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Der grimmige Optimist

© dpa/Wolfgang Kumm

Wolfgang Berghofer, der letzte SED-Bürgermeister von Dresden, wird 75. Die Wahlfälschungen beschämen ihn bis heute.

Von Jutta Schütz

Er ist kein Rentner. Noch lange nicht. Aus dem Stand und ohne Punkt und Komma sprudeln die Analysen aus Wolfgang Berghofer heraus. Der letzte SED-Oberbürgermeister von Dresden findet: Es bröselt in der Gesellschaft. „Wir brauchen eine Agenda 2030, aber die Politik rennt der Entwicklung hinterher, Kanzlerin Merkel hat keine Visionen mehr, die große Koalition sieht auf eigene Pfründe, die Konsens-Gesellschaft hat Angst vor Kritik, wir werden noch krisenhafte Entwicklungen bekommen.“ Der einstige DDR-Spitzenfunktionär, der im Herbst 1989 auf Oppositionelle zuging und vielen als Hoffnungsträger galt, wird am Sonntag 75 Jahre alt.

Glückwünsche für den neuen SED-Vorsitzenden Gregor Gysi 1989. © dpa
In der Schäferstraße übergab er 1986 die 150000. Neubauwohnung. © SZ/Marion Gröning
Im Dezember 1989 traf er den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. © dpa/W. Weihs

Er sehe trotzdem für die Zukunft nicht schwarz, sagt Berghofer. „Ich bin ein grimmiger Optimist.“ Krisen könnten ja auch neue Kräfte freisetzen. Der DDR weint er keine Träne nach. Der Ex-Politiker, lange selbst Teil des Machtapparats, hat kein Problem damit, über den Zusammenbruch des SED-Staates, das Versagen der Elite und seine eigene Rolle zu sprechen. Er ist einer der wenigen SED-Spitzenfunktionäre, die sich öffentlich und kritisch zu ihrer Verantwortung bekannten.

Solange er in Ost-Berlin im Zentralrat der FDJ Abteilungsleiter war, sei seine
Welt in Ordnung gewesen. „Ich habe große Veranstaltungen organisiert – das war ja auch mit Macht verbunden. Da jubelten 500 000 junge Leute und ließen Erich
Honecker hochleben. Das hat zugekleistert.“

Dann sei er 1986 nach Dresden gekommen. „Da sah ich den Verfall und sollte aber als SED-Mitglied die Parteizeitung Neues Deutschland und Friede, Freude, Eierkuchen erklären.“ Berghofer schüttelt den Kopf. „Ich brauchte keine vier Wochen, um zu begreifen: So wie die Fassaden der Häuser verfielen und es durchregnete, weil wir keine Dachdecker mehr hatten, so verfiel die Identität der Leute, ihre Hoffnung.“ 1989 habe es 25 000 Ausreiseanträge in der Stadt gegeben, erzählt der einstige Oberbürgermeister.

„In Dresden musste ich lernen: Der Sozialismus mit seiner Grundlage der Planwirtschaft hat versagt“, stellt Berghofer fest. „Und wenn die Alternative zur Marktwirtschaft gescheitert ist, wozu brauchte es dann noch einen zweiten deutschen Staat?“, erinnert er sich an seine Überlegungen zur Einheit. Bis heute sei die ostdeutsche Wirtschaft nicht leistungsfähig genug.

Stolz auf „Bergatschow“

Er sei stolz, dass ihn die Dresdner damals in Anlehnung an Michail Gorbatschow wegen seiner Bemühungen um Veränderungen „Bergatschow“ genannt hätten, hat Berghofer früher mal zu Protokoll gegeben. Beschämend finde er aber, dass er bei der Manipulation der Kommunalwahl 1989 mitgemacht habe. Dafür wurde er 1992 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

„Das brennt bis heute auf meiner Haut“, sagt Berghofer. Realistisch hätte die SED 82, 83 Prozent bekommen, aber nein, es habe das gleiche Wahlergebnis sein sollen, wie immer. „Wären wir weiter an der Macht geblieben, hätten wir 110 Prozent abgerechnet“, meint er sarkastisch. „Das letzte bisschen Demokratie, was der DDR-Bürger hatte, war die Wahl und selbst die haben wir gefälscht.“

„Er hat meine Achtung, meinen Respekt“, sagt der gleichaltrige Rainer Eppelmann, Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. In der DDR hätten beide auf verschiedenen Seiten der Barrikade gestanden, heute seien sie Freunde. Er habe auch gemeinsam mit Berghofer öffentlich über ihre „total unterschiedlichen Biografien“ berichtet.

Eppelmann war Pfarrer, Oppositioneller und wurde von der Stasi bespitzelt. Es habe ihn beeindruckt, wie konsequent sich Berghofer von der PDS/SED getrennt habe und wie ungeschminkt er seine Vergangenheit sehe, sagt er.

1990 verließ Berghofer die in PDS umbenannte SED. An Parteien habe er sich seitdem nicht mehr gebunden. Im Gegensatz zu vielen anderen DDR-Bürgern gelang dem eloquenten Mann mit Kontakten und Bekanntheit nach dem Ende der DDR schnell der Sprung in die freie Wirtschaft. Der heute selbstständige Unternehmensberater arbeitet für die Flugzeug-Zulieferindustrie. Ans Aufhören denkt er nicht. „Wenn man aus einem so intensiven Leben kommt und dann plötzlich aussteigt – da wird alles leer.“ Er halte sich mit Schwimmen, Radfahren und Wandern fit und sei für die Familie mit Frau, Sohn und Tochter sowie drei Enkelkindern da.

Ein Buch will er noch schreiben. Es soll um die ganz große Frage gehen, warum der Sozialismus gescheitert ist – und ob er noch eine Zukunft hat. (dpa)