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Der nächste Amerikaner in Sacka

2010 wurde Suss-Mikrotech eine amerikanische Firma. Jetzt ist die gekauft worden.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Birgit Ulbricht

Sacka. Landrat Arndt Steinbach hat gleich zum Telefon gegriffen: „Mensch, was ist denn bei Euch los?“, hat er Geschäftsführer Claus Dietrich gefragt. Die Firma Cascade Mikrotech in Sacka hat erneut den Besitzer gewechselt. Solche Nachrichten beunruhigen immer. Firmenchef Dietrich, selbst seit 25 Jahren im Haus und seit elf Jahren an der Spitze, kann beruhigen. Anders als beim Verkauf der damaligen Firma Süss Mikrotech an den amerikanischen Hauptkonkurrenten Cascade im Jahr 2010, bleiben diesmal alle sehr gelassen.

Die Beschäftigten, das Management, auch die Kunden. Denn diesmal hat der Käufer nicht die gleiche Produktpalette, es wird keine jahrelange Evaluierung von Produkten, Technologien und Kosten geben. Im Gegenteil: Die amerikanische „Form Factor“ – zu der „Cascade“ in den USA und Sacka ab jetzt gehört – ist Spezialist für ein Teilproblem, das da heißt: Wie setzt man Prüfnadeln auf eine Kontaktfläche der Größe von 30 bis 20 Mikrometer auf? Das Mikrometer ist ein tausendstel Millimeter. Ein menschliches Haar ist immerhin 50 bis 70 Mikrometer dick! Das sind kaum vorstellbare und vor allem kaum noch sichtbare Bereiche. Geschweige denn messbare Bereiche. Und doch müssen die Sackaer Messtechnik entwickeln und herstellen, die soll kleine Schaltkreise testen können. Und das bei Temperaturen bis 200 Grad.

Für die Handy-Welt Kontakte prüfen

Denn das ist genau ihr Job: Prüfwerkzeuge für die Großen der Halbleiterbranche wie Samsung, Intel, Infineon, Sony oder Global Foundries herzustellen. Damit LED`s leuchten und Handys funktionieren, müssen sie überhaupt messbar sein. Diese besondere Fähigkeit von „Form Factor“, solche Prüfnadeln zu entwickeln, könnte jetzt die Sackaer wieder einen Schritt weiterbringen. Denn die Grenze von 30 Mikrometer verschiebt sich immer mehr in Richtung 20 Mikrometer. 2011 waren die Sackaer glücklich, die ersten 300-Millimeter-Wafer-Prüfer nach der Cascade-Übernahme nach Sacka geholt zu haben. Nun wird schon die nächste Generation aufgelegt.

Der Standort Sacka ist inzwischen der alleinige Produktionsort für Waferprober bei Cascade. Entwicklung und Marketing sind zur Hälfte am amerikanischen Standort. Unter dem Dach der „FormFactor“, die weltweit einen Jahresumsatz von 500 Millionen Dollar generiert, tragen die Sackaer mit 80 Millionen Dollar einen beachtlichen Teil bei. 145 Mitarbeiter hat die Firma inzwischen und sie agiert weltweit, vor allem in den USA und Asien. Mit der „FormFactor“ als neuer Mutter haben die Sackaer nun plötzlich auch ein völlig neues Vertriebsnetz mit eigenen Niederlassungen in China und Korea dazubekommen, auf das sie im Firmennetzwerk zurückgreifen können.

Seit die Sackaer Amerikaner geworden sind, ist die Firmensprache ohnehin englisch, die Arbeitsläufe sind auf die nachmittäglichen Konferenzschaltungen mit Amerika abgestimmt und der berufsbedingte Jetset ins Mutterhaus gehört faktisch zum Arbeitsalltag dazu. Gerade laufen die Markt-Analysen für die nächsten drei Jahre. Die Sackaer planen zweistellige Zuwachsraten. „Das ist nicht selbstverständlich in der Halbleiterbranche, die selbst inzwischen zur alten Industrie geworden ist“, sagt Claus Dietrich. „Die großen Firmen stehen unter wahnsinnigem Wettbewerbsdruck, ständig kommen neue Technologien auf den Markt und dafür brauchen sie Messtechnik“, erklärt Claus Dietrich. Die Kunst sei, die Trends auszumachen und dafür wiederum Technologien der Herstellung zu entwickeln. Für diese Zuwächse planen die Sackaer aber keine große Erweiterung der Hallen am Standort Sacka – das ist eher ein technologischer Sprung.

Vieles werde auch an Aufträgen nach außen vergeben, wie bei der Autoindustrie, sagt Dietrich schmunzelnd. Auch wenn das für das kleine Sacka „ein tapferer Vergleich“ sei.

Dabei hat das Hightec-Unternehmen in einer ehemaligen LPG-Küche angefangen. Dessen Wurzeln liegen bei Elektromat Dresden – einen nach der Wende zu Grabe getragenen Dresdner Traditionsbetrieb. Der damalige Direktor Forschung und Entwicklung, Dr. Reinhard Welsch, scharte 1990 wertvolles geistiges Potenzial um sich und wagte 35 Kilometer nördlich von Dresden und noch vor der Einheit einen Neuanfang.

Maßgeblicher Geburtshelfer: die Münchner Suss-Gruppe – eine weltweit agierende Mikroelektronik-Gruppe. Sachsens Premier Kurt Biedenkopf würdigte neben dem mutigen Schritt auch das beispielhafte Miteinander von rund 60 kleineren Betrieben in der Region, die hier mit der Suss GmbH wie in einem Netzwerk zusammenarbeiteten. Man dürfe gespannt sein, sagte er damals, wie die Firma in Sacka „die Zukunft des Hochtechnologiestandortes Dresden mitgestalten wird“. Inzwischen scheint es, die Sackaer Tüftler haben sich besser gehalten als so mancher Hightec-Leuchtturm in Dresden.