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Der Hammermörder von der Königsnase

Ein Bäckermeister soll seine Frau erschlagen haben. Verhaftung? Unmöglich. Der sowjetische NKWD war schneller.

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© MUK

Von Jörg Stock

Osterzgebirge/Freital. Irgendwann mal hat er sie gefunden, diese Kopie einer längst geschlossenen Ermittlungsakte, die der Reißwolf zu schlucken vergaß. Er legte sie zur Seite, um sich eines Tages mit dem Fall zu befassen. Dieser Tag ist heute. Ralf Hubrich, Pirnas pensionierter Kripochef, ist auf sein Rad gestiegen, ist nach Obervogelgesang gefahren, ist den Pfad zur Königsnase hinaufgestapft und steht nun am Ort des Verbrechens. Tatzeit: vermutlich der späte Nachmittag des 11. Oktober 1945. Das Delikt: Mord. Eine Felswand, acht, neun Meter hoch, davor eine Mulde, bemooste Steine, Geäst. Das könnte die Stelle sein, wo die Tote lag, sagt Ralf Hubrich. Sie hieß Gertrud Weise, war 30 Jahre alt und wohnte in Pirna am östlichen Ende der Schössergasse. Als man 1946 auf ihre Knochen stieß, war sie eine unbekannte Leiche mit zertrümmertem Schädel und blieb es sieben Jahre, bis man sie endlich identifizierte. Da war der mutmaßliche Mörder, der 42-jährige Bäckermeister Hans Weise, ihr Mann, längst verschollen. Die sowjetische Geheimpolizei NKWD hatte ihn abgeholt. Aber nicht wegen der Mordsache.

Ex-Kommissar Ralf Hubrich am Tatort nahe der Königsnase bei Obervogelgesang. Hat Hans Weise seine Frau über die Felskante gestoßen und ihr danach noch den Schädel zerschlagen?
Ex-Kommissar Ralf Hubrich am Tatort nahe der Königsnase bei Obervogelgesang. Hat Hans Weise seine Frau über die Felskante gestoßen und ihr danach noch den Schädel zerschlagen? © SZ/Jörg Stock
Die ganze Geschichte vom Hammermord finden Sie in der drittenAuflage des Krimibuches „Der Kannibale von Heidenau“.  Sichern Sie sich Ihr Exemplar unter 0350156335620 oder tp.pirna@ddv-mediengruppe.de.
Die ganze Geschichte vom Hammermord finden Sie in der drittenAuflage des Krimibuches „Der Kannibale von Heidenau“. Sichern Sie sich Ihr Exemplar unter 0350156335620 oder [email protected] © SZ

Ralf Hubrich wendet Steine um, so als könnte er darunter eine Spur der Tat finden. Hat Weise seine Frau hier angegriffen? Der alte Kripomann hat eine andere Theorie: Die beiden sind bis ganz hinauf gestiegen, sind an der Felskante entlangspaziert. In einem günstigen Moment trat Weise hinter seine Frau, zog den Hammer aus der Jacke und schlug zu. Gertrud brach zusammen, stürzte über die Felskante oder Weise stieß sie. Dann stieg er der Schwerverletzten nach und legte ihren Schädel mit weiteren Schlägen in Trümmer. Der Kommissar nickt in Gedanken. „Da musst Du schon ein bisschen kaltblütig sein“, sagt er.

Im Februar 1946 führte Verwesungsgeruch zwei Holzsammler zu dem unter Steinen notdürftig begrabenen Leichnam. Die Mordkommission machte kein Aufhebens. Nach zwei Tagen waren die Ermittlungen erledigt: Person unbekannt, passende Vermisstenanzeige nicht vorhanden. Einwohner Obervogelgesangs gruben die Leiche an Ort und Stelle ein. Der Staatsanwalt erfuhr erst nachträglich davon. Die laxe Arbeitsweise schiebt Hubrich auf die damaligen Verhältnisse. Die Polizei war gründlich von Anhängern und Mitläufern Hitlers gesäubert worden. Wie viele erfahrene Kripoleute sind wohl übrig geblieben?, fragt er sich. Es dauert bis zum Februar 1949, da meldet Gertrud Weises Opa aus Kassel sein Enkelkind als vermisst. Jetzt wacht die Pirnaer Kripo auf. Als sie Gertrud Weises Mutter vernimmt, dämmert ihr etwas von einer Dreiecksbeziehung, die womöglich zu einem furchtbaren Verbrechen geführt hat.

Eskapaden mit Rotarmisten?

Gertrud hatte Ende 1938 den Bäckermeister Hans Weise, geboren 1903 in Kaitz, geheiratet. Das Paar zog in ein Haus am Pirnaer Markt. Der Kontakt zu Gertruds Eltern riss bald ab. Weise musste in den Krieg, wurde aber wegen Krankheit ausgemustert. Gertrud diente als Nachrichtenhelferin, überzog ihren Urlaub. Man sperrte sie ein. Im Gefängnis lernte sie Maria M. kennen, eine Schaffnerin, die wegen Unterschlagung einsaß. Als M. freikam, bot ihr die gutgläubige Gertrud an, nach Pirna vorauszufahren und ihrem Mann die Wirtschaft zu besorgen. Und so kam es auch.

Die Mutter glaubt, Gertrud habe nach ihrer Rückkehr Krach mit Weise und der Untermieterin M. gehabt. Weise habe man 1946 verhaftet. Seine Wohnung war nach gestohlenen Kaninchen durchsucht worden. Dabei sei eine Pistole aufgetaucht. Der NKWD habe Weise mitgenommen. Gertrud, denkt die Mutter, ist mit einem Sowjetsoldaten abgehauen. Allerdings: Wieso ließ sie nie wieder etwas von sich hören? Hans und Gertrud Weise sind also verschollen. Maria M. ist noch da, in der alten Wohnung der Weises. Im Verhör berichtet sie, Weise habe in der Zeit, in der sie beide allein waren, mit ihr intim werden wollen, was sie abgelehnt hätte. Weise sei aber weiter zudringlich gewesen, auch dann noch, als seine Frau im Mai 1945 zurückgekehrt war. Laut Maria M. leistete sich Gertrud ihrerseits Eskapaden mit Rotarmisten. Weise habe die Scheidung eingereicht, um sie, Maria, zu heiraten. Gertrud aber habe erklärt, niemals einwilligen zu wollen.

Am Nachmittag des 11. Oktober 1945, so gibt Maria zu Protokoll, brachen die Eheleute Weise zu einem Spaziergang nach der Königsnase auf. Maria M. blieb zurück. Abends setzte Regen ein. Doch das Paar kehrte nicht heim. Gegen 23 Uhr polterte Hans Weise ins Zimmer. M. beschreibt seinen Zustand als aufgelöst. „Auf meine Frage, wo die Trude sei, antwortete mir Weise, dass seine Frau eine Bekannte getroffen habe und da sei sie mitgegangen.“ Da das zum leichtlebigen Charakter der Frau Weise gepasst habe, sei sie davon ausgegangen, dass ihre Konkurrentin die Stadt im Schlepptau irgendwelcher Leute verlassen habe, und habe die Sache auf sich beruhen lassen.

Die Kripo hat bald ermittelt, dass 1946 eine erschlagene Unbekannte an der Königsnase entdeckt worden war. In Weises Haushalt findet sie einen Hammer, der laut Maria M. in der besagten Nacht in Weises durchnässter Jacke steckte. Hans Weise ist dringend tatverdächtig. Er sitzt angeblich im Speziallager Bautzen ein, im „Gelben Elend“. Dort will ihn ein entlassener Mithäftling, ein Pirnaer Maurer, gesehen haben. Doch die Lager sind ein Tabu-Thema. Offiziell bei den Sowjets wegen Weise anzufragen, wagt man nicht. Am Rande einer Tagung von Kripo-Kadern sondieren die Pirnaer Ermittler bei Sachsens Generalstaatsanwalt Helm und Landespolizeichef Gutsche die Möglichkeit der Auslieferung Weises. Antwort: keine Chance.

Nach dieser Absage von höchster Stelle schlafen die Ermittlungen ein. Vier Jahre später, im September 1953, schlägt Gertruds Vater wieder Alarm. Maria M. hat einer Bekannten vom Mord Weises an Gertrud erzählt und davon, dass das Opfer unter der Königsnase begraben liegt. Wusste Maria M. also von Anfang an mehr, als sie aussagte? Nein, beteuert M. vor der Mordkommission, und erklärt, die besagte Bekannte habe sich diese Geschichte bloß zusammengereimt. Allerdings gibt Maria M. zu, schon vor der Rückkehr Gertrud Weises nach Pirna mit Hans Weise geschlafen zu haben, und zwar im Ehebett. Die Kripo argwöhnt, dass Maria M. Hans Weise zum Mord an seiner Frau angestiftet hat. Die Knochen an der Königsnase werden im Herbst 1953 wieder ausgegraben und bald als die Überreste Gertrud Weises identifiziert. Die Fahndung nach Hans Weise läuft. Vergeblich. Auch die Sowjets wissen angeblich nichts. Damit wird die Akte Weise 1954 endgültig geschlossen. Endgültig? Nicht ganz: Auf Anfrage der SZ teilt der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes im August dieses Jahres mit, dass ein Gans Waise, die russische Schreibweise von Hans Weise, geboren 1903, inhaftiert wegen Waffenbesitzes, am 15. März 1947 im NKWD-Lager Bautzen gestorben ist.