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Der Aussteiger

Einhard Wagner lebt seit fast einem Jahr in einem Schaustellerwagen. Dort kriegt ihn keiner mehr raus, sagt er. Dennoch hat der Wahl-Stauchitzer Wünsche.

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© Jürgen Müller

Von Jürgen Müller

Stauchitz. Das Eingangstor des Grundstückes in Stauchitz ist mit Planen verhangen, ein Schild warnt vor einer „Kampfkatze“. Das Gebäude der ehemaligen Kelterei verfällt zusehends. Ein Investor hat das Gelände gekauft, doch er hat an den Häusern kein Interesse, nur an den Dächern. Dort hat er überall Solaranlagen draufgebaut, verdient prächtig an dem hoch subventionierten Sonnenstrom. Dennoch ist das Gelände bewohnt. Auf dem mit DDR-Beton belegten Hof steht ein Wagen, so wie man ihn von Zirkusleuten oder Schaustellern kennt. Er ist seit einigen Monaten das Zuhause von Einhard Wagner. Der 48-Jährige stammt aus Hannover, führte einst ein ganz normales Leben. Lernte den Beruf eines Ledertechnikers, war verheiratet, hat zwei Kinder, ging einer Arbeit nach. Nachdem die Ehe in die Brüche ging, lebte er einige Zeit in einer WG im Gut Jahnishausen. „Danach bin ich ein bisschen in Deutschland herumgereist“, sagt er. Und landete schließlich wieder in Steudten, einem Ortsteil von Stauchitz. Kaufte dort einen alten Bauernhof. Doch allein konnte er das Grundstück nicht halten, verkaufte es wieder. Von dem Erlös kaufte er sich den Wagen. Zehn Meter lang, mit 30 Quadratmetern Wohnfläche. 70 Jahre alt ist das Gestell, doch der Aufbau ist komplett neu. „Ich habe früher schon mal für zwei Jahre in einem Bauwagen gelebt. Da kommt man nicht wieder von los“, sagt er.

My home ist my castle: Einhard Wagner hat es sich gemütlich gemacht in dem Wohnwagen. Ein Holzofen sorgt für Wärme, hinter der Tür in der Ecke verbirgt sich die Toilette. „Wer einmal in einem Bauwagen gelebt hat, kommt davon nicht wieder los“, sagt er.
My home ist my castle: Einhard Wagner hat es sich gemütlich gemacht in dem Wohnwagen. Ein Holzofen sorgt für Wärme, hinter der Tür in der Ecke verbirgt sich die Toilette. „Wer einmal in einem Bauwagen gelebt hat, kommt davon nicht wieder los“, sagt er. © Jürgen Müller

Billig war das neue Zuhause nicht. Den genauen Preis will er nicht nennen, nur soviel. Für dieses Geld bekommt man auch ein Mittelklasse-Auto. Doch Besitz, Luxus – das sind ohnehin Dinge, mit denen Einhard Wagner nichts anfangen kann. Er ist mit wenig zufrieden. Sein ganzes Hab und Gut passt in einen kleinen Wandschrank. Und es ist erstaunlich, wie viel Stauraum unter einem Bett vorhanden ist.

Dem gebürtigen Niedersachsen ist es wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Arbeitslosengeld II bekommt er nicht, schon allein deshalb, weil er aus dem Verkauf seines Hofes Vermögen besitzt, das nicht vollständig in den Kauf des Schaustellerwagens floss. Dieses Geld müsste er ohnehin erst aufbrauchen. Aber er hat auch einen sporadischen Job auf 450-Euro-Basis bei einem Riesaer Unternehmen. Dort ist er als Bühnenbauer beschäftigt, baut zum Beispiel auf Festivals Bühnen auf. Jetzt in der kalten Jahreszeit ist es mit Aufträgen freilich eher mau.

„In einen Acht-Stunden-Job kriegt mich keiner mehr rein“, sagt er, das habe er lange genug gemacht. Gemeinsam mit seiner Frau betrieb er einst einen Naturkostladen am Riesaer Rathausplatz. „Zwölf Stunden am Tag habe ich gearbeitet, am Ende für nichts“, sagt er verbittert. Nach der Trennung führte die Ex den Laden noch einige Zeit weiter. Inzwischen ist er geschlossen. Der Wahl-Stauchitzer hätte gern einen festen Halbtagsjob.

Einhard Wagner führt durch sein „Reich“. Das Schlafzimmer mit Doppelbett ist kaum kleiner als das in einer Neubauwohnung. Im Wohnzimmer stehen ein Schrank, eine kleine Couch, ein Schreibtisch mit großem Computer darauf und einer Stereoanlage. Auf der Couch und auf dem Fußboden liegen Schaffelle. Einhard Wagner hat es sich gemütlich gemacht in seiner Wohnung. In der Ecke ist eine Toilette eingebaut, ein Kompost-Klo, wie er sagt. Weil der Inhalt auf dem Kompost entsorgt wird. Strom liegt an, Wasser jedoch nicht. Wagner lebt aus dem Kanister. „Das ist das einzige Problem, das ich habe. Mal duschen, das wäre schön“, sagt er. Zum Glück hat er Freunde, bei denen er hin und wieder die Dusche benutzen kann. Gekocht wird auf einem Herd, der mit Gas betrieben wird.

Einhard Wagner ist Single, doch allein lebt er nicht. Die vierjährige Hündin Mirca, ein Mischling aus Riesenschnauzer und Labrador, gehört zum Haushalt ebenso wie drei Katzen. Die dürfen ins Haus, Pardon: in den Wagen, die Hündin nicht. „Die haart so sehr, da bin ich ja nur am Putzen“, sagt er und lacht. Mirca hat draußen eine gut gedämmte Hütte. In Wagners „Hütte“ ist es verdammt kalt. „Das ist immer so am Morgen“, sagt er. Am Morgen, das ist so gegen elf Uhr. „Warten Sie mal ab, gleich haben wir hier 30 Grad.“ Er geht jetzt erst mal vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. „In der Wohnung rauche ich nämlich nicht“, sagt er. Wagner hat seine Prinzipien.

Zu seinen Kindern hat er Kontakt, hin und wieder besuchen sie ihn. Der Sohn und die Tochter, 14 und zwölf Jahre alt, gehen in Riesa zur Schule. Was sagen sie, dass ihr Vater in einem Schaustellerwagen wohnt? „Mein Sohn findet es toll, die Tochter ist entsetzt.“ Ist er ein Aussteiger? Einhard Wagner überlegt einen kurzen Augenblick: „Ja, ein Stück weit schon.“ Seit Jahren hat er Rundfunk und Fernsehen abgeschworen. „Das brauche ich nicht.“ Trotzdem soll er Rundfunkbeitrag zahlen. „Schon lange kloppe ich mich deswegen mit der GEZ“, sagt er. Kann er sich vorstellen, mal aus dem Wohnwagen wieder auszuziehen in eine „richtige“ Wohnung? Da gibt es bei ihm keine Zweifel: „Aus dem Wohnwagen kriegt mich keiner wieder raus“.

Trägt er sich mit dem Gedanken, irgendwann mal wieder in seine Heimat nach Niedersachsen zurückzukehren? Darauf weiß er keine Antwort. Langfristige Lebensplanung ist für den 48-Jährigen kein Ding. Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Was weiß ich denn, was sich im Leben ergibt?“ Der Holzofen macht inzwischen mächtig Hitze. Gefühlt sind es schon jetzt um die 30 Grad. „Habe ich Ihnen doch gesagt“, sagt er, lacht und bringt einen Pott Kaffee. „Die Schausteller haben hier das ganze Jahr über drin gewohnt, warum nicht auch ich?“

Nicht von allen in Stauchitz ist er wohlgelitten. Manch einer fühlt sich von dem Einsiedler auf dem verlassenen Gelände gestört. Gemeinderäte haben keine größeren Probleme, als sich zu erkundigen, ob er denn überhaupt Abwassergebühren bezahle. Einhard Wagner ärgert das mächtig. „Es ist unglaublich, welche Vorurteile einem entgegenschlagen, wenn man anders lebt, als es für die meisten Menschen üblich ist.“ Jedenfalls sei der Wohnwagen an der Riesaer Straße ganz offiziell als Hauptwohnsitz angemeldet. Demnächst werde auch ein Briefkasten am Hoftor angebracht.

Wie lange er hier in Stauchitz bleiben will, weiß er aber nicht. Optimal ist der Standort für ihn nicht. Er hatte nach anderen Plätzen gesucht, aber nichts Passendes gefunden. Hier auf dem Beton jedenfalls lebe es sich nicht so gut. Sein Traum wäre ein Standort auf einer großen Wiese mit einem Haus dran. Ein Haus? Wozu braucht er dann noch einen Wohnwagen? Er winkt ab: „Das Haus soll doch nicht für mich, sondern lediglich bewohnt sein. Ich brauchte bloß hin und wieder mal die Dusche und die Waschmaschine. Das wäre toll.“