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Der Gewaltherbst 1991 als Web-Doku

Für eine Berliner Videoproduktion entsteht derzeit ein Portal zu Hoyerswerdas Umgang mit einem Makel.

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© Mirko Kolodziej

Von Mirko Kolodziej

Es dauert etwas, bis Perspektive, Licht und Ton stimmen. Doch dann stellt Julia Oelkers ihre erste Frage: „Wie sah das Leben Anfang der 1990er-Jahre in Hoyerswerda aus?“, will die Berliner Journalistin und Dokumentarfilmerin wissen. Sie sitzt ihrem Gesprächspartner in der Kreativwerkstatt des Bürgerzentrums gegenüber. Eine Ecke ist mit Scheinwerfer-, Kamera- und Mikrofonstativen sowie einem Spiegel zum behelfsmäßigen Studio umgebaut.

Es geht hier um ein Projekt zum Hoyerswerdaer Gewaltherbst des Jahres 1991, wie es noch nicht da gewesen ist. Freilich: Es sind jede Menge wissenschaftliche Beiträge zu den pogromartigen Attacken auf Vertragsarbeiter in der Schweitzerstraße und auf Asylbewerber in der Müntzerstraße erschienen. Jede Menge Journalisten und auch Filmemacher haben immer wieder versucht, sich den Tagen zwischen dem 17. und dem 29. September 1991 zu nähern, die den Namen der Stadt haben unwiderruflich zur Chiffre werden lassen. Aber zum 25. Jahrestag der Hassorgie arbeitet Julia Oelkers nun für die Berliner Videoproduktion autofocus an einer umfassenden Internet-Dokumentation. Die Web-Plattform soll nach und nach wachsen. Noch dazu will sie thematisch nicht im September 1991 Schluss machen. „Damals hat die Welt auf die Stadt geschaut. Uns interessiert auch, wie es dann weitergegangen ist, welche Entwicklungen es gegeben hat“, sagt die Filmemacherin. Sie ist keine von denen, die mal für fünf Stunden in die Stadt kommen und dann versuchen, komplexe Vorgänge holzschnittartig in fünfzig Druckzeilen zu packen. Julia Oelkers war mit der Kamera in den letzten Jahren immer wieder in Hoyerswerda unterwegs.

Für das Internet-Projekt arbeitet sie mit der in der Stadt nicht unumstrittenen Gruppe „Pogrom ’91“ zusammen. Sie stellt für die Multimedia-Dokumentation im Netz unter anderem Material zur Verfügung, das sie über die letzten Jahre gesammelt hat. „Wir möchten, dass das für einige Generationen dokumentiert ist, einfach, damit sich so etwas nicht wiederholt“, heißt es von der Initiative, die wohl vor allem aus jungen Ex-Hoyerswerdaern besteht. Die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet die Gruppe durchaus differenziert. „Hier hat sich die Sache anders entwickelt als in Bautzen oder in Heidenau“, heißt es. Menschenfeindlichkeit bleibe heute deutlich nicht mehr ohne Widerspruch. Julia Oelkers sagt, die Einrichtung des Asylbewerberwohnheims an der Dillinger Straße und die Einweihung des Herbst-91-Denkmals jeweils vor zwei Jahren seien in ihrer Wahrnehmung erste Zeichen dafür gewesen, dass sich hier etwas geändert habe.

Verschiedene Sichten gewünscht

Die Dokumentation will genau wie die vor vier Jahren von Hoyerswerdaer Schülern gestaltete Ausstellung „Fenster ’91“ in der Bonhoefferstraße ausdrücklich unterschiedliche Perspektiven schildern. Explizit ausgeschlossen sind laut Julia Oelkers nur Leute, die die gewaltsame Vertreibung von Hunderten Ausländern aus der Stadt bis heute gutheißen. „Jemandem, der das verteidigt, gebe ich kein Forum“, erklärt sie. Alle anderen Sichtweisen sind dagegen erwünscht. So schilderte Uwe Schulz, Redaktionsleiter der SZ-Ausgabe Hoyerswerda, vor der Kamera im Bürgerzentrum, wie er im Herbst 1991 als blutjunger Journalist zwischen Volksfesten und Straßenkampf unterwegs war. Erst fotografierte er Polizeieinsätze in der Neustadt, dann das Dorffest in Dörgenhausen oder am 29. September erst eine Lokausstellung auf dem Bahnhof, dann die gewalttätige Demonstration von Autonomen. „Ich dachte: Das ist alles deine Stadt, von der puren Gewalt bis hin zur heilen Welt und alles innerhalb von fünf Kilometern.“

Thomas Rottluff, der im Februar 1990 gemeinsam mit anderen das „Faxenhaus“ in der Spremberger Straße besetzt hatte, erinnerte sich für die Dokumentation an die ungezählten Attacken von Rechtsextremen auf das Objekt. „Persönlich will ich daran gar nicht mehr erinnert werden. Wenn man das politisch sieht, kann man gar nicht genug daran erinnern“, findet er. Sein Interview dauerte länger als eine halbe Stunde. Er ist gespannt, was er davon im Internet wiederfinden wird.