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Der Bischofswerda-Liebhaber

Gottfried Brückner kennt die schönsten Ecken der Stadt. Obwohl er gar kein Schiebocker ist.

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© Steffen Unger

Von Constanze Knappe

Vier Stadttore hatte Bischofswerda einstmals. Keins davon gibt es mehr. Was er denn anderen zeigen wolle? Diese Frage bekam Gottfried Brückner deshalb nicht nur einmal zu hören. Wohlgemerkt von Einheimischen. Jedes Mal, so erzählt der 61-Jährige, habe dabei Ungläubigkeit, ja Unverständnis mitgeklungen. Wohl aus dem Vorurteil heraus, dass in Bischofswerda nicht viel los und deswegen ergo auch nicht viel zu sehen sei. Das macht Gottfried Brückner ein bisschen fuchsig. Er ist zwar in Seeligstadt geboren, verbrachte aber die meiste Zeit seines Lebens in Bischofswerda. Er hat die Stadt lieben gelernt. Zu sehen gibt es hier eine Menge, davon ist er überzeugt. Das bestätigen ihm auch Besucher immer wieder. „Es ist so viel Schönes hier entstanden“, sagen sie. Dass Auswärtige darüber staunen, viele Einheimische das aber offenbar gar nicht wahrnehmen, sei schon komisch. Ihn fasziniert, dass sich junge Leute von außerhalb „für alte Buden“ hier interessieren. Ebenso, dass der Bischof das Braurecht an Bischofswerda verlieh und die hiesigen Bierbrauer 1503 zu Hoflieferanten wurden. „Lange bevor man in Radeberg wusste, dass es Bier gibt“, so Gottfried Brückner schmunzelnd.

Stadtführer zu werden, das hätte er sich selbst nicht vorstellen können. Zwar habe er Geschichte in der Schule gemocht, aber die Beschäftigung damit war mit dem Ende der Schulzeit vorbei. „Doch man wird älter und damit wächst auch das Interesse für die Historie“, erzählt er. Seit Jahren organisiert er Klassentreffen der ehemaligen Bischofswerdaer Oberschüler. 2011 stand ein solches für einen ganzen Schuljahrgang an. Dafür hätte er gern Hartmut Schaar im Kostüm als Stadtführer gehabt. Es hätte denen, die im Westen leben, sicher gut gefallen. Der Gedanke daran ließ ihn nicht mehr los. Den hatte Gottfried Brückner auch dann noch im Hinterkopf, als die Kreisvolkshochschule 2014 einen Stadtführerlehrgang anbot. Er nahm es als Wink mit dem Zaunspfahl und meldete sich an. Vermittelt wurden Stadtgeschichte und politische Gliederung, welche Denkmäler es gibt und welche Gebäude sonst noch zu beachten sind. Es mussten jede Menge Jahreszahlen gebüffelt werden. Am Ende stand eine Prüfung. Was ihn danach erwarten würde, davon hatte Gottfried Brückner nach eigener Aussage zunächst keine Ahnung.

Steckenpferd ist die Architektur

Je mehr er sich in sein neues Hobby vertiefte, umso interessanter wurde die Stadt für ihn. Er startete mit kleinen Führungen für Verwandte und Bekannte. „Damit man sicherer wird“, wie er sagt. Seine Feuertaufe hatte er bei einem Fahrradtreffen im vorigen Sommer. Seither führte er etwa 20 Gruppen durch die Stadt. Senioren einer Berliner Kirchgemeinde zum Beispiel, die von den Kirchen in Bischofswerda ganz begeistert waren. Mit Achtklässlern des Goethe-Gymnasiums wandelte er in Vorbereitung eines Schulprojekts auf den Spuren von Carl Lohse. Das Steckenpferd von Gottfried Brückner aber ist die Architektur, wofür er als Beispiele den Bischofssitz und die Fronfeste nennt. Letztere gab den Anstoß für seine Rolle. Denn neben der Fronfeste befand sich eins der Stadttore. Von Kindern wurde er als „Nachtwächter“ wahrgenommen. Als ihm ein Mädchen eines Tages auf dem Marktplatz so hinterrief, habe ihn das zunächst getroffen, ihn dann aber doch in der Figur als Torwächter bestärkt. „So jemand wusste ja schließlich Bescheid über die Stadt und wer da ein- und ausgehen darf“, sagt er. Seither schlüpft er in Umhang und Hut und komplettiert sein Auftreten mit einer Hellebarde aus dem Kleiderfundus von Kenny Jäckel.

Spezialisiert hat sich Gottfried Brückner auf die Industriegeschichte von Bischofswerda. Auf dem Alten Friedhof haben die großen Industriellen der Stadt ihre Grüfte. Er erzählt von Buschbeck und Hebenstreit, die seinerzeit ihre Fachkräfte aus Dresden mit nach Bischofswerda brachten und für sie am Margarethenblick Wohnungen bauten. Von Tuchfabrikant Herrmann, der auf einer Weltausstellung gleich drei Goldmedaillen einheimste und sehr sozial eingestellt war. Mit Strohbach gab es einen Limonadenfabrikanten. „Der Friedhof ist wie ein offenes Geschichtsbuch. Wenn man solche Bezüge herstellt, kann man selbst Schüler dafür begeistern“, stellte Gottfried Brückner fest. Inzwischen hält er Vorträge zur Industriegeschichte.

Immer mit Menschen zu tun

Beruflich ist er es gewohnt, sich auf fremde Menschen einzustellen. Bis zur Wende war er beim Kreissportbund für den Nachwuchssport zuständig, danach in der Gastronomie tätig und seit 2001 als Versicherungsmakler. Aufgeregt vor seinen Touren ist er nicht. Ganz im Gegenteil. Er freut sich darauf, wenn er Besucher durch die verwinkelten Gassen der Stadt führen kann. Die Besucher spüren seine Begeisterung. Dass er neben den Jahreszahlen nicht bloß trockene Geschichte rüberbringt, das kommt an. „Man muss schon mit Herz und Seele dabei sein“, sagt er. Gottfried Brückner ist Mitglied der Stadtführergilde. Gemeinsam mit Kenny Jäckel vom Bischofswerdaer Kleiderfundus beleben sie die „Mitternachtsspitzen“ neu, entführen dabei abends die Gäste in die schönsten Ecken der Stadt. Mit einem kräftigen Schluck zwischendurch und kulturellem Programm mit feinster Unterhaltung.

Mitternachtsspitzen am 1. April von 18.30 bis 20.30 Uhr, Treff am Rathaus. Tickets für 29 Euro (begrenzt auf 24 Karten) unter [email protected]