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Der alte Turm blieb lange standhaft

An der Görlitzer Hugo-Keller-Straße tauchte bei Bauarbeiten der Sockel einer Wehranlage auf. Überraschend war das nicht.

© nikolaischmidt.de

Von Ralph Schermann

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Görlitz. Archäologen waren begeistert: Bei den Bauarbeiten an einem Abwasserkanal für die neue Sporthalle neben der Jägerkaserne kam der Sockel eines alten Turmes ans Licht. Der war einst vorgelagert der doppelten Stadtmauer, die das historische Görlitz umgab, und wurde also um 1500 gebaut. Ein historischer Fund!

Sah der Turm einst so aus? Könnte sein. Das abschüssige Gelände hieß Hälterberg und führte zur Lunitz.
Sah der Turm einst so aus? Könnte sein. Das abschüssige Gelände hieß Hälterberg und führte zur Lunitz.

Ganz so überraschend aber trat das Bauwerk keinesfalls hervor. Im Ratsarchiv schleppt Siegfried Hoche mehrere uralte Karten an, vergleicht mit Zeichnungen aus frühen Zeiten. Dass sich entlang der heutigen Hugo-Keller-Straße an der früheren Stadtmauer gleich mehrere Türmchen, Türme und Bastionen befanden, ist nicht zu übersehen. Schon vor Beginn der Bauarbeiten musste also bekannt sein, was man da finden könnte. Besser gesagt finden muss. Denn der jetzt mal als Wehr-, mal als Geschützturm im Rathaus bezeichnete Bau hat die Stadtmauer lange überlebt. Wenn auch so manches Größenverhältnis in alten Plänen nicht exakt ist, wenn Lage und Form in den Zeichnungen differieren und selbst Siegfried Hoche über Abweichungen zwischen den einzelnen historischen Blättern ins Grübeln gerät, stand eines fest: Da musste einfach etwas sein.

Das alte Görlitz hatte entlang seiner Stadtmauern 19 Basteien, Rondelle und Türme für die Wehrhaftigkeit der Stadtbefestigung. Allein zwischen Kaisertrutz, Pulverturm (er stand etwa an der Stelle des heutigen Kreisverkehrs) und Nikolaiturm befanden sich sieben Wehrbauten teils in, teils vor dem doppelten Mauerverlauf. Chroniken nennen unter anderem ein „Rondell am Hälterberg“, der erste Görlitzer Museumsdirektor Professor Ludwig Feyerabend schreibt von einer „Rabenbastei am Hälterberg“. Das kann hinkommen, denn als Hälterberg wurde damals die Rückseite des Jüdenringes (Hugo-Keller-Straße) hinab zur Lunitz bezeichnet, die an der Stelle der späteren Gasometer Niederviertel hieß. Hälterberg als Name geht auf mehrere dort angelegte Hälter zurück, womit wiederum Fischteiche gemeint und in alten Stadtplänen auch zu finden sind.

Der frühere Ratsarchivar Richard Jecht datierte den Abriss der Stadtmauern zwischen Grünem Graben und Nikolaiturm auf die Jahre 1854/1855. Andere Quellen nennen diese Zeit auch für den Rückbau von Pulverturm und Hälterberg-Rondell. Und doch blieb der heute ob seiner Chronik-Lücken Kopfzerbrechen bereitende Turm damals stehen. Vermutlich, weil er der Stadtmauer vorgelagert war, also dem Linienverlauf der anzulegenden Fahrstraße nicht im Wege stand, obwohl er den freigelegten Grundmauern nach sogar einen größeren Durchmesser als der Nikolaiturm aufwies. Als Beweis für den verbliebenen Turm gilt eine Niederschrift des Görlitzer Landgerichtsrates und Heimatforschers Fritsch, der 1893, also knapp 40 Jahre nach dem von Jecht datierten Abriss, ausführte: „Es ist das mit einem leichten Dach versehene Rondell schräg gegenüber der Fleischergasse noch immer vorhanden. Es steht auf dem Gelände des städtischen Bauhofes. Wahrscheinlich hieß es Rabenbastei.“ Tatsächlich war zwischen neuem Straßenverlauf und dem mittlerweile auch angeschütteten Gelände der Städtische Bauhof entstanden, auf jener Stelle also, auf der sich später die Stadtreinigung etablierte, die zu DDR-Zeiten als VEB deren Aufgaben weiterführte. Als die Mechanisierung voranschritt, der Fuhrpark größer wurde, entstanden diverse Garagen auf dem Gelände. „Vermutlich ist der Turm erst für diese Garagenbauten abgetragen worden“, überlegt Torsten Tschage, der Leiter des Görlitzer Bau- und Liegenschaftsamtes.

Dass das Bauwerk noch lange ausharrte, wurde Torsten Tschage indes nicht im Ratsarchiv klar, sondern bei einem Besuch der Gaststätte „Zum Nachtschmied“. Dort stieß er zufällig auf ein altes Foto an der Wand. Es stammt wohl aus den 1920er Jahren, zeigt einen Überblick über die Hugo-Keller-Straße bis hin zur Peterskirche mit ihren 1889 bis 1891 gebauten neogotischen Betontürmen – und ganz an der Seite ragt ein Teil des einstigen Wehrturmes ins Motiv. Kann das sein? Aber ja. Auf topografischen Karten kann der Turmbestand bis 1945 erkannt werden, und wenn lokale Stadtpläne zwar alle auf solche Einträge verzichten, einer tuts doch: Eine Stadtkarte von 1908 lässt am Turm unterhalb der Jägerkaserne keinen Zweifel. Dass bei Feyerabend, Jecht, aber auch bei Lemper oder Bednarek keine konkrete Daten zu einem Abriss dieses Turmes zu finden sind, wird dadurch klar. Und was nicht abgerissen ist, muss noch da sein. Zumindest in Teilen, hier ein durch Überdeckung für die Archäologen durchaus gut erhaltener Turmfuß, dessen detaillierte Geschichte sicher noch konkret erforscht werden muss.

Manches wurde bereits erledigt: Die Dresdner Archäologen haben den kompletten Sockel dokumentiert. Für den Bau der Sporthalle selbst bedeutet der Turm auch nichts Schlimmes, denn der Fund liegt ein klein wenig abseits der geplanten Halle, stört also nicht. Ansonsten aber geht es auch diesem Sockel so wie dem im vorigen Jahr „ganz überraschend“ bei Bauarbeiten entdeckten Tiefbrunnen am Demianiplatz oder dem Stück Stadtmauer neben dem Kaisertrutz – gut abgedeckt verschwinden die Funde wieder. Bis sie vielleicht hundert Jahre später „plötzlich und unerwartet“ bei irgendwelchen Sanierungen die nächste Generation Archäologen begeistern…