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Der Mönch schweigt

Die Uhr der Dreifaltigkeitskirche schlägt nicht mehr. Anwohner fürchten nun sogar, dass sie für immer still ist.

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© nikolaischmidt.de

Von Ingo Kramer

Görlitz. Günter Büchner* ist in Sorge. „Die Uhr der Dreifaltigkeitskirche hat aufgehört zu schlagen“, sagt der Anwohner aus der Görlitzer Altstadt. Büchner mag den Klang, der seit Jahrhunderten immer sieben Minuten zu früh ertönt. Doch irgendwann Anfang oder Mitte Mai wurde der Klang des „Mönch“ genannten Turms unregelmäßiger: Zuerst schlug er nur noch einmal pro Stunde und nachts gar nicht mehr. Inzwischen ist er ganz still. Büchner befürchtet, dass sich irgendjemand vom Gong gestört fühlte und der Glockenschlag der Uhr deshalb abgestellt wurde.

Die Kirche gehört zur evangelischen Innenstadtgemeinde. Und deren Pfarrer, Hans-Wilhelm Pietz, kann den Anwohner beruhigen: „Nein, es hat sich niemand beschwert, sondern die Uhr muss repariert werden.“ Ihm sei das Problem bekannt. Der Hausmeister der Gemeinde habe die Uhr schon überprüft, konnte sie aber nicht wieder in Gang setzen. Daraufhin habe die Kirche einen Sachverständigen informiert, der den Schaden beheben soll.

Der Mann heißt Jürgen Ehrlacher und ist Inhaber der Firma Glocken- und Uhrenanlagen in Crostau bei Bautzen. „Ja, Herr Pfarrer Pietz hat mich am Dienstag dazu angerufen“, bestätigt Ehrlacher. Er will noch in dieser Woche nach Görlitz kommen und die Uhr reparieren. Das sei vermutlich keine große Sache, denn bei der Uhr handele es sich um eine gewöhnliche Standarduhr: „Normalerweise liegt es immer an der Elektronik.“ Er wolle jetzt etwas Einfacheres einbauen, sodass die Uhr künftig weniger störungsanfällig ist.

Dann wird der „Mönch“ auch wieder sieben Minuten zu früh schlagen. Nach der Sage hatte 1527 die mächtige Zunft der Tuchmacher eine Verschwörung organisiert, um mehr Privilegien und Mitsprache im Görlitzer Rat zu erreichen. Dann aber schlug die Turmuhr am nahen „Mönch“ sieben Minuten zu früh. Der Nachtwächter bemerkte die Bürger, der Aufstandsplan kam heraus, die Verschwörer wurden hingerichtet. Der Schlag aber erinnert noch immer an sie – und auch künftig wieder.

Darüber werden sich sowohl Pietz als auch Büchner freuen. Der Pfarrer sagt, das Schlagen der Uhr im „Mönch“ gehöre zur Kultur der Stadt: „Der vertraute Klang soll bleiben.“ Er sei schon mehrfach von Menschen angesprochen worden, denen das Fehlen aufgefallen sei. Andererseits habe es keine Beschwerden über den Gong gegeben, der eben auch während der Nachtstunden in der Altstadt zu hören ist. Anwohner wie Günter Büchner schlafen mit diesem Klang ein und werden mit ihm wach. Das wollen sie nicht missen.

*Name von der Redaktion geändert