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Der Engel mit dem Rettungsschirm

Das neue Radeberger Biertheater-Stück „Gute Ex – schlechte Ex“ ist ein wirklich ungewöhnliches. Und sogar der Tod spielt mit.

© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

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Radeberg. Eigentlich ist der Tod ja das Ende; aber im neuen Biertheater-Stück „Gute Ex – schlechte Ex“ macht er gleich mal den Anfang. Der Tod auf der Bühne des Biertheaters? Passt das denn? Ja, und wie das passt! Eine wunderbar gewagte Gratwanderung zwischen gerührt und vor Lachen geschüttelt, ist es geworden.

Viel Freude haben sie mit dem Testament – allerdings nur auf den ersten Blick.
Viel Freude haben sie mit dem Testament – allerdings nur auf den ersten Blick. © Thorsten Eckert
Auch die SZ spielt diesmal mit: Gabi Köckritz, Thomas Böttcher und Thomas Rauch (v.l.) sind von einer Anzeige überrascht.
Auch die SZ spielt diesmal mit: Gabi Köckritz, Thomas Böttcher und Thomas Rauch (v.l.) sind von einer Anzeige überrascht. © Thorsten Eckert
Herrlich intrigant: die beiden Schwiegertöchter Suzanne Kockat (l.) und Beate Dangrieß-Jarzembowski.
Herrlich intrigant: die beiden Schwiegertöchter Suzanne Kockat (l.) und Beate Dangrieß-Jarzembowski. © Thorsten Eckert

Mit herrlich doppelbödigen Sätzen – und schwarzhumorigen Ideen: So gibt der Hauptheld – der in die Jahre gekommene Familienvater Artur – schon mal zu Lebzeiten seine eigene Todesanzeige auf, „damit ich sie auch noch selber lesen kann …“ Und überhaupt plant er bereits eifrig seine Beerdigung, „weil ich ja schließlich vor Jahren auch meine Hochzeit geplant habe …“ Und auch, weil der Arzt so komische Andeutungen gemacht hatte. Diesmal passiert auf der Biertheater-Bühne jedenfalls viel zwischen den Zeilen – und auch das macht Spaß. Dem Publikum – und den Akteuren, die gespannt sind, wie es ankommt, verrät zum Beispiel Thomas Böttcher nach der Premiere. „Proben sind ja immer hart, aber diesmal waren sie noch härter“, sagt er. „Denn diesmal muss wirklich jeder Gag, vor allem aber jede Geste sitzen“, macht er klar. Denn die mitunter durchaus tragischen Momente werden immer auch durch urkomische und augenzwinkernde Sequenzen „gedoppelt“. Schließlich soll es ja kein Trauerspiel sein, sondern natürlich eine Komödie. „Und das war schon eine Herausforderung“, atmet Thomas Böttcher nach der gelungenen Premiere und dem frenetischen Schluss-Applaus auf. Und auch Regisseur Ulrich Schwarz verbeugt sich zufrieden vorm Publikum, als er unter tosendem Beifall auf die Bühne gebeten wird. Gerade beim Spiel mit den Gesten hat er diesmal strengere Maßstäbe ansetzen müssen, gibt er zu.

Beziehungssorgen, Vorsorge-Sorgen und Versorgungs-Sorgen

Die Geschichte, die erzählt wird, ist die einer im gemeinsamen Haushalt lebenden Großfamilie mit zwei verheirateten Söhnen. Söhne, die sehr unterschiedlich sind. Während er eine mit 16 schon mal in der Ausnüchterungszelle übernachten musste, hat der andere eine Eins in Gymnastik aus der Schule mit nach Hause gebracht – Beziehungssorgen, Vorsorge-Sorgen und Versorgungs-Sorgen wohnen quasi mit unterm gemeinsamen Dach – und natürlich sind die beiden Schwiegertöchter, die ebenfalls Geschwister sind, irgendwie aufs Erbe der Eltern aus. Solche Themen in einer Komödie zur verpacken, ist mutig. Und der Mut wird belohnt – mit immer wieder donnerndem Szenenapplaus.

„Wir kommen noch aus einer Generation, in der repariert statt weggeworfen wurde“, ist dann zum Beispiel einer dieser Sätze, die Autor – und Hauptdarsteller – Holger Blum sich und seinen Kollegen da geschrieben hat. Und dieser Satz passt so wunderbar auf all die in diesem Stück angeschnittenen Probleme – Fremdgehen, Scheidung, übers Testament nachdenken. Probleme, die eben scheinbar nicht auf eine Volkstheater-Bühne passen. Aber spürbar genau dorthin passen! Weil sie aufs Leben passen: Freundschaften wegwerfen, wenn es schwierig wird, statt sie zu reparieren … Da ist sie also wieder, diese herrliche Doppelbödigkeit, die es hier diesmal zu entdecken gilt. Aber natürlich wird auch viel gelacht. Zum Beispiel, wenn der offensichtlich aus Österreich importierte Tod – schließlich singt er einen Hit der Wiener Kult-Band EAV – sein sächsisches Lieblingsessen verrät: tote Oma.

Arthur der Engel im engen Dress

Grandios ist dabei vor allem die Idee, den mitten im Stück dann tatsächlich dahingeschiedenen Artur als Schutzengel noch einmal auf die Erde zu schicken: Holger Blum im hautengen Schlafanzug als „Artur der Engel“, der nicht vom Schnäpschen lassen kann, wenn er zurück in den eigenen vier Wänden ist – wunderbar komisch! Auch, wenn die Aufgabe eigentlich keine lustige ist, die er als Schutzengel da zu erfüllen hat: Das Gefühlschaos und die Intrigen in der Familie zu kitten.

Eine wirklich furiose Leistung, die die Akteure bieten, und zwar ohne sich in die Gefahr zu verirren, sich in Sachen Gag-Frequenz gegenseitig überbieten zu wollen. „Dieses Stück ist wirklich etwas für Mannschaftssportler“, ist Autor Holger Blum überzeugt. Und so bekommt am Ende jeder der Akteure vom Publikum den gleichen lautstarken Applaus: Beate Dangrieß, Gabi Köckritz, Suzanne Kockat, Thomas Böttcher, Thomas Rauch und Holger Blum. Und sie geben dem Publikum noch die Botschaft mit auf den Heimweg: Lebt!

Ein bisschen anders als gewohnt, kommt das Biertheater diesmal daher – aber es wird auch den eingefleischten Fans gefallen, so viel ist sicher. Todsicher, sozusagen.

„Gute Ex – schlechte Ex“ läuft in der aktuellen Saison an diesem Sonnabend (ausverkauft), 23. bis 25. Februar, 18. bis 24. März, 6. und 7. April sowie vom 18. bis 26. Mai. Auch in der kommenden Saison wird das Stück auf dem Spielplan stehen. Tickets: 03528 487070 oder im Internet.