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Der lange Weg zum Ich

© Sven Enger

Die Pilgerreise durch Sachsen ist nur 80 Kilometer lang. Doch Dresdner Wissenschaftler zeigen nun, was sie für jugendliche Straftäter bedeutet.

Von Jana Mundus

Kraftausdrücke bringen Sven Enger nicht aus der Fassung. „Montag war es zum Kotzen. Wollte es nach einer Stunde aufgeben.“ Das sagt ein junger Mann, mit dem Sven Enger viel Zeit verbracht hat. Fünf Tage, vier Nächte und 80 Kilometer, um genau zu sein. Er hat ihn auf einer ganz besonderen Reise begleitet – einer Pilgerreise. Keine dieser religiös motivierten, keine nach Vorbild Hape Kerkelings auf der spirituellen Suche nach dem Sinn. Es ging um Handfestes, um die Verantwortung für das eigene Leben. Ein Leben, das mancher junge Mensch, mit dem der Dresdner Sozialpädagoge unterwegs war, schon fast leichtfertig weggeworfen hätte. Sei es durch Drogenkonsum, Diebstahl oder durch Körperverletzung – Dinge, die ihn mit dem Gesetz in Konflikt geraten ließen. Die meisten sind Ersttäter. Das Programm „Zwischen den Zeiten“ der Sächsischen Jugendstiftung bietet Unterstützung an. Dresdner Wissenschaftler zeigen nun, wie solch eine Pilgerreise auf die Teilnehmer wirkt.

Seit 2010 gibt es das Programm. Seitdem hat es über 50-mal stattgefunden. Knapp 500 junge Menschen haben dabei über 4 000 Kilometer zurückgelegt. Manche Teilnehmer kommen durch die Jugendgerichtshilfe ins Projekt, andere vermittelt das Jobcenter. Das Ziel ist immer das gleiche: das eigene Leben auf die Reihe zu kriegen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und die Schuld nicht auf andere zu schieben. Sven Enger hat in all diesen Jahren schon einiges erlebt. „Manche kommen hier mit Reisetasche und Beuteln an und wollen losgehen“, sagt er. Dabei hätte die Jugendstiftung auch Rucksäcke zum Ausleihen. Darüber informiert sie vorher auch. Doch wer sich nicht kümmert, muss aus seinen Fehlern lernen. Dann lässt Enger sie eben genau so die Pilgerreise antreten. „Wir hatten mal einen mit Rollkoffer. Nach ein paar Stunden konnte keiner das Geräusch der Räder auf Asphalt mehr hören.“ Bildung tut manchmal weh.

Was passiert mit den Menschen auf dieser Reise? Das ließ die Sächsische Jugendstiftung von Wissenschaftlern erforschen. So führte der Soziologe Stephan Hein von der TU Dresden eine Befragung von jungen Straftätern durch, die am Programm teilgenommen haben. Verglichen wurden ihre Antworten mit denen von Teilnehmern einer Pilgerreise, die sich im Freiwilligen Sozialen Jahr engagierten. In der Studie wurde deutlich: Junge Straftäter schätzen die eigene Lebenssituation und den eigenen sozialen Status schlechter ein als ihre Altersgenossen im FSJ. Bei einer Übung sollten die Befragten dann ein moralisches Dilemma lösen: Ein Mann hat eine krebskranke Frau. Das Geld für teure Medikamente hat er nicht. Soll er sie aus der Apotheke stehlen oder nicht? „Zu unserer Überraschung war die Urteilsfähigkeit bei Gleichaltrigen nahezu identisch“, sagt Enger. Egal, ob Straftäter oder nicht. Jeder hätte also das gleiche Potenzial in der Gesellschaft, egal, wo er herkommt. „Die Frage ist nur, ob unsere Gesellschaft genau das unterstützen kann oder nicht.“

Seit 2014 hat die Sächsische Jugendstiftung Kontakte zu ähnlichen Projekten im Ausland. In Frankreich oder auch Belgien finden solche Programme schon seit Längerem sehr erfolgreich statt. Die private Fachhochschule Dresden (FHD) beschäftigt sich – im Auftrag der Stiftung und finanziert durch die Europäische Union – nun wissenschaftlich mit den verschiedenen Beispielen, vergleicht und analysiert. „Rund 95 Prozent der Teilnehmer schaffen die Pilgerreise“, sagt Karsten König, an der FHD Lehrbeauftragter für Empirische Sozialforschung. Das Gefühl, diese lange Strecke geschafft zu haben, sei für viele Teilnehmer wichtig für das Selbstwertgefühl. „Für die meisten ist es ein großes Ereignis in ihrem Leben.“ Wie wirksam es am Ende für die Zukunft ist, ließe sich allerdings nur schwer wissenschaftlich feststellen. Langzeitstudien gibt es nicht. „Die Reaktion auf diese Reise ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst.“ Was jeder daraus macht, könnten die Organisatoren der Reise im Nachgang nur schwer beeinflussen. Das bestätigt auch Sven Enger. Ab und an gibt es Ehemaligentreffen. „Einige kriegen ihr Leben danach auf die Reihe, machen endlich ihren Schulabschluss oder finden einen Job“, erzählt er. Doch er hat auch von anderen Geschichten erfahren, bei denen Ehemalige rückfällig werden und am Ende ins Gefängnis müssen.

Trotzdem, sagt Karsten König, ist das Thema, ist die Forschungsarbeit dazu wichtig. „Es geht auch darum, herauszufinden, welche alternativen Möglichkeiten es bei der Arbeit mit benachteiligten und straffällig gewordenen Jugendlichen gibt.“ Das Gefängnis sei nicht immer die beste Lösung. Dort unter anderen Straftätern zu sein, könne sich letztlich auch negativ für das eigene Leben auswirken.

In dieser Woche treffen sich die Vertreter der verschiedenen europäischen Pilger-Projekte zu einer großen Tagung in Dresden. Sie diskutieren die Chancen des sozialpädagogischen Pilgerns. „Solange jemand laufen will, lassen wir ihn nicht allein“, sagt Sven Enger. Über 30 Kilometer weit ist die längste Tagesstrecke auf der Reise entlang der Via Regia, der alten Handelsstraße, die auch durch Teile Sachsens führt. Die schnellste Gruppe brauchte dafür sieben Stunden, die langsamste über 14. Junge Straftäter können während der Pilgerreise ihre gemeinnützigen Arbeitsstunden ableisten, indem sie an bestimmten Orten auf dem Weg helfen oder handwerklich tätig werden. Es finden Gruppengespräche statt, ansonsten bleibt Freiraum für die eigenen Gedanken. Wer abbricht, muss, wenn er volljährig ist, allein zurück. Nur wenige haben das bisher durchgezogen. Die Distanz zu Heim, Familie und Freunden als Symbol für die Distanz zum bisherigen Leben. Neuanfang im Laufschritt.

Tagung zum sozialpädagogischen Pilgern: am 14. März, ab 9 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum. Kostenlose Anmeldung unter www.fh-dresden.eu.