten Schritt. Nun geht die Skulptur baden. Denn wichtig sei, im Wasser die Salze zu lösen, die sich durch Schadstoffbelastungen der Luft infolge der einstigen Braunkohlenverbrennung eingelagert haben. Als Beispiel führt der Restaurator die Nymphen aus dem Nymphenbad des Zwingers an. „Pro Skulptur haben wir 1.500 bis 2.200 Gramm Salz entfernt“, berichtet er. Letztlich wird eine speziell entwickelte Silikonharz-Lasur auf die Skulptur aufgetragen. Diese ist zwar luftdurchlässig, schützt aber vor Wind und Wetter. Dadurch erhöht sich die Haltbarkeit von etwa 80 auf bis zu 130 Jahre.

Original von 1715 kommt ins Depot

Eine derartige Behandlung bekommt derzeit die Allegorie der Freigebigkeit, auf der Fehlstellen jetzt noch mit Steinergänzungsmörtel ersetzt werden. Eine Silikonharz-Lasur erhält die Skulptur, die in einigen Wochen wieder ihren Platz am oberen Durchgang des Kronentors erhalten wird, aber nicht. Denn es handelt sich um ein Original von 1715.

Eine weitere Technologie zeigt Steinbildhauermeister Hans-Christoph Pampel. Der 53-Jährige hat gerade den Gipsabdruck eines Delfins vom oberen Brunnen des Nymphenbades gefertigt. Mit einem Punktiergerät überträgt er die Maße auf einen großen rohen Sandsteinblock, aus dem eine Kopie des Kunstwerkes entsteht. Ist die fertig, wird sie das Original ersetzen, das dann im Depot sicher eingelagert werden kann. Er benötigt bis zu einem halben Jahr, um die Kopie herzustellen.