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Der aufgeklärte Bestseller-Autor

Der Erfinder des Krimis stammt aus Bautzen. Eine junge Frau holt ihn aus der Vergessenheit zurück.

© Miriam Schönbach.

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Seine Fälle im Spannungsfeld zwischen Schuld, Gerechtigkeit und Moral machten Strafverteidiger Ferdinand von Schirach über Nacht zum Bestseller-Autor. Gerade ist die zweite Staffel seiner etwas anderen Kriminalgeschichten im ZDF angelaufen. Mit dem heutigen Schriftsteller vergleicht Sarah Seidel gern auch August Gottlieb Meißner (1753 – 1807). Für ihre Promotion über den Begründer des Genres Kriminalgeschichte erhielt die Literaturwissenschaftlerin jetzt das Mättig-Stipendium.

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August Gottlieb Meißner (1753 – 1807) in einem Kupferstich von Christian Gottlob Scherf (Ausschnitt).
August Gottlieb Meißner (1753 – 1807) in einem Kupferstich von Christian Gottlob Scherf (Ausschnitt). © Repro: SZ

Zum ersten Mal begegnet Sarah Seidel August Gottlieb Meißner vor knapp zehn Jahren beim Schreiben ihrer Masterarbeit über Recht und Literatur. Beim Studium der zwei Bände „Erzählte Kriminalität“ stolpert sie in einer Fußnote über den gebürtigen Bautzener. „Der Name sagte mir nichts, meine ersten Recherchen ergaben nicht viel“, sagt die Wissenschaftlerin. Doch das Interesse der Studentin für Rechts- und Literaturwissenschaft ist seinerzeit geweckt. Irgendwann entdeckt sie eine kleine Anthologie mit zehn Geschichten. Da weiß sie schon längst, dass sie weiter forschen wird.

Schwierige Spurensuche

Ihre Spurensuche führt Sarah Seidel in unterschiedliche Archive und Bibliotheken, zudem sucht sie das Gespräch mit Germanisten. Von den meisten bekommt sie nur ein Schulterzucken, wenn sie den Namen Meißner nennt. „Der Schriftsteller erlangte im 18. Jahrhundert an Berühmtheit und verschwand kurz nach seinem Tod von der literarischen Bildfläche. Aber seine Texte sind zu gut, um sie der Vergessenheit zu übergeben“, sagt sie.

Hinterlassen hat Meißner ein Gesamtwerk mit 36 Bänden – von der Fabel über eine Cäsar-Biografie, Gedichte und jene Kriminalfälle. Doch wer war dieser vergessene Aufklärer? August Gottlieb Meißner verbringt seine ersten drei Lebensjahre in Bautzen. Sein Vater Abraham Gottlieb Meißner kümmert sich als Quartiermeister des Minckwitzschen Kürassier Regiments um die Versorgung der berittenen Einheit. Nur drei Jahre nach der Geburt seines Sohnes beginnt mit dem Einmarsch der Preußen in Kursachsen am 29. August 1756 der Siebenjährige Krieg. Fünf Jahre später stirbt Abraham Gottlieb Meißner.

Mutter Charlotte Ernestine, eine Tochter des Löbauer Arztes Johann Gottlob Sergnitz, zieht deshalb zurück in ihre Vaterstadt. Dort besucht ihr Sohn zwischen 1764 und 1772 das Lyzeum. Die Schule leitet Johann Gottfried Heinitz, der gerade von der Lateinschule in Kamenz kommt. Zu seinen berühmten Schülern dort zählte Gotthold Ephraim Lessing. Dessen Trauerspiel „Emilia Galotti“ feiert in jenem Jahr am Herzoglichen Opernhaus in Braunschweig Premiere, als Meißner die Schule verlässt.

Aus dem selben Samen wie Lessing

Es ist anzunehmen, dass sich der Erfolg des gebürtigen Bautzeners bis nach Löbau herumspricht. „Auf jeden Fall betont Meißner stolz seine Wurzeln und dass er aus demselben Samen wie Lessing sei“, sagt Sarah Seidel. Doch statt Literatur studiert Meißner Rechtswissenschaften. Er schreibt sich 1773 an der Universität in Leipzig und Wittenberg ein.

Nebenbei frönt er schreibend seiner Leidenschaft. Er freundet sich mit Schauspielern an, dichtet und verfasst erste kleine Texte. Von 1776 stammen das Gedicht „Murat und Friedericke“ und die komische Oper „Das Grab des Mufti“. Nach dem Studium wird der Jurist Meißner Geheimer Kanzellist, zuerst in der höchsten Regierungsbehörde nach dem Kabinett, dann am Geheimen Archiv in Dresden.

„Durch diese Stelle bemerkt er, dass sich Gerichtsverfahren lange hinziehen. In seinen Briefen und Notizen findet sich Kritik am Schneckengang der Justiz“, sagt Sarah Seidel, die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Konstanz ist. Diese Eindrücke verarbeitet Meißner unter anderem in seinen Skizzen. Dahinter verbergen sich Kriminalgeschichten. Bald werden seine Bücher mit Titeln wie „Mord aus Schwärmerey“ oder „Blutschänder, Feueranleger und Mörder zugleich“ Bestseller.

Sarah Seidel hat den größten Teil dieser kriminellen Erzählungen gelesen. „Wie von Schirachs Fälle sind sie kurz, alle Nebenhandlungen werden ausgeblendet. Es geht darum, welche Umstände jemanden zum Verbrecher machen und die Verbrecherbiografie zu erzählen“, sagt die 33-Jährige. Das Genre der Kriminalliteratur kann indes auch durch die Aufklärung entstehen, die das Strafrecht verändert. Hexenprozesse – die letzte Hexenverbrennung gibt es 1775 in Kempten – werden wie Folter für Geständnisse verboten. „Nun werden moralische Aspekte einer Straftat diskutiert oder wie Vorsatz entsteht“, sagt die Wissenschaftlerin.

Erster protestantischer Professor

Auf der Höhe seines literarischen Schaffens verlässt der Schöngeist 1785 Dresden. „Meißner wird der erste protestantische Professor in der katholischen Habsburger Monarchie“, sagt Sarah Seidel. An der Universität Prag erhält er den Lehrstuhl für Ästhetik und klassische Literatur. Seine Vorlesungen finden sich bis heute dort in Archiven. Sein Ruf allerdings in der „Kulturszene“ ist widersprüchlich. „Meißner hatte viele Kontakte. Doch der oft Kränkliche und Jammernde verscherzte es sich auch mit vielen, zum Beispiel mit Friedrich Schiller“, sagt die Mättig-Stipendiatin. Goethe kritisierte den „Vielschreiber“ wegen seiner sprachlichen Mängel und der fehlenden Originalität.

August Gottlieb Meißner stirbt am 18. Februar 1807 in Fulda, wohin er kurz zuvor als Gymnasialdirektor wechselt. Knapp 90 Jahre später erscheint eine Monografie über den Schriftsteller. Dann verschwindet sein Werk im literarischen Nirwana. Sahra Seidel hat es wieder zutage befördert. „In Konstanz ist Meißner inzwischen kein Unbekannter mehr – und vielleicht ist er es bald in seiner Geburtsstadt auch nicht mehr“, sagt die Literaturwissenschaftlerin.