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„Den Leuten wird Angst gemacht“

Der Stauchitzer Landwirtschaftsberater Andreas Wilhelm über die Glyphosat-Diskussion.

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© Lutz Weidler

Meißen. Krebs, Alzheimer, Diabetes, Herzinfarkt – all diese Dinge kann das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat angeblich auslösen. Die EU streitet über ein Verbot des Mittels. Für Andreas Wilhelm aus Stauchitz sind die Argumente der Glyphosatgegner reine Panikmache. Als Berater von Landwirten ist der Diplom-Agraringenieur in Sachsen und darüber hinaus unterwegs. Seine Sicht auf die Glyphosat-Diskussion erklärt er im Interview mit der SZ.

Herr Wilhelm, gibt es Ihrer Meinung nach überhaupt eine Gefahr durch Glyphosat in Lebensmitteln?

Die Glyphosatmengen, die etwa im Bier gefunden wurden, waren so gering, dass man tausend Liter täglich trinken müsste, um eine Gefahr zu erkennen. In menschlichem Urin wurde Glyphosat im Nanogrammbereich nachgewiesen. Das sind zwölf Stellen hinter dem Komma. Es besteht also keine Gefahr von gesundheitlichen Schäden für den Menschen. Ganz davon abgesehen: Wenn wir kein Glyphosat in unseren Lebensmitteln wollten, würde ein Verbot in der EU gar nichts bringen. 98 Prozent der im gesetzlich zulässigen Maß gefundenen Glyphosatrückstände kommen mit Soja und Mais aus Süd- und Nordamerika. Konsequenterweise müssten dann ein sofortiges Importverbot und der Abbruch der TIPP-Verhandlungen folgen.

Das sagen die Glyphosat-Gegner:

Vor allem Umweltorganisationen wie Greenpeace oder der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kämpfen für ein Verbot von Glyphosat. Festgelegte Höchstmengen orientierten sich an der landwirtschaftlichen Praxis, nicht an einer möglichen gesundheitlichen Gefährdung von Mensch und Tier, schreibt Greenpeace in einer Mitteilung.

Die Umweltaktivisten sehen auch die Artenvielfalt durch den Gebrauch von Glyphosat in Gefahr. „Eine langjährige Anwendung reduziert die Menge und Zahl der Arten von Beikräutern auf Äckern und in deren Nähe. Im Endeffekt sind hiervon auch Organismen an höherer Position in der Nahrungskette, etwa Vögel, betroffen“, heißt es von Greenpeace.

Anfang Juni protestierten Ärzte vor dem Landwirtschaftsministerium in Berlin gegen die Wiederzulassung von Glyphosat. Zuvor hatte Ende Mai der 119. Deutsche Ärztetag die Bundesregierung und die EU-Kommission aufgefordert, keiner weiteren Verlängerung der Zulassung des von der WHO als wahrscheinlich krebserregend eingestuften Pflanzenschutzmittels Glyphosat zuzustimmen. Mit ihrer Aktion wollten die Ärzte Agrarminister Christian Schmidt (CSU) von seinem Pro-Glyphosat-Kurs abbringen.

„Die Krebsforscher der Weltgesundheitsorganisation haben deutliche wissenschaftliche Belege, dass Glyphosat das Erbgut schädigt. Für solche gentoxischen Effekte gibt es keinen unschädlichen Schwellenwert. Das allein muss eine Wiederzulassung ausschließen.“ sagte der Internist Ludwig Brügmann von der Ärzteinitiative IPPNW. (SZ/dpa)

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Glyphosat steht unter Verdacht, krebserregend zu sein. Ist das nicht Grund genug, es zu verbieten?

In Südamerika, wo Glyphosat vom Hubschrauber aus versprüht wird, auch über ganze Dörfer, ist es natürlich gesundheitsschädlich. Aber das ist doch kein Argument, um es bei uns zu verbieten, wo viel geringere Mengen ganz gezielt zur Unkrautbekämpfung verwendet werden. Glyphosat fällt bei direkter Kontamination, also noch nicht einmal die Spuren in Futter oder Lebensmitteln, in puncto Krebsgefahr in Kategorie zwei, so wie Haarblondierungen, der Gummiabrieb von Autoreifen oder Rauch vom Grillofen. Alkohol und Nikotin sind in Kategorie eins als signifikant eingestuft und dürften demnach weder produziert und erst recht nicht verkauft werden.

Bei Alkohol und Zigaretten kann der Verbraucher aber selbst wählen, ob er das Gift konsumiert...

Es kann ja jeder im Bioladen einkaufen. Das ist wie mit der Diskussion um das Chlorhühnchen. Ich würde das auch nicht essen. Jeder Mensch kann selbst entscheiden, was er kaufen will. Ein Verbot ist eine Bevormundung des Verbrauchers, denn gesundheitsschädlich ist Chlor auch nicht.

Besteht die Gefahr, dass der Wein im Elbland durch Glyphosat von den benachbarten Feldern belastet wird?

Nein, überhaupt nicht. Wenn Glyphosat auf eine Traube käme, würde sie eingehen, weil Wein ja nicht resistent gegen das Pflanzenschutzmittel ist. Es ist also ausgeschlossen, dass Glyphosat im Getränk landet. Natürlich wäre es für die Winzer der absolute Gau, wenn ihre Reben wegen Glyphosat sterben. Deswegen ist es wichtig, dass Landwirte die gesetzlichen Anwendungsbedingungen einhalten, um zum Beispiel Abdrift zu vermeiden.

Könnte man daran anknüpfend nicht einen Kompromiss finden? Kein Verbot aber strengere Kontrollen etwa?

Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass die grünen Ökoaktivisten überhaupt nicht mit sich reden lassen. Ohne das Thema fachlich differenziert zu betrachten, wird den Bürgern mit flachen Thesen und unerträglichem Populismus Angst gemacht. Die Landwirte sind doch selbst daran interessiert, keine Werte zu überschreiten. Aber es wird zwischen den Lagern nicht miteinander gesprochen. Auch in den Medien gibt es keine objektive Darstellung, fast ausschließlich werden Aussagen von Vertretern der NGOs zitiert. Den Befürwortern wird meist nur Profitinteresse unterstellt. Ich wünsche mir einen vernünftigen Kompromiss und bin auch gerne bereit, mit interessierten Bürgern in den Dialog zu treten.

Was wäre denn die Alternative zu Glyphosat sollte es verboten werden?

Andere Pflanzenschutzmittel, denn es ist utopisch zu glauben, dass die gesamte Landwirtschaft auf Ökoproduktion umgestellt wird. Ein Weg wäre auch, wieder zur mechanischen Bearbeitung der Felder zurückzukehren, sprich mit dem Pflug zu arbeiten. Da gibt es aber ein weiteres Problem: Gelockerte Böden werden bei Starkregen in verheerendem Maße abgetragen. Solche Unwetterschäden gab es erst vergangene Woche im Landkreis. Wenn wir nur noch pflügen, wären die Unwetterschäden noch schlimmer. Von der zugelassenen Aufwandmenge werden bei der Glyphosatverwendung circa 15 Prozent erreicht. Das ist ein unverzichtbarer Weg im Risikomanagement der konservierenden Bewirtschaftung.

Viele Baumärkte haben Glyphosat aus dem Sortiment genommen. Ist Glyphosat im Privatgebrauch gefährlich?

Auch hier gilt: Wenn der Kleingärtner Glyphosat verantwortungsbewusst anwendet, kann nichts passieren. Auf versiegelten Flächen, Höfen und Wegen darf das Mittel ohnehin nicht benutzt werden. Ich bin aber auch dafür, dass Glyphosat nur von Fachleuten verwendet wird. Für die Unkrautbeseitigung im Garten gibt es andere Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Nina Schirmer.