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Der Burgherr dankt ab

Bernd Wippert geht zum 1. April in den Ruhestand. Fast 40 Jahre hat er auf Burg Kriebstein gelebt und gearbeitet.

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© Foto-Montage/Dietmar Thomas

Von Maria Fricke

Kriebstein. Kein Wasser, keine Toilette, keine Heizung – Leben wie im Mittelalter. Dazu eine riesige Burg mit maroden Dächern, unsanierten Räumen und kein Geld. „Wie lange werden wir das durchhalten?“ Doch Bernd Wippert und seine Frau Gabriele haben es geschafft. Seit 37 Jahren leben die beiden auf Burg Kriebstein. Haben in der Zeit so gut wie jedes Zimmer in der historischen Anlage restauriert. Fast wie nebenbei zwei Kinder großgezogen und über viele Jahre Veranstaltungen in dem spätgotischen Bau durchgeführt. Ein Lebenswerk. Eine Mammutaufgabe. Eine Leidenschaft.

Und eine Liebe, von der sich Bernd Wippert jetzt trennen wird. Zumindest ein bisschen. Am 1. April geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Dass es für ihn ein Leben nach Burg Kriebstein geben kann? Bei Sätzen wie „Man lebt für die Burg. Man ist das Leben auf der Burg. Man ist ihr Motor“ kaum vorstellbar. Und doch, es soll, es wird sie geben, die Zeit nach Bernd Wippert als Schlossherr und Verwalter von Burg Kriebstein und seit dreieinhalb Jahren auch von Burg Mildenstein. Es wird sie geben, die Zeit nach seinem Traumberuf.

Schon von Kindesbeinen an hatte der gebürtige Sachsen-Anhaltiner nur ein Ziel: Ich will einmal Museumsdirektor werden. Doch der Weg dahin war zu DDR-Zeiten ein steiniger. Statt sich der Kunstgeschichte zu widmen, wurde Wippert in Biologie, speziell Genetik, ausgebildet. „Ich wollte kein Offizier auf Zeit werden und habe mich bis zur letzten Minute dagegen gesträubt, in die SED einzutreten“, sagt Wippert. Die Folge: Ein Studium in der begehrten Fachrichtung blieb ein Traum, zumindest vorerst. Trotzdem ließ der Wunsch ihn nicht los. Erste Schritte auf einer Burg machte Wippert bei Hartenstein im Erzgebirge. Auch seine Frau war schon mit dabei, als Wippert auf der dortigen Burg Stein Museumsleiter wurde. Tochter Beatrice kam auf die Welt, Sohn Konrad war unterwegs, und Wipperts brauchten eine neue Unterkunft. In Stein gab es die nicht, also suchte das Paar woanders. Am Ende hatten sie fünf Burgen zur Auswahl. Die in Kriebstein hatte es schließlich beiden angetan.

Mit einem Trabant, der bis unters Dach beladen war, zog die wachsende Familie auf die Ritterburg. Nebenbei absolvierte Wippert ein Fernstudium in Kunstgeschichte. Sesshaft wurden die Wipperts jedoch so schnell nicht, zumindest nicht innerhalb der Burg. In der Anfangszeit zogen sie mehrmals um. Die Verwalterwohnung war erst nicht frei, musste dann noch umgebaut werden. Jetzt schläft Wippert seit mehreren Jahrzehnten unter dem Geläut. Aller 30 Minuten ertönt der Glockenschlag. „Wir spüren ihn zweimal. Erst die Druckwelle und dann den Klang“, sagt Wippert, der sich davon auch nachts nicht aus der Ruhe bringen lässt. Und dass, obwohl die Glocke so oft zu hören ist. Die heißt Ina und soll an eine junge Frau erinnern, die im Alter von nur 26 Jahren gestorben ist, erzählt Wippert, der die Burg wie kein anderer kennt. Der Freundeskreis Burg Kriebstein hat die Glocke gespendet.

Fast zu jedem Detail der Burg erzählt Wippert eine Geschichte. Sei es der silberne Kronleuchter im Barraum oder der Kamin im Großen Festsaal, der aus zahlreichen Einzelteilen wieder zusammengesetzt wurde und jetzt bei Veranstaltungen angeworfen wird. 35 Ausstellungsräume haben Wipperts in den vergangenen Jahren hergerichtet. Von den einst fünf Wohnungen auf der Burg ist noch eine, die des Burgherren, geblieben. Dort wird Wippert zukünftig nur noch als Mieter drin leben, nicht mehr zugleich auch noch Vermieter sein. Darüber ist er in gewissem Maß auch erleichtert. „Für gestreute Wege sind dann die anderen verantwortlich“, scherzt er.

Viel hat der 65-Jährige auf der Burg geschafft. Für die Zukunft hat er zwei große Wünsche für die Burg Kriebstein: das wertvolle Gebäude mit seinem wertvollen Inhalt soll bestehen bleiben und nicht zerrissen und das Rittergut als Herrenhaus der Burg wieder zugeführt werden. „Wir brauchen es dringend für die museumspädagogischen Projekte. Bis jetzt haben wir dafür keine eigenen Räume. Die Mitarbeiter müssen immer alles umräumen. Das ist viel Stress“, erklärt Wippert. Für die Burg Mildenstein, die er seit Ende 2013 betreut, wünscht sich der Burgherr einen gelungenen Abschluss der Baumaßnahme.

Mit seinem Abschied als Schlossleiter habe sich Wippert inzwischen abgefunden. Das dem 65-Jährigen zu glauben, fällt schwer. „Bis zum 31. März gibt es noch so viel zu tun. Auf Burg Mildenstein steht eine Teilbauübergabe an. Außerdem bin ich ja noch zwei Jahre hier“, sagt Wippert, dessen Frau Anfang 2019 in den Ruhestand gehen wird. Wie es danach weiter geht, ist für das Ehepaar zurzeit noch offen. Eine Zwei-Zimmer-Neubau-Wohnung könne er sich aber nicht vorstellen. Ob es wieder eine Burg wird? „Wenn ich viel Geld hätte“, sagt Wippert, der auch offen lässt, ob die Familie in der Region bleiben wird. „Wir haben Enkel in Thüringen und der Lausitz.“

Wippert freut sich darauf, ab April endlich wieder mehr Zeit für sein Cabrio und sein Motorrad zu haben. „Beides steht seit drei Jahren in der Garage, ungenutzt. Ich hatte einfach keine Zeit“, sagt er. Mit dem Cabrio nach Thüringen oder mal wieder in die Alpen, das hat sich der Burgchef vorgenommen. Denn auch Urlaub hat sich das Paar bisher kaum gegönnt. „Nicht viel und nicht lange“, so Wippert, der mit seiner Familie kaum allein auf der Burg ist. Nur im Dezember und Januar wird es ruhig. „Das ist heilsam für uns und die Burg“, sagt er. Dass ansonsten ständig jemand da sei, müsse man akzeptieren, dann könne man es auch genießen. Seine Vorgänger konnten das offenbar nicht. Innerhalb von zehn Jahren hatten der Burgherr auf Kriebstein vor ihm siebenmal gewechselt.

Bleibt die Frage, ob Nachfolgerin Susanne Tiesler die Aufgabe mit dem gleichen Herzblut verfolgen wird. Für eine Burg zu leben, wie Wippert es getan hat, ist sicher einmalig. Doch der Burgchef ist optimistisch: „Ich bin sicher, dass es hier richtig gut weitergehen wird.“ Das kann er sicher guten Gewissens sagen, denn er und Tiesler kennen sicht gut. Die Diplomkauffrau kümmert sich seit einigen Jahren ums Marketing der Burg.