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Den Opfern zuhören

Roland Happich ist neuer Leiter vom Görlitzer Weißen Ring. Er hilft Menschen, die Schlimmes erleben mussten.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Susanne Sodan

Görlitz. Wenn Roland Happich ein Jackett trägt, dann immer mit einem bestimmten Accessoire. Es ist ein winzig kleiner viereckiger Anstecker am Revers. Dunkelblau mit einem weißen Ring. Weißer Ring, so heißt der Verein, bei dem sich Happich seit über zwei Jahren engagiert. Opfer von Straftaten können hier eine erste Hilfe finden. Seit Anfang April ist Roland Happich der neue Leiter der Außenstelle Görlitz/Niederschlesischer Oberlausitzkreis. „Für Täter ist geregelt, wie es weitergeht“, erklärt der 63-Jährige. Es gibt einen bestimmten juristischen Weg, es gibt das Strafgesetzbuch. Für die Opfer sei das anders. Sie haben keinen festgelegten Weg, wie sie das Erlebte verarbeiten können. Und es gibt auch nicht immer einen bestimmten Weg, über den sie finanzielle Entschädigung erhalten können. Die Ehrenamtler vom Weißen Ring kennen die Möglichkeiten, begleiten die Opfer.

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Roland Happich ist dabei weder Psychologe noch Jurist. Er ist seit drei Jahren im Vorruhestand und war früher Gewerkschafter. „Ursprünglich bin ich Ingenieur für Kraftwerksanlagenbau“, erzählt er. „In die Gewerkschaft bin ich durch die Wende gekommen“, erzählt er. Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste suchte damals Mitglieder, die sich in Ostdeutschland engagieren. Happich trat 1990 in die ÖTV ein. „Bis 2000 war ich Geschäftsführer der Kreisverwaltung Görlitz.“ Also bis sich die ÖTV gemeinsam mit anderen Gewerkschaften zu Verdi zusammenschloss. Danach spezialisierte er sich auf Tarifverhandlungen im Gesundheitsbereich. Zahlreiche Tarifverträge für Krankenhäuser in der Oberlausitz gehen auf seine Verhandlungen zurück. Nur bei Zittau und Ebersbach, da hatte es nicht geklappt, sagt Happich. Er habe für seine Arbeit gebrannt, „es kam für mich aber der Punkt, an dem ich trotzdem mehr Zeit für die Familie haben wollte“, erzählt er. Er lebt mit seiner Frau in Görlitz, vor rund drei Jahren ging er in Vorruhestand.

Kurz danach sprach ihn Heinz Deutschmann an, ob er sich vorstellen könnte, sich beim Weißen Ring zu engagieren. Deutschmann hat den Verein in der Oberlausitz aufgebaut, war bisher der Leiter der hiesigen Außenstelle. „Wir kannten uns, wir waren Kollegen in der Gewerkschaft“, erzählt Happich. Und auch heute sind die beiden weiter Kollegen, Ehrenamtskollegen. Deutschmann gibt zwar, 85 Jahre alt, die Leitung ab, Mitarbeiter in der Opferhilfe bleibt er aber.

Gewerkschaft und Opferhilfe, passt das zusammen? „Doch, für mich auf jeden Fall“, sagt Roland Happich. „In beiden Bereichen geht es im Grunde darum, anderen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben“, sagt er. „Und man muss zuhören können.“ Wer sich beim Weißen Ring engagieren möchte, muss noch mehr können. Zunächst absolvieren die Mitglieder verschiedene Qualifikations-Kurse. Danach hatte Happich mit den unterschiedlichsten Fällen zu tun. In einem seiner ersten Falle ging es um einen Verdacht auf Kindesmissbrauch im Landkreisnorden. „Wir haben damals die Angehörigen des Kindes betreut.“ Handtaschenraub mit schwerer Körperverletzung, Bedrohung einer Frau durch ihren geschiedenen Ehemann, Einbruch – alles sehr unterschiedliche Fälle, 15 bis 20 sind es im Jahr. Häufungen bestimmter Tatbestände kann Happich aber nicht feststellen. „Es geht aber auch gar nicht darum, wie schwer ein Fall ist“, erklärt er. „Jeder Mensch, der Opfer einer Straftat wird, ist aus seinem Alltag herausgerissen. Es ist immer eine Ausnahmesituation.“ Deshalb sei es auch so wichtig, zuhören zu können. „Man muss erstmal rausfinden, welche Art Hilfe jemand benötigt, der Opfer geworden ist. Dann können wir schon was auf den Weg bringen.“ Der Weiße Ring hat Kontakte zu Psychologen und psychiatrischen Einrichtungen in der Region. „Wir können helfen, schnell einen Termin zu bekommen.“ Die Mitarbeiter vom Weißen Ring können Opfer zum Gericht begleiten. Sie können Kontakte zu Anwälten herstellen. Sie wissen, wie der Weg zur Opferentschädigung funktioniert. Und sie können in Notlagen auch finanzielle Hilfe geben. Die Mittel dafür erhält der Weiße Ring über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Manchmal bekommt er auch Geld vom Gericht zugewiesen – Geldauflagen, die Täter für einen gemeinnützigen Verein zahlen müssen.

Dass der Weiße Ring bekannter wird, das ist Roland Happich wichtig. „So wie es jetzt passiert ist, ist das natürlich der falsche Weg“, sagt er trocken. Der Weiße Ring war im März in die Schlagzeilen geraten: Ein ehemaliger Leiter der Lübecker Außenstelle soll über Jahre hinweg Frauen, die sich an ihn gewendet haben, sexuell belästigt haben. Happich kann dazu nur den Kopf schütteln. Gerade Vertrauen sei für die Opfer das Wichtigste. Eigentlich gelte, dass weibliche Opfer von weiblichen Mitarbeitern betreut werden, erklärt Happich. Nur, das lässt die Personalsituation im Verein eben nicht immer zu. Beim Görlitzer Weißen Ring arbeiten zwei Frauen. Auch deshalb ist Vertrauen für den Verein so wichtig: Zum Beispiel, um Menschen zu finden, die sich auch engagieren wollen.