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Das Landleben aufmischen

Ein Kulturprojekt aus Nossen erhält knapp 100 000 Euro vom Bund. Es könnte deutschlandweit zum Vorbild werden – wenn die Leute auf dem Land mitziehen.

Kathrin Dobiéy mit ihrem Mann und Geschäftspartner Dirk Dobiéy und Mandy Köplin (v. l.) vom Beratungsunternehmen Age of Artists vor dem Rittergut Raußlitz.
Kathrin Dobiéy mit ihrem Mann und Geschäftspartner Dirk Dobiéy und Mandy Köplin (v. l.) vom Beratungsunternehmen Age of Artists vor dem Rittergut Raußlitz. © Claudia Hübschmann

Nossen. Der Ort könnte nicht besser gewählt sein: das Rittergut Raußlitz, nach der Angliederung der Gemeinden Ketzerbachtal und Leuben-Schleinitz an Nossen nicht länger als Verwaltungssitz gebraucht. Auch der Konsum im Erdgeschoss ist längst verschwunden. Was bleibt, sind ein Frisör, ein Parkplatz – und viel leere Fläche. Ein Symbol für das ungenutzte Potenzial im immer weiter verkümmernden ländlichen Raum.

Und vielleicht bald auch ein Symbol für die Umkehr dieser Entwicklung. Denn in den Räumen des ehemaligen Konsums wird bald das Projekt „Land und Kultur gestalten“ einziehen. Auf dessen Internetseite ist zu lesen: „Land und Kultur gestalten bringt generationsübergreifend Menschen in Nossen und Umgebung zusammen, um sich auszutauschen, mit- und voneinander zu lernen, gemeinsam kreativ zu werden und ihr Lebensumfeld zu gestalten.“

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Dahinter steckt eine Handvoll Menschen, die sich um die gemeinnützige GmbH Age of Artists aus Gallschütz zentriert, darunter die Gründer des Beratungs- und Weiterbildungsunternehmens, das Ehepaar Kathrin und Dirk Dobiéy, sowie deren Mitarbeiterin Mandy Köplin. Die künstlerische Leitung übernimmt der Bonner Künstler Daniel Hoernemann.

Er war es auch, der seine Freunde aus Gallschütz vor etwa zweieinhalb Jahren auf die Ausschreibung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft aufmerksam gemacht hat. Das Bundesprogramm Ländliche Entwicklung fördert die Zukunftsfähigkeit ländlicher Regionen – und bewilligte das Projekt „Land und Kultur gestalten“ aus Nossen. Genau 99 990,40 Euro erhalten die Antragsteller als Anschubfinanzierung für zwei Jahre.

„Wir haben die Feststellung gemacht, dass es hier auf dem Land immer weniger Angebote gibt, vom einfachen Geldautomaten bis hin zu Kunst und Kultur“, sagt Dirk Dobiéy von Age of Artists. „Außer den Bemühungen von Kirchen, Feuerwehren und einigen Vereinen gibt es kaum noch etwas – und wir wollen helfen, diese Lücke zu schließen, indem wir die Kreativität in der Region Nossen und insbesondere im ländlichen Raum sichtbar machen und die Menschen vernetzen, um gemeinsam Angebote für die Bevölkerung zu entwickeln.“

Diese Angebote sollen sich nicht unbedingt nur um die klassischen Kunstformen wie Musik, Malerei oder Schauspiel drehen. „Wir wollen den Leuten nicht vorschreiben, was Kultur bedeutet“, erklärt Dirk Dobiéy. „Wir wollen herausfinden, was sie sagen, was es sein könnte – ist es vielleicht Marmelade einkochen oder ein Chor? Es geht also zuerst darum, festzustellen was sinnvoll ist und gebraucht wird.“

Ziel ist nämlich nicht, dass das Projekt allein in den Händen der Antragsteller verbleibt, sondern dass vielleicht ein Verein daraus entsteht – der dann wiederum zum Leuchtturm für andere ländliche Regionen in Deutschland werden kann. „Aber uns ist auch klar, dass es sicher nicht leicht werden wird, die Menschen für die Angebote zu begeistern“, sagt Dirk Dobiéy. Eine Herausforderung, der sich die Projektverantwortlichen gerne stellen wollen, auch wenn Dirk Dobiéy sagt: „Auch Scheitern ist eine Option.“

Und Wunder vollbringen kann das Projekt ebenso wenig. „Nein, den Geldautomaten bringen wir nicht zurück, wir schaffen auch kein schnelleres Internet und bringen auch vielleicht nicht den Konsum nach Raußlitz zurück“, sagt Dirk Dobiéy. Aber einen Ort könne man schaffen, an dem Bürger zusammensitzen, sich austauschen und gemeinsam gestalten – auch Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, ergänzt Kathrin Dobiéy.

Das eigene Engagement der gebürtigen Dresdnerin für die Region begann zur Zeit der Flüchtlingskrise in Perba. „Unser Geld verdienen wir nicht hier, sondern in Berlin, Köln oder Hamburg“, erklärt Dirk Dobiéy, der in der Nähe vom Kaiserstuhl in Baden-Württemberg aufgewachsen ist. „Aber wenn man hier so lange lebt, fragt man sich, welchen Beitrag man leisten kann – und dies ist das, was wir mit unseren Kompetenzen tun können.“

www.land-und-kultur-gestalten.de