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Der musizierende Stammtisch von Maxen

Schlossbesitzer Peter Flache, der sonst immer einen sarkastischen Spruch parat hat, steht für die Volksliedfreunde am Grill und zollt ihnen Respekt. Einem ganz besonders.

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© Oberthür

Von Heike Sabel

Maxen. Elfriede Weißbach sitzt auf ihre Gitarre gestützt und grüßt reihum. Die Frau schräg hinter ihr hat ihre Mandoline an einen Verstärker angeschlossen. Ein Mann und eine Frau setzen sich mit ihren Akkordeons rechts und links von Elfriede. Ein Keyboard wird aufgebaut. Die Band gehört zum Volkslieder-Stammtisch, der sich am Donnerstag erstmals in Maxen am Schloss traf. Auf den Bänken vor den Musikern sitzt der große Chor, in dem sich alle nur mit Vornamen anreden.

„Jetzt geht‘s los“, sagt Elfriede Weißbach und richtet als Erstes viele Grüße von der kranken Monika aus. Alle kennen sie. Das ist die singende Wirtin aus Altenberg, in deren Gaststätte alles angefangen hat. Elfriede und Monika haben dort einfach zusammen gesungen und musiziert. Immer mehr kamen dazu, jetzt treffen sie sich beim monatlichen Stammtisch. Elfriede greift zu ihrer Gitarre und spielt „Nun seid uns willkommen, ihr lieben Leit‘“.

Schlossbesitzer und Kabarettist Peter Flache läuft mit einem Bierkasten vom Auto ins Haus. Von etwa 25 Leuten war die Rede, jetzt sitzen da doppelt so viele auf den Bänken vorm Schloss. Ja, viele Neue, sagen die Alten. Die mussten sich eine neue Bleibe für ihren Stammtisch suchen, weil die Monika Altenberg und ihre „Zugspitze“ verlassen hat. Der Maxener Heinz Geißler sagte, er habe da eine Idee und frage mal. Schlossbesitzer Peter Flache war sofort begeistert. Klar, das ist doch genau das, was er und seine Frau in und mit dem Schloss wollen. Multikulti in mehrfachem Sinne. Die Volkslieder singenden Senioren gehören da unbedingt dazu. Kein ironisch-böser Spruch. Im Gegenteil, ihm gehe das Herz auf, wenn er die Leute singen hört.

Grad machen sie eine kleine Pause. Heinz schmeißt zur Begrüßung eine Runde Sekt. Prompt wird „Trink, trink, Brüderlein“ angestimmt. Einer hat sich seinen eigenen Text drauf gemacht: „Meide den Kümmel und meide den Korn, dann schlägt dir die Alte kein Horn.“ Auch Alexander Daniel steuert ein Trinklied bei. Der 86-Jährige vom Kurt-Schlosser-Chor singt: „Ich will ä Schnäpsel“, und viele singen kräftig mit. Es werden auffallend viele Trinklieder gesungen.

Maria aus Pirna ist mit ihrem Mann da und gut vorbereitet. Vor ihr liegt die Mappe mit 50 Liedtexten, die sie von Monika Panzer geschenkt bekam, und ein Buch „Rentnerwitze“. Zwischen zwei Liedern trägt immer mal wieder jemand was vor. Jetzt nutzt Maria die Gelegenheit: „Ein Mann will seine Rente beantragen und hat seinen Ausweis vergessen. Er soll das Hemd aufmachen. Die Frau bei der Rentenstelle sagt, okay, sie sind 65 und bekommen ihre Rente. Zu Hause sagt die Frau: Hättest du noch die Hose runtergelassen, hättest du auch einen Behindertenausweis erhalten.“ Die Sänger sind alle in dem Alter und lachen herzhaft und schallend. Auch Elfriede trägt immer mal wieder ein Gedicht in erzgebirgischem Dialekt vor. Die seien alle noch im Kopf drin, sagt die 85-Jährige. Ohne den Stammtisch würde ihr was fehlen. Ein Gedicht von ihr endet mit „reich ist, wer zufrieden ist“. Marias Mann prostet ihr zu. Sie prostet der Frau am anderen Ende des Tisches zu: „Ich freue mich, dass wir uns sehen.“ Beim nächsten Lied holt Maria ihr „Arzgebirgisches Liederbuch“ raus. „Bergaufwärts ga ich ham“ wird gesungen. Ans Heimgehen denkt noch keiner.

Philosophierend am Grill

Peter Flache hat den Grill angeworfen: Fleisch, Würste und Käse gibt es für die Sänger und Musiker. Seine Frau hat schnell noch Brot aufgetaut und Kräuterbutter gemacht. Zwischendurch verkauft sie weiter Wein, Bier, Wasser. Singen macht durstig. Flache philosophiert derweil mit der Grillzange in der Hand über die Volksmusik. Nur wer Heimat hat, kann der Welt was geben, sagt er. Musik führt zusammen. Flache ist begeistert. Doch seine Kreativität sei nun auf die „parallelen Stäbe“ vor sich konzentriert. Damit meint er die Bratwürste.

Die Musiker und Sänger spielen und singen sich zur Hochform. Wenn der ehemalige Barpianist Werner Engelmann seine Melodien auf dem Keyboard spielt, summen vor allem die Frauen die Lieder von Liebe und Glück mit. Jetzt jodelt einer. Mehrmals, richtig lange und richtig gut. Flache sagt: „Der hat’s drauf.“ Später wird er ihnen allen sagen, dass sie gern wiederkommen können.