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Der gespenstische Ziegenbock

Sagen aus der Sächsischen Schweiz – Türchen 22: Warum man mit der Meckerei sparsam umgehen sollte.

Von Peter Ufer
 3 Min.
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Sophia (6) aus Pirna als der gespenstische Ziegenbock.
Sophia (6) aus Pirna als der gespenstische Ziegenbock. © Marko Förster

In Hertigswalde bei Sebnitz geht es entweder immer den Berg hoch oder immer den Berg runter. An der Schillerfichte ist ein Platz, um mal zu verschnaufen. Dann geht es wieder nach oben oder ins Tal runter, dort wo Sebnitz im Loch vor sich hin schlummert.

Die Hertigswalder gehören zwar zu dem Schlummerdorf da unten, aber sie wissen genau, dass sie ein ganzen Stück darüber liegen. Hier bekommen die Einwohner besser Luft und haben einen größeren Weitblick. Und wer richtig in die Landschaften sehen möchte, der braucht nur auf den Tanzplan zu steigen, auf den Kaiserberg oder den Buchberg. Und weil es hier in die Gegend einst einen Herzog herzog, könnte der Ort den Namen Herzogswalde bekommen haben. Aber wer will schon solch einen Schloss-Schnösel bei sich wohnen haben. Deshalb heißt der Ort Hertigswalde.

Es zogen aber vor Jahren nicht nur adlige Männer in die Gemeinde, sondern auch ein Ziegenbock. Der trug große Hörner und blickte aus feurigen Augen auf die Wiesen und Wälder. Er rammelte die Wege hoch und runter und runter und hoch. Wenn ihm ein Mensch begegnete, dann stieß er den in die Beine und meckerte über alles und jeden.

Das Gemeckere schallte durch das ganze Dorf und ging den Leuten gehörig auf die Nerven. Ein Mann fühlte sich derart belästigt, dass er den Nachbarn erklärte, er werde dem Ziegenbock bei der nächsten Begegnung eine Sense in den Kopf hacken. Als der Mann dann eines Tages, früh um vier Uhr, tatsächlich dem Meckertier gegenüber stand, da wollte er die Sense holen, aber konnte sich plötzlich nicht vom Fleck bewegen. Wie angewurzelt stand er da. Er konnte den Bock nicht erledigen, sondern musste zusehen, wie der ganz in Ruhe Gras fraß. Erst als der Ziegenbock über den Hügel weggelaufen war, da konnte sich der Sensenmann wieder bewegen, und ging nach Hause. Aber hatte weder Hunger noch Durst und war so erschöpft, dass er sich erst einmal in sein Bett legen musste.

An einem der nächsten Tage lief der Ziegenbock wieder an den Häusern vorbei. Da sah ein anderer Mann aus dem Fenster und fragte den Vierbeiner, was er denn mit seinem Gemeckere wolle. Es sei doch ganz schön hier, jeder habe ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und die Landschaft sei wunderschön. Da lief der Bock weg und wurde nicht mehr gesehen. Manche meinen, er werde sich bald wieder zeigen, denn Meckern würden die Leute gerade viel.

Gelesen werden die Sagen täglich, 17 Uhr, auf dem Pirnaer Canalettomarkt vom Weihnachtsmann, auch das Kalenderkind ist dann mit auf der Bühne. Die letzte Sagen-Lesung gibt es am Sonntag, 23. Dezember.