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Das Geheimnis des gelben Streifens

© Robert Michael

Moussa Koné startet bei Dynamo durch, aber ist seine Frisur ein Bekenntnis zum Verein? Ein Porträt des Neuzugangs.

Von Sven Geisler

Neun Sekunden? Bei der Antwort stutzt sogar der Dolmetscher. Moussa Koné ist zwar „eine kleine Rakete“, wie sein Mitspieler Lucas Röser gesagt hat. Aber wenn er tatsächlich so schnell wäre über die 100 Meter, wäre er Sprinter, Weltrekordler obendrauf. Usain Bolt hat 9,58 Sekunden gebraucht. Doch Koné ist Fußballer, der neueste Neuzugang bei Dynamo Dresden. Als der Verein vor einer Woche den Millionen-Transfer vom FC Zürich vermeldete, war der 21 Jahre alte Senegalese schon wieder auf dem Weg zurück in die Schweiz, um die Formalitäten zu klären.

Konés Premieren

Am vergangenen Samstag trainierte Moussa Koné zum ersten Mal mit seiner neuen Mannschaft. Als er den Trainingsplatz betrat, waren zahlreiche Fotografen vor Ort - unter anderem auch Olaf Rentsch.
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Das dauerte etwas länger als gedacht, sodass er den geplanten Rückflug und das Testspiel in Riesa verpasste. Es sah nach einem verzögerten Start aus. Bis plötzlich alles blitzschnell ging – und Koné in seinem Premierenspiel sein erstes Tor schoss. „Ich hatte noch nie vor einer so großen Kulisse gespielt, besser hätte ich es mir nicht ausmalen können.“ Nach seinem Treffer liebkoste er das Emblem über dem Herzen, als sei er schon viereinhalb Jahre hier.

So lange läuft sein Vertrag, also bis Sommer 2022. Dynamo stehe zwar derzeit eher unten drin, habe aber andere Ziele als den Abstiegskampf in der zweiten Liga, verkündet Koné bei seiner offiziellen Vorstellung am Dienstagmittag. Man könnte denken, er habe sogar noch die Zeit für den Friseur gefunden, um einen Streifen in seinem schwarzen Haar gelb zu färben. „Vielleicht“, meint er keck und grinst. „Das habe ich schon länger. Aber es ist ein bisschen rausgewachsen. Ich werde es extra gelb nachfärben.“

Sein Jubel sei spontan gewesen, verrät Koné, „aber wenn es weiter so gut klappt, behalte ich es vielleicht sogar bei“. Dass er auch den Rasen küsst, hat einen tieferen, einen religiösen Sinn. „Ich bin Moslem, der Glaube ist für mich sehr wichtig. Er gehört zu meiner Kultur.“ Fünfmal am Tag betet er, steht sogar früh um sechs Uhr auf. „Ich gehe aber danach noch mal schlafen“, betont er. Schließlich soll seine Leistung nicht leiden, denn in den nächsten Wochen hat er einiges vor. „Ich versuche, das umzusetzen, was mir der Trainer sagt, und hoffe, dass es für mich und die Mannschaft eine gute Rückrunde wird.“

Ein guter Anfang ist schon mal gemacht mit dem 2:0 gegen Bochum und seinem perfekten Einstand. Trotzdem wäre es zu früh, den jungen Mann als Hoffnungsträger hochzujubeln und mit einer überzogenen Erwartungshaltung zu belasten. Er ist das, was Sportgeschäftsführer Ralf Minge gesagt hat: ein entwicklungsfähiger Spieler mit viel Potenzial.

Mit sieben Jahren fing Koné in der senegalesischen Hauptstadt Dakar bei AS Sacré-Cœur an zu kicken. Er ist „in einer großen Gemeinschaft“ aufgewachsen, erzählt er, hat einen Bruder und einen Halbbruder. Und er ist schon verheiratet. Seine Frau lebt in Paris, soll aber bald nach Dresden ziehen. Den trainingsfreien Montag hat Koné genutzt, um mit einem Freund durch die Stadt zu spazieren, und sein erster Eindruck war offenbar so gut, dass er diesmal nicht auf Französisch antwortet, sondern auf Deutsch. „Ja, ja, ich habe gesehen, sehr, sehr schön.“ Zerbröckelt nannte Niklas Kreuzer die Sprachkenntnisse des neuen Mitspielers, aber Konés Augen und sein Lächeln verraten im Gespräch, dass er nach zweieinhalb Jahren in der Schweiz viel versteht. Er traut sich nur nicht, drauflos zu plaudern, will aber Unterricht nehmen.

Die Verständigung auf dem Platz hat sowieso auf Anhieb geklappt, und auch sonst sei er herzlich aufgenommen worden. „Alle sind wahnsinnig hilfsbereit.“ Eigentlich wollte Dynamo den flinken Stürmer schon vorigen Sommer holen. Das habe leider nicht geklappt, umso mehr sei er beeindruckt davon gewesen, wie hartnäckig die Dresdner danach bei ihm nachgehakt haben. Zürich bleibe er aber als seiner ersten Profi-Station freundschaftlich verbunden. Es sei nicht so einfach gewesen, 2015 dorthin zu kommen, denn im Senegal träumen viele talentierte Jungen wie er vom Wechsel nach Europa. Mit seiner Heimat hält er engen Kontakt, telefoniert oft mit Freunden oder hört senegalesische Musik.

Koné hat in der Jugendauswahl gespielt, mit der U20 bei der Weltmeisterschaft und im Afrika-Cup. Trotzdem schiebt er den Gedanken an die Nationalelf erst einmal beiseite. „Die Offensive des Senegal ist mit namhaften Spielern besetzt.“ Zum Beispiel mit Sadio Mané vom FC Liverpool. Bei Dynamo ist Koné der zweite Senegalese nach Cheikh Gueye, der von 2011 bis 2014 hier war und jetzt bei Jeanne d’Arc de Drancy in der vierten französischen Liga spielt. Diesen Landsmann kennt Koné nicht, will sich aber mal nach ihm erkundigen. Bleibt also nur die Frage nach seiner 100-Meter-Zeit offen, aber letztlich ist die völlig egal. Wenn er im richtigen Moment am richtigen Ort ist. Wie bei seinem Tor.