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Der Baron, der nicht kommt

Carl Wilhelm von Herder ist der einzige Adelsmann, der nach 1990 sein Elternhaus zurückkaufte: Schloss Rauenstein. Dietmar Thalhäuser bereitete alles für die Heimkehr vor. Doch nun steht die Burg leer.

© Thomas Schade

Von Thomas Schade

Es ist schon einige Zeit her, da konnten Besucher beobachten, wie ein alter Mann im Hof des Schlosses Rauenstein an der Brunnenschale aus Marmor herumwerkelte. Der Alte bat die Leute stets, Abstand zu halten. „Sie haben hier einen Verrückten vor sich“, pflegte er bei solchen Begegnungen zu sagen. „Denn nur ein Verrückter kauft noch einmal, was ihm eh schon gehört.“

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Der Kastellan: Dietmar Thalhäuser aus Lengefeld hat dem Urururenkel des Dichters Treue geschworen bis zum Tode.
Der Kastellan: Dietmar Thalhäuser aus Lengefeld hat dem Urururenkel des Dichters Treue geschworen bis zum Tode. © Thomas Schade
Einer der Salons: Der Kastellan erledigte das Handwerk, der Baron kaufte neue Möbel.
Einer der Salons: Der Kastellan erledigte das Handwerk, der Baron kaufte neue Möbel. © Thomas Schade
Der Baron: Carl Wilhelm von Herder
Der Baron: Carl Wilhelm von Herder © Thomas Schade
Das Herdersche Wappen am Portal.
Das Herdersche Wappen am Portal. © Thomas Schade

Der rüstige Senior ist Carl Wilhelm von Herder, Urururenkel des Dichters Johann Gottfried von Herder (1744 – 1803), einem der wichtigsten Schriftsteller und Denker der Aufklärung neben Goethe und Schiller. Als Carl Wilhelm im Jahr 2004 Besuchern mit diesem Kalauer begegnete, ist er schon in den 80ern, aber noch voller Enthusiasmus, endlich an die Stätte seiner Kindheit zurückkehren zu können. Im Schloss Rauenstein war er 1926 zur Welt gekommen. Hier verbrachte er die Kindheit.

Kam er nach Rauenstein, so wohnte er bescheiden im Kavalierhaus neben dem Schloss. In dem zweistöckigen Haus mit dem mit Schiefer gedeckten Krüppelwalmdach war 1953 ein anderer zur Welt gekommen: Dietmar Thalhäuser, dessen Großmutter den jungen Herder gut gekannt hatte. Bei den Arbeiten am Schloss haben sich die beiden Männer kennengelernt. Thalhäuser hatte seinen Job im Leuchtenbau Lengefeld verloren und suchte etwas Neues. Der Freiherr von Herder hielt Ausschau nach einem zuverlässigen Mann, dem er sein Schloss anvertrauen konnte, wenn er abwesend war. Mittlerweile herrscht tiefes Vertrauen zwischen beiden. Herder nennt Thalhäuser seinen „Kastellan“. Thalhäuser (65) nennt Herder den „Herrn Baron“ und sagt: „Ich habe ihm versprochen, bis zu meinem Lebensende auf sein Schloss aufzupassen.“ Seither ist er der gute Geist im Schloss Rauenstein.

Mit sicherem Schritt steigt Thalhäuser hinauf in den Schlossturm. Er gehöre zum ältesten Teil des Schlosses, sei mal höher gewesen und im Zuge von Modernisierungen abgetragen worden, ebenso wie ein Teil des Haupthauses, erzählt er. Thalhäuser öffnet eines der Fenster. Vor dem Betrachter liegt tief unten das zerklüftete Tal der Flöha. Am Ufer gegenüber schlängelt sich die Serpentinenstraße hinauf zum Rottenberg. Eine alte Handelsstraße, auf der im späten Mittelalter Kaufleute von Freiberg nach Annaberg zogen.

Rastet der Wanderer am Rottenberg, so liegt ihm Schloss Rauenstein fast zu Füßen. Vielleicht war es die versteckte Lage, die den Raubritter Rabod Anfang des 13. Jahrhunderts bewog, eine Burg auf dem Felssporn über der Flöha zu errichten – dort, wo Reisende auf dem beschwerlichen Weg ins mittlere Erzgebirge über den Fluss mussten. Fast 200 Jahre trieb der Raubritter sein Unwesen, so ist es in Chroniken überliefert. Bis zu Beginn des 15. Jahrhunderts Bürger aus Freiberg und Zschopau das Schloss belagerten und den Raubritter verjagten. Danach wechselten häufig die Besitzer, auch sächsische Kurfürsten hatten ihre Hände im Spiel. Bis der Freiberger Oberbergamtsassessor Eugen Wolfgang von Herder Rauenstein 1843 kaufte. Der Enkel des Dichters kaufte es für 60 000 Taler.

Seither sei das Schloss im Familienbesitz, sagt der mittlerweile 92-jährige Carl Wilhelm von Herder am Telefon. Ab 1907 habe die Familie die Gebäude gründlich instand setzen lassen. Da sei auch das prächtige Sitznischenportal mit den Herderschen Wappen entstanden. Als er 1926 hier zur Welt gekommen sei, hätten seine Eltern, die ältere Schwester Maria und die Großmutter in der ersten Etage des Schlosses gelebt. Die Vorgänge 1944 auf Schloss Rauenstein hat Carl Wilhelm von Herder nicht miterlebt. Da diente er, kaum erwachsen, schon in Hitlers Luftwaffe.

Bereits im Dezember 1943 hatten angloamerikanische Bomber das Graphische Viertel in Leipzig angegriffen. Dort lag auch das Buchmuseum der Deutschen Bücherei. Etwa 60 000 Bücher wurden vernichtet. Erhalten geblieben war, was in den Kellern und in einem Banktresor lag – etwa ein Zehntel des Bestandes. Dieser Rest war immer noch bedeutend und umfasste die wichtigsten Sammlungsstücke des Museums. Sie mussten evakuiert werden.

So kamen am 22. Januar 1944, auf mehreren Lkws verpackt, 19 Kisten in Rauenstein an. Darin: Tausende Bücher, unter anderem eine Gutenberg-Bibel und rund 5 000 Bände der Klemm’schen Sammlung. Das sind die vom Königreich 1886 aus Privatbesitz angekauften Königlich Sächsischen Bibliographischen Sammlungen, ein bedeutender Musterbestand von etwa 3 000 historischen Drucken, darunter 650 Inkunabeln. Monate später, am 6. Dezember, schloss die Deutsche Bücherei mit Carl Wilhelms Vater, Gottfried von Herder, einen Vertrag über die Aufbewahrung des Bücherschatzes. Der Provinienzforscher Lothar Poetke hat die Spur der Bücher verfolgt. Am 22. September 1945, so ist überliefert, tauchten sowjetische Trophäenjäger im Schloss auf und fragten in gebrochenem Deutsch: „Wo ist Gutenbergbibel?“. Seither gelten die Bücherkisten von Rauenstein als verschollen. Heute ist bekannt, dass die Bücher in der russischen Staatsbibliothek in Moskau liegen und alle erhalten blieben. Zurückgekehrt sind sie nie.

Carl Wilhelm von Herder kam 1947 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Rauenstein und stand vor verschlossenen Türen. Dietmar Thalhäuser erzählt: „Seine Eltern hatten wenige Tage nach Kriegsende durch einen schmalen Kellergang das Schloss verlassen – mit dem Nötigsten sind sie nach Bayern geflüchtet.“

Mit 21 Jahren versuchte Herder, gegen die Enteignung vorzugehen, erklärte dem damaligen Bürgermeister, dass er „wie ein Löwe“ um seinen Besitz kämpfen werde. Der sah darin eine Kriegserklärung, wie „Reaktion und Faschismus erneut versuchen, ihre verloren gegangenen Positionen zurückzuerlangen“. Er meldete den Vorfall an die Landesregierung. Im Juni 1947 nahm der Sowjetgeheimdienst NKWD den jungen Herder fest und steckte ihn einige Wochen ins Marienberger Gefängnis.

Der verräterische Brief des Bürgermeisters vom 13. Juni 1947 ruht bis heute im Archiv der Stadt Lengefeld. Eine Kopie und ein Zertifikat der russischen Militärstaatsanwaltschaft vom Dezember 1996 hängen in einer der Schlosskemenaten an der Wand. „Das Schreiben aus Moskau bescheinigt dem Baron die Rehabilitierung nach 50 Jahren“, erzählt Dietmar Thalhäuser. In dem Zimmer, das mal so etwas wie ein kleines Herder-Museum werden soll, hat auch der uralte Vorführapparat seine letzte Ruhe gefunden, mit dem Carl Wilhelm von Herder und seine Frau ihre neue Existenz aufgebaut hatten, nachdem sie Rauenstein verlassen hatten. Sie zogen danach als Filmvorführer übers Land, bis sie schließlich in Rosenheim sesshaft wurden und insgesamt sechs Kinos eröffneten. Als „Kino-König von Rosenheim“ brachte es Herder zu einigem Wohlstand.

Im Schloss zog 1947 ein Kindergarten ein, 1949 wurde das Kindererholungsheim eröffnet, das als Sanatorium für Mutter und Kind bis 1998 betrieben wurde.

Zu dieser Zeit lag Carl Wilhelm von Herder wie viele Grundeigentümer schon einige Jahre mit der Justiz und der Regierung des wiedervereinigten Deutschlands im Streit. Bis heute versteht er nicht, dass ihm sein Familienbesitz verwehrt wird, streitet vor Gericht und schimpft über die Bundesregierung, die seiner Enteignung 1990 quasi nachträglich zugestimmt habe.

1999 kaufte er das Familienschloss dem Landkreis Mittleres Erzgebirge für 680 000 D-Mark ab und sagte zu, weitere 320 000 D-Mark zu investieren. Besenrein habe der Baron das Schloss übernommen, sagt Thalhäuser. „Lediglich ein großer flämischer Gobelin hing noch im Fürstensaal an der Wand.“ Antiquitätenhändler seien zuvor im Schloss ein und ausgegangen, erzählt man im Ort. Als alter und neuer Eigentümer habe der Baron mindestens eineinhalb Millionen Euro in das Schloss gesteckt.

Dietmar Thalhäuser hat in den vergangenen fünfzehn Jahren fast im Alleingang Saal für Saal und Zimmer für Zimmer im Schloss instand gesetzt, Stuckdecken und Sanitäranlagen erneuert. Herder graste Antikläden ab und kaufte historische Möbel, um das Schloss wieder einzurichten. Ein Familienalbum aus den 1930er-Jahren diente als Vorbild. Einige Bilder und Bücher gaben ihm sächsische Galerien und Bibliotheken zurück.

In der ersten Etage wartet wieder eine komplett eingerichtete Wohnung auf den Baron. Der Herrensalon und andere Räume sind nach historischem Vorbild wieder entstanden. Auch das Kavalierhaus hat eine neue Fassade. Eigentlich hat der 92-Jährige das Versprechen erfüllt, das er seinem Vater gegeben hatte. Die Herders sind wieder Herrschaft auf Rauenstein.

Doch nach all den Mühen will der alte Herr nicht an den Ort zurück, nach dem er sich so gesehnt hatte. Seine Besuche in Rauenstein werden von Jahr zu Jahr kürzer. „Ich fahre nur noch hin, wenn meine Anwesenheit erforderlich ist“, sagt er. Der Grund ist simpel und tragisch. „Der Baron ist hier nie richtig angekommen“, sagt Dietmar Thalhäuser.

Schon beim Kauf des Schlosses hätten Leute Stimmung gegen ihn gemacht, die lieber selbst im Schloss geblieben wären. Im Jahr 2005 eskalierte ein Streit, für den Herder nicht verantwortlich ist, der als „Rauensteiner Elefantenklo“ in die regionale Geschichte eingehen wird und einen Abwasserzweckverband an den Rand des Abgrundes gebracht hat. Für die Ortsentwässerung hatte der AZV auf dem Grundstück des Schlosses ein Regenrückhaltebecken gebaut.

Als 2003 die neue Kläranlage ihre Arbeit aufnehmen sollte, verweigerte Herder seine Zustimmung. Er fürchtete den Gestank, den die Anlage möglicherweise am Schloss verursachen könnte. Der AZV war machtlos. Man hatte vergessen, das Regenrückhaltebecken im Grundbuch als AZV-Eigentum einzutragen. Herder hatte die Anlage mitgekauft. Das bestätigten ihm auch die Gerichte in zwei Instanzen. Der AZV hatte etwa eine Million Euro in den Sand gesetzt. Über dem Rückhaltebecken beginnen in diesen Tagen Frühjahrsblüher zu sprießen.

Das „Elefantenklo“ blieb nicht der einzige Streitfall zwischen dem Baron und der Kommune. Alte Seilschaften hätten ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt, glaubt er. „Ich werde nie wieder in meinem Elternhaus wohnen“, sagt der 92-Jährige am Telefon und spricht davon, dass er das Schloss wieder verkaufen will.

Innerlich habe er sich von Rauenstein schon verabschiedet, bestätigt auch sein Kastellan. Dietmar Thalhäuser sagt, der Baron habe immer geglaubt, dass die Familie nach 60 Jahren Abwesenheit hier wieder willkommen ist. „Doch das war wohl ein tragischer Irrtum“.