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„Das löst Frustrationen und Aggressionen aus“

Das Vertrauen in die Politik schwindet. Psychologie-Professor Martin Schweer schildert im SZ-Interview, wie man Neues aufbauen kann – und wie schwierig das ist.

© privat

Der Aufstieg der AfD, Radikalisierungen und die Spaltung der Gesellschaft haben viel mit verloren gegangenem Vertrauen in Politik und Medien zu tun. Warum ist das so? Was macht das mit Menschen, die nicht mehr vertrauen können? Wie lässt sich verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen? Die SZ sprach darüber mit dem Chef des Zentrums für Vertrauensforschung an der Uni Vechta, Professor Martin Schweer.

Herr Professor Schweer, wie wichtig ist Vertrauen?

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Vertrauen ist lebensnotwendig. Wenn ich mich in den Straßenverkehr begebe, dann muss ich darauf vertrauen, dass sich die Verkehrsteilnehmer einigermaßen vernünftig verhalten, bei Rot anhalten, erst bei Grün fahren und nicht mit 120 durch die Spielstraße rasen. Andererseits geht kein Mensch davon aus, dass ihm in den nächsten fünf Minuten die Decke auf den Kopf fallen wird, obwohl das ja durchaus möglich ist. Vertrauen brauche ich also, um normal leben zu können. Ich schließe damit eine Vielzahl von alternativen Möglichkeiten einfach gedanklich aus.

Sie sagen: Vertrauen ist lebensnotwendig. Gilt das etwa auch für Vertrauen in die Politik?

Vielfach wird darüber spekuliert, wie wichtig es wäre, der Politik stärker zu misstrauen. Misstrauen sei doch konstruktiv. Das stimmt jedoch nur bedingt, es muss stets dazu ein Pendant des Vertrauens geben. Wenn Menschen gar nicht mehr dem Funktionieren des Staates vertrauen, dann herrscht ein hohes Maß an Verunsicherung und Ängstlichkeit. Dies gerade in Zeiten, in denen große globale Herausforderungen auf uns zukommen. Extreme politische Haltungen oder auch fatalistische Einstellungen werden dadurch gefördert, Menschen ziehen sich zurück und gehen nicht mehr wählen.

Nun sagen viele Menschen, gerade auch in Sachsen, dass sie das Vertrauen in die Politik verloren haben.

Dieses Vertrauen ist auch in den vergangenen Jahrzehnten nicht sehr hoch gewesen. Dabei sind die Vertrauenswerte in die Politik im europäischen Vergleich durchaus noch akzeptabel, sie sind allerdings auf jeden Fall Anlass genug, um nach Verbesserungen zu streben. Viele Menschen haben das Vertrauen in die Politik verloren, weil ihre Anliegen nicht wirklich in der Politik angekommen sind und dort behandelt werden. Sie haben das Gefühl, dass sich die Politik mehr um die Belange anderer kümmert als um ihre eigenen. Und das löst Frustrationen und auch Aggressionen aus.

Deshalb vertraut ein Teil der Sachsen eher dem Pegida-Chef Lutz Bachmann, einem Mann, der bereits mehrfach vorbestraft ist?

Je komplexer die Sachverhalte, umso mehr Chancen haben einfache Antworten. Daher wird gerne Menschen Zustimmung geschenkt, die Bürgernähe versprechen und einfache Lösungen anbieten, ungeachtet dessen, ob dies überhaupt seriös sein kann. Negatives und Falsches wird dann gerne verdrängt, denken Sie etwa an manch bizarre politische Vorgänge in den USA.

Wir hatten in Sachsen lange Zeit ziemlich stabile politische Verhältnisse, die CDU dominierte klar. Seit 2015 hat sich das sehr verändert. Kann Vertrauen in die Politik so schnell verloren gehen?

Es gibt ein Sprichwort: Vertrauen kommt zu Fuß und geht zu Pferd. Wenn es einmal beschädigt ist, wird der Wiederaufbau sehr schwierig, das Ausgangsniveau wird meist nicht mehr erreicht. Dies ist beim Vertrauen in soziale Systeme ebenso wie im privaten Bereich.

Hätte es 2015 die Chance gegeben, den Vertrauensverlust aufzuhalten?

Ja, allerdings hätte man damals viel schneller und viel sensibler reagieren müssen. Aber gerade daran fehlt es leider zu häufig in der Politik. Es gibt genügend Beispiele ...

... zum Beispiel den Fall Maaßen ...

... wo Politiker zu unsensibel dafür sind, womit sie Vertrauen der Wähler erschüttern können.

Der neue sächsische Ministerpräsident ist gerade dabei, nahezu täglich mit kritischen Bürgern zu sprechen. Ist er damit auf dem richtigen Weg?

Das ist eine gute Maßnahme, auch wenn es sicher angenehmere Aufgaben gibt. Aber diese Bürgernähe ist genau richtig, um zu erfahren, welches die tatsächlichen Probleme sind. Entscheidend ist allerdings, dass sich diese Anregungen dann auch im konkreten politischen Handeln niederschlagen. Wenn die Leute das Gefühl bekommen, er redet zwar mit uns, aber es ist eben nur eine reine PR-Maßnahme, ohne tatsächliche Konsequenzen, wird Vertrauen erneut erschüttert.

Wie sollte die Ansprache an die Bürger aussehen, damit Vertrauen entstehen kann?

Zunächst sollte sehr klargemacht werden, dass man die Bürger ernst nimmt. Es muss transparent sein, was möglich, was nicht möglich ist, es dürfen keine leichtsinnigen Versprechungen gemacht werden. Schließlich ist es wichtig zu sagen, in welchen Punkten unterschiedliche Sichtweisen bestehen bleiben. Kurz gesagt: Ehrlichkeit und Authentizität sind vertrauensfördernde Haltungen. Schließlich sollte die Politik dann weiter mit den Bürgern im Gespräch bleiben und ihnen Rückmeldungen über konkrete Ergebnisse des Dialogs geben. Das muss als Prozess verstanden werden.

Wie wichtig sind neue Köpfe für neues Vertrauen?

Wenn Vertrauensverluste stark personalisiert werden, sind neue Köpfe notwendig. Wenn jemand aus der ersten politischen Reihe seinen Abschied ankündigt, dann kann das sehr sinnvoll sein. Aber die Bürger werden aufmerksam verfolgen, ob sich dann auch tatsächlich etwas verändert. Es bringt also nichts, nur Personen auszutauschen und die kritisierte Politik bleibt im Grundsatz bestehen.

Vertrauensaufbau dauert im Normalfall. Gibt es auch kurze Wege?

Ja, es kann kurzfristige Vertrauensbeweise geben, die durchaus wirken. Aber dabei darf es dann nicht stehen bleiben.

Wir haben das im vergangenen Jahr mit Aufstieg und Fall von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz erlebt.

Ja, da war ein neuer Mann mit starken Visionen, er bekam einen erheblichen Vertrauensvorschuss. Auch, weil sich die Partei nach neuer Orientierung sehnte. Auf Ankündigungen müssen aber auch Taten folgen, das haben zu viele Menschen nicht wahrgenommen, auch waren die Erwartungen an ihn sicherlich überfrachtet.

Auch die Medien leiden unter Vertrauensschwund. Gelten hier die gleichen Regeln wie für die Politik?

Entscheidend ist für mich, dass der Quotenblick zwar in gewissem Maße unvermeidlich ist, das Vertrauen jedoch die Wahrnehmung von seriöser Berichterstattung voraussetzt. Die Berichterstattung darf nicht einseitig sein, sie muss vor allem deutlich Fakten von Bewertung trennen.

Am Anfang des Gesprächs sagten Sie, dass es lebensnotwendig ist, zu vertrauen. Was heißt das für Menschen, die nicht mehr vertrauen können? Was raten Sie ihnen?

Ich empfehle immer wieder, sich auf das Wagnis des Vertrauens einzulassen. Ansonsten nehmen sich Menschen zu viele Chancen auf positive, bereichernde Erfahrungen. Auch auf die Gefahr hin, dass es selbstverständlich immer wieder Enttäuschungen geben kann.

Das Gespräch führte Olaf Kittel.