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Der Bionier

Unternehmer Sven-Erik Hitzer macht den Grenzort Schmilka zu einem Bioenergiedorf. Kompromisslos, mit altem Wissen, neuesten Technologien und gegen Widerstände.

© Andrea Knura

Von Ines Mallek-Klein

Die Sonne brennt. Zufrieden schaut Sven-Erik Hitzer nach oben. Nicht in den Schmilkaer Himmel, sondern auf das Dach des himmelblauen Gebäudes. Hier, wo früher die DDR-Grenztruppen ihre Kübelwagen geparkt haben, ist heute die Schaltzentrale seines kleinen Imperiums. Hier werden neue Marketingkampagnen erdacht und Übernachtungsarrangements kalkuliert. Oben auf dem Dach arbeitet die Solaranlage. Auch sie ist Teil des Konzeptes von einem Bioenergiedorf in der Sächsischen Schweiz. „Ein Fünftel unserer Energie erzeugen wir selbst, und der Rest ist auch 100 Prozent Ökostrom“, sagt Sven-Erik Hitzer.

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Die Abendstimmung lässt sich mit Blick auf die Elbe vom Garten des Hotels „Helvetia“ genießen.
Die Abendstimmung lässt sich mit Blick auf die Elbe vom Garten des Hotels „Helvetia“ genießen. © Bio und Nationalpark, Refugium Schmilka
In der Biobäckerei gibt es nicht nur Biobrot, sondern auch leckere, wagenradgroße Kuchen.
In der Biobäckerei gibt es nicht nur Biobrot, sondern auch leckere, wagenradgroße Kuchen. © Albergo GmbH, Simanowski
Der Badezuber ist ganzjährig im Betrieb und damit auch Teil des Winterdorfes.
Der Badezuber ist ganzjährig im Betrieb und damit auch Teil des Winterdorfes. © Albergo GmbH, Marko Döhring
Der Mühlenkomplex (r.) und das Badehaus (l.) sind die beliebtesten Fotomotive in dem Grenzdorf:
Der Mühlenkomplex (r.) und das Badehaus (l.) sind die beliebtesten Fotomotive in dem Grenzdorf: © Albergo GmbH, Thorsten Rogge

Auf dem Weg zum Dorfzentrum huscht lautlos ein Elektromobil an dem Unternehmer vorbei, beladen mit Saftkisten, Servietten und allem, was man sonst noch in der Gastronomie braucht.

Gastronomie, die wollte Sven-Erik Hitzer nie machen. Aber er ist Perfektionist und merkte 2006 schnell, nach dem Kauf des Hotels Helvetia, dass die Gäste mehr suchen als nur die Erholung innerhalb des Hauses. Schmilka aber, der Grenzort mit einst 300 Einwohnern, hatte damals wenig zu bieten. Die Jugend war den Jobs hinterhergezogen. Immer mehr Häuser standen leer und hatten regelmäßig Besuch von den Elbefluten. Das Schicksal von Schmilka schien besiegelt.

Doch der in Cottbus geborene Unternehmer wollte sich damit nicht abfinden. Er, der schon als junger Mann zum Klettern in die Sächsische Schweiz gekommen war, hatte gleich nach der Wende mit der Pension Rauschenstein seine erste Immobilie in dem Grenzdorf gekauft. Ein kleine, private Herberge für Kletterwochenenden, so der Plan. Die Pension gibt es heute noch. Eine preiswerte Unterkunft für Wanderer, die oft nur eine Nacht bleiben möchten, am Malerweg gelegen mit direktem Blick auf eines der wenigen Umgebindehäuser in der Sächsischen Schweiz.

Heute, 24 Jahre später, gehört dem Unternehmer jedes zweite Haus in Schmilka, das manche deshalb schon scherzhaft „Hitzerhausen“ nennen. „Ich stehe im Grundbuch, aber hier ist auch viel geliehenes Geld eingeflossen“, relativiert der Unternehmer, der weiß, dass sein Ehrgeiz und sein Erfolg nicht überall begeistert aufgenommen werden. Rund zwölf Millionen Euro hat er seit 1993 in Schmilka investiert, unter anderem in modernste Glasfaserkabel. Im Herbst soll endlich das schnellste Internet nach Schmilka kommen. Die Infrastruktur sei teuer und eigentlich auch Sache der Kommune und nicht eines privaten Investors, sagen Banken immer wieder, wenn Hitzer mit ihnen über Sicherheiten verhandelt. Es ist schwer, Kredite zu bekommen, selbst in Zeiten der Negativzinsen. Nachhaltigkeitsargumente ziehen nicht, die regelmäßige Ratenzahlung schon. Drei Millionen Euro muss Hitzer in Schmilka jedes Jahr erwirtschaften. Das ist nicht leicht, trotz einer deutlichen Steigerung der Besucherzahl von 100 000 auf mittlerweile 500 000 Tagesgäste pro Jahr.

Hitzer schafft ständig neue Attraktionen. 2007 hat er begonnen, die alte Mühle wieder aufzubauen. Als Projektierungshilfe diente ihm eine alte Zeichnung von Ludwig Richter, die das Mühlrad zeigte. Am einsturzgefährdeten Gebäude selbst fand man nur noch die Lagerungsbalken. Heute klappert wieder sanft das Mühlrad, angetrieben von der Ilmquelle. Sie gilt als hydromechanisches Phänomen, schwärmt Hitzer, wann immer er an dem Holznachbau vorbeikommt. Die Quelle spuckt sechs Liter pro Sekunde aus, zuverlässig im Sommer wie im Winter.

Hitzer will das Alte nicht nur erhalten, er will es auch verstehen. Es gibt keine Ansichtskarte von Schmilka, die sich mittlerweile nicht in seinem Fundus befindet. Und immer wieder erfährt er alte Geschichten, über die Villa Thusnelda zum Beispiel. 1878 von Richardt Hering im Bäderstil erbaut, trägt sie den Namen seiner Frau. Das ist nichts Ungewöhnliches in Schmilka. „Hier haben alle Häuser Namen, manche sind allerdings in Vergessenheit geraten“, so Hitzer. Die Villa steht ein paar Meter weit weg von der Elbe. Mehr als einmal war der Fluss hier zu Gast, auch während der Sanierung 2013. Hitzer hat danach nochmal umgeplant, die Elektrik wurde in die Obergeschosse verbannt, die Böden sind alle gefliest und für behagliche Wärme sorgt eine Wandschalenheizung. Unten ist das Café Richter, in dem Torten, hergestellt aus Biozutaten, serviert werden. Und oben warten zwei gut 100 Quadratmeter große Luxusappartements auf Gäste, mit eigener Sauna und 360-Grad-Rundum-Blick, zu mieten ab 160 Euro die Nacht. Hitzer würde sie gern zeigen, aber sie sind gerade belegt.

Also geht es ein paar Meter den Winterberg hinauf. Dort, in der Mühle, sind weitere Gästezimmer. Alle nach höchsten ökologischen Standards saniert und eingerichtet. Die Wände aus Lehmputz. Alte Farbmusterwalzen haben wunderschöne Dekore hinterlassen. Die Betten sind metallfrei mit Matratzen aus Naturlatex. Vor den Fenstern hängen schwere Leinenstoffe. Hitzer hat sie in Italien entdeckt. Ein Glücksfund, denn eine besondere Webtechnik macht die Naturstoffe schwer entflammbar. Die Dielen sind aus geseiftem Holz, es gibt keine Lacke oder Wachse. Und von der restaurierten Kaiser-Idell-Lampe führt ein stoffummanteltes Kabel zur Steckdose. Alle Zimmer sind elektrosmogfrei verkabelt, und das WLAN wird nachts abgeschaltet.

Hitzer liebt das Besondere und besinnt sich auf alte Techniken. Die Treppen sind mit einer Standölfarbe auf Leinölbasis gestrichen, und den Balkon des Saunabadehauses macht ein Gemisch aus gekochtem Leinöl und Kienteer wetterfest. Hitzer kennt die Tricks und Kniffe der Vorfahren, auch aus dem Berufsalltag seiner Eltern. Die waren Architekten und haben ihren Sohn von klein auf mit auf die Baustellen genommen. Hitzer selbst wollte lieber Landschaftsarchitekt werden. Er hat sich um einen Studienplatz an der TU Dresden bemüht und wurde abgelehnt, also lernte er Gärtner und begann in der Wendezeit ein Studium auf Burg Giebichenstein in Halle. Das gestalterische Fachwissen hat er, und so verzichtet er bis heute auf einen Architekten. „Das plane ich alles selbst, nur für die Statik, den Brandschutz und die Haustechnik brauche ich Fachleute“, so der Unternehmer.

Der Denkmalschutz und seine Vision vom Biodorf passen übrigens perfekt zusammen. Schwerer sei es schon, die Auflagen des Brandschutzes und der Hygiene mit den alten Traditionen und Bauweisen zu vereinbaren, sagt der Investor. Aber Hitzer wäre nicht Hitzer, würde er nicht auch diesen Debatten mit den Ämtern etwas Positives abgewinnen. „Man lernt dazu und geht neue Projekte gleich anders an“, so sein Fazit.

Diese neuen Projekte gibt es. Das Saunahaus soll später zu einem Saunadorf erweitert werden, und im Grenzeck, einer ehemaligen Gaststätte, plant Hitzer eine Gästeinformation inklusive einer Rezeption für alle seine Unterkünfte. Immerhin 150 Betten vermietet er mittlerweile und beschäftigt in der Saison bis zu 65 Mitarbeiter in Schmilka. Dazu kommen 60 auf der Festung Königstein, wo Hitzer die gesamte Gastronomie betreibt und weitere 70 im thüringischen Kahla auf der Leuchtenburg. Nicht mitgerechnet sind die Saisonkräfte auf den Weihnachtsmärkten, unter anderem auf dem Neumarkt in Dresden. Nebenbei kümmert sich Hitzer noch um das Schloss Thürmsdorf, in dem Sohn und Schwiegertochter in spe die Schokoladenmanufaktur Adoratio gegründet haben.

Einen Tanz auf vielen Hochzeiten werfen seine Kritiker ihm manchmal vor. Und tatsächlich, einige Projekte gehen langsamer voran, als es sich der Unternehmer selbst wünscht. Er ist rastlos, aber eben auch geduldig. Und so bleibt er dran an seinen Themen, wie einem autofreien Schmilka. Ganz, da ist Hitzer Realist, wird ihm das wohl nicht gelingen. Aber mehr Touristen für eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu begeistern, wäre ein Anfang. Knapp vier Stunden braucht man mit Zug, S-Bahn und Fähre von Hamburg in das Grenzdörfchen. Schneller geht das mit dem Auto auf keinen Fall.

Und dann sind da noch die Tagesgäste. „Die rennen früh rauf auf den Berg und abends runter“, so Hitzer. Er möchte sie zum Innehalten bewegen. Er lässt an Sonntagen am Café Richter Livemusik spielen, bietet täglich Führungen durch die Bäckerei und die Mühle an oder lädt unter der Woche zu Yoga-Kursen und Lesungen sein, die seine Hotelgäste kostenlos nutzen können. Bliebe das Problem mit der Saison. Die ist sechs Monate lang und damit viel zu kurz, um das Personal durchzubeschäftigten. Hitzer hatte auch hier eine Idee, 2016 gab es das erste Winterdorf in Schmilka. Feuerkorb, Glühpunsch und Livemusik, aber auch politische Debatten. Hitzer hatte schon im vorigen Winter den Berliner Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der im NSU-Prozess als Vertreter der Nebenklage auftritt, eingeladen, nachdem der in einer Fernsehtalkshow erklärt hatte: „Ich traue mich mit meiner Schwester auch nicht in die Sächsische Schweiz, weil da die Nazis sind.“ Hitzer möchte ihm das Gegenteil beweisen. Der Besuch kam bis heute nicht zustande. „Ich hoffe, dass wir Daimagüler in diesem Jahr begrüßen können“, so der Unternehmer. Er weiß, dass ein solcher Abend für Diskussionen sorgen würde, wie viele seiner Projekte. Aber Debatte heißt eben auch Aufmerksamkeit.