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Demütigungen nach der DDR

Bei einem Gespräch mit der Integrationsministerin berichten Radebeuler von der Zeit nach der Wende.

Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (rechts) stellte in der Radebeuler Buchhandlung von Ute Sauermann ihr Buch „Integriert doch erst mal uns“ vor.
Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (rechts) stellte in der Radebeuler Buchhandlung von Ute Sauermann ihr Buch „Integriert doch erst mal uns“ vor. © Arvid Müller

Radebeul. Das wissen wir doch seit Jahrzehnten, dass die Lebensleistungen der Ossis nicht anerkannt wurden, sagt ein Mann aus der hintersten Reihe. Er spricht das aus, was viele der Gäste in der Radebeuler Buchhandlung Sauermann bewegt. Sie sind zu einem Diskussionsabend mit Petra Köpping (SPD), Sachsens Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, gekommen, um über die Nachwendezeit zu sprechen.

Dass diese wieder auf den Tisch müsse, hatte Köpping in ihrer Leipziger Rede am Reformationstag 2016 gefordert. Um die vielfältigen Kränkungen und Verletzungen aufzuarbeiten, die viele Ostdeutsche damals erlebt hätten und die bis heute in ihnen nachwirkten. 

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Die Rede sorgte für Aufsehen, Köpping bekam Hunderte Briefe und E-Mails. Ihre Erfahrungen aus Gesprächen mit sächsischen Bürgern, auch am Rande von Pegida-Veranstaltungen, veröffentlichte sie in einem Buch. „Integriert doch erst mal uns“ – ein Satz, den sie öfter gehört und zum Titel des Buches gekürt hat. Die Demütigungen in der Nachwendezeit macht sie darin als eigentliche Ursache für die Wut in Ostdeutschland aus.

Bei der Gesprächsrunde in Radebeul werden solche Geschichten auch erzählt. Da ist zum Beispiel der Mann, der als Dozent an der TU Dresden gearbeitet hat. Kurz nach der Wende haben er und seine Kollegen mit enormem Arbeitsaufwand den Vorlesungsbetrieb am Laufen gehalten. Sie arbeiteten die Nächte durch, um Vorlesungsmanuskripte zu schreiben. 

Heute wird er bei der Rente als Assistenz eingestuft. Eine Frau berichtet: „Bei den Geisteswissenschaften kamen alle Ostdeutschen weg und die Stellen wurden mit Westdeutschen neu besetzt.“ Freilich sei ein Teil der Lehre ideologisch gefärbt gewesen. „Aber es wurde überhaupt nicht danach geguckt, was die Professoren auch geleistet haben. Das hat für viel Unmut gesorgt“, so die Radebeulerin.

Solche Geschichten hört Petra Köpping aus allen Bereichen. Von den Bergleuten aus dem Leipziger Raum beispielsweise, die über Nacht arbeitslos wurden und plötzlich aufs Amt mussten. Und dort noch zu hören bekamen, sie sollten doch mal ein Bewerbungstraining machen. 

„Das war eine unglaubliche Demütigung“, sagt Köpping. Oder von den Arbeitern des VEB Elektroporzellan Großdubrau. Bis 1989 wurde 70 Prozent ihrer Waren in den Westen exportiert, doch nach der Wende galt die Technik plötzlich als veraltet und das Werk wurde geschlossen, berichtet Köpping. Die dort entwickelten Patente wurden mitgenommen. 

„Man könnte sagen, das ist doch alles 30 Jahre her. Aber gestandene Männer erzählen heute davon und haben Tränen in den Augen“, sagt die Ministerin. Und im nächsten Satz: „In Großdubrau haben 42 Prozent AfD gewählt.“

Die habe ja auch keine Lösung, aber genau auf diesen Themen reite die AfD herum, sagt einer der Anwesenden. „Viele Leute haben 45 Jahre und länger gearbeitet und können jetzt gerade so ihre Miete bezahlen“, sagt der Mann. Und nach wie vor seien die Löhne hier viel zu niedrig. 

„Im Westen kriegen die Leute das Doppelte. Das ist der Grund, warum der Frust entsteht.“ Ein Thema des Abends ist auch der Rückgang der Solidarität untereinander. „Unter uns ist die Gemeinschaft weg“, sagt eine Frau. Inzwischen stelle sie fest, dass das Materielle, wonach man nach der Wende so gestrebt hat, eben auch nicht alles sei.

Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass vielen Ostdeutschen in den 90er-Jahren das Selbstbewusstsein gefehlt habe, sagt Köpping. Beispielsweise bei der Bewerbung für gute Stellen. Ihr Appell: Die ostdeutschen Länder sollten gemeinsam selbstbewusst auftreten. Wenn Bayern etwas fordere, werde das ja auch von allen beachtet. Wenn die Ostdeutschen etwas wollen, würden sie noch immer zu oft als Jammerossis abgetan.