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Der ewige Fuchs

© Wolfgang Wittchen

Thomas Götz arbeitet im Kraftwerk als Elektriker – und spielt trotzdem für Weißwasser in der zweiten Eishockey-Liga.

Von Sven Geisler

Die Zeit drängt. Sein Kollege klopft schon demonstrativ auf die Uhr. Sie müssen zurück an die Arbeit. Dabei ist die Übungseinheit der Lausitzer Füchse gerade beendet, am Nachmittag trainingsfrei. Doch für Thomas Götz geht die Schicht weiter. Für den 31-Jährigen ist Eishockey nur ein Nebenjob, wenngleich er den mit höchster Professionalität betreibt. Trotz der Doppelbelastung: Um sechs Uhr morgens beginnt für den Elektriker die Schicht im Kraftwerk Boxberg, halb neun fährt er nach Weißwasser, und mittags noch mal für ein paar Stunden in den Betrieb.

Wieso er sich das antut? Götz zuckt mit den Schultern. „Weil es Spaß macht“, sagt er – und meint seinen Beruf wie sein Hobby. Vater Roland ist Elektriker – und Eishockey-Fan, genau wie Mutter Marina. Sie haben den Steppke von klein auf mitgenommen in den Fuchsbau, und er begleitete Schwester Susann zum Eisschnelllauf, als es die Bahn am Stadion in Weißwasser noch gab. Später spielte auch sie Eishockey, war Kapitän der Frauen-Nationalmannschaft bei Olympia 2014 in Sotschi.

Bruder Thomas wollte irgendwann selber auf dem Eis spielen – wie fast alle seine Freunde. „Wer hier einigermaßen sportlich war, hat definitiv mit Eishockey angefangen. Das war absolute Tradition“, erinnert er sich – und an seine ersten Erfahrungen, denn die sind durchaus schmerzhaft gewesen. „Ich bin ziemlich oft hingefallen.“ Aus dem Nachwuchs wechselte er für zwei Jahre zu Tornado Niesky, holte sich in der Regionalliga die nötige Wettkampfhärte – bis ihn Coach Frederick Carroll 2005 zurück in den Fuchsbau beorderte.

Jetzt geht Götz in seine zwölfte Saison bei dem Zweitligisten, an einen Wechsel hat er nur einmal gedacht, wie er zugibt. Das war vor acht Jahren, als sein Job bei Vattenfall noch befristet und er ungebunden war. Ein Klub „im Norden“ wäre eine Option gewesen, aber seine Verbundenheit zur Heimat war stärker.

Götz gehört mit seiner Erfahrung zu den Stützen der neuen Lausitzer Mannschaft, die mit einem Durchschnittsalter von 23,3 Jahren die jüngste in der Vereinsgeschichte sein dürfte. „Ich bin froh, dass André noch dabei ist“, meint er und grinst. André Mücke, mit 33 der Oldie im Team, stammt wie Götz aus dem Weißwasseraner Nachwuchs, kehrte aber nach ein paar Wanderjahren in Bremerhaven und Dresden erst 2014 zurück.

„Sie sind das Fundament unseres Teams“, sagt Dirk Rohrbach – und der Geschäftsführer meint das nicht nur im sportlichen Sinne. Der Verein braucht Identifikationsfiguren, Aushängeschilder, Werbeträger. Mit Erik Hoffmann, 18 Jahre, hat mal wieder einer aus dem eigenen Nachwuchs direkt den Sprung zu den Profis geschafft. Ein wichtiges Zeichen für die Jugend – und nach außen. In der Lausitz ist es schwieriger als im Speckgürtel wirtschaftlich starker Städte, einen für die Deutsche Eishockey-Liga 2 angemessenen Etat zu stemmen. Bis Dezember läuft der Vertrag mit Hauptsponsor Vattenfall, ob die tschechische EPH-Gruppe nach der Übernahme das Engagement fortsetzt, ist unklar. Es habe positive Signale gegeben, aber mit einer Entscheidung rechnet Rohrbach erst Ende Dezember.

Im Sommer haben die Füchse-Verantwortlichen Klinken bei mehr als 300 kleinen und mittelständischen Unternehmen geputzt, etwa 60 neue Sponsoren gewonnen. „Wir sind als Eishockey-Zweitligist nach wie vor ein Leuchtturm mit großer Strahlkraft“, wirbt Rohrbach. Ihn stört es nicht, dass Experten die Lausitzer wegen ihres vergleichsweise knappen Budgets vor dem Saisonstart am Freitagabend mal wieder als ersten Abstiegskandidaten nennen. Rohrbach gibt dagegen die Pre-Play-offs als Ziel aus: „Es wäre Quatsch, in die Saison zu gehen und zu sagen: Wir wollen den Klassenerhalt schaffen. Dann wäre ja die Vorrunde von vornherein Makulatur.“

Familienrat erteilt die Freigabe

Ein Anspruch, der auch Götz gefällt. „Die Play-downs sind nervenaufreibend, das braucht keiner“, meint der Stürmer. Er hat vom Familienrat die Freigabe bekommen, weiterzuspielen, auch wenn sich – wie er erzählt – die Begeisterung in Grenzen hielt. Er steckte ja selbst im Zwiespalt: auf der einen Seite seine ungebrochene Lust aufs Eishockey, auf der anderen Freundin Lisa und Sohn Benjamin, der gerade zwei geworden ist. „Sie sehen mich wirklich selten.“ Und am eigenen Haus wäre auch immer genug zu tun … „Da fällt mir ein, ich wollte heute noch Rasen säen.“

Doch, ehrlich gesagt, „Eishockey ist schon mein Traumberuf“, sagt Götz. Trotzdem wollte er sich nie allein darauf verlassen, seine Zukunft nicht erst nach der Karriere planen. Ein verständnisvoller Meister und zum Teil eishockeybegeisterte Kollegen in der Instandhaltung, die seine Sonderrolle akzeptieren, unterstützen ihn. Während der Saison arbeitet Götz 30 Stunden in der Woche – und im Sommer einige Zeit raus. Die kann er für die Auswärtsfahrten zu Freitagabendspielen absetzen. Dafür gehen auch ein paar Urlaubstage drauf.

Die Marke von 500 Pflichtspielen, die der ewige Fuchs noch in diesem Jahr erreichen kann, ist sicher nicht seine Motivation. „Man lernt immer neue Mitspieler kennen, das ist spannend“, meint Götz, der seine Führungsrolle für die jungen Burschen gerne annimmt. „Ich bin sehr zugänglich, kann aber auch andere Töne anschlagen, wenn es sein muss.“

Schon aus Eigennutz ist er daran weniger interessiert, denn wenn es für die Füchse schlecht läuft, frozzeln ihn die Kollegen, und die Fans, denen er im Supermarkt begegnet, stellen unangenehme Fragen. Thomas Götz steckt sportliche Enttäuschungen besser weg, seit es Benjamin gibt. „Ich gucke meinen Sohn an, und alles ist gut“, erzählt er. Ob der Kleine die Eishockey-Tradition in Weißwasser fortsetzt, vermag der Papa zwar nicht verbindlich zu sagen, aber: „Den Schläger fasst er schon gerne an.“

Saisonstart der Lausitzer Füchse: Fr., 20 Uhr, in Crimmitschau; So., 17 Uhr, zu Hause gegen Kaufbeuren.