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Der Neue vom Jugendhaus

Ein Dresdner ist seit Kurzem für das bunteste Gebäude von Riesa verantwortlich – und kämpft mit Vorurteilen.

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© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

Riesa. Wer über die Elbbrücke nach Riesa fährt, kann es gar nicht übersehen – das Offene Jugendhaus liegt prominent an der Ecke Bahnhofstraße/Lauchhammerstraße. Mit seiner bunt besprühten Fassade wirkt es wie ein Relikt aus den 90ern. „Viele Riesaer denken, wir seien ein linkes Haus, weil es früher viel Trubel mit den Rechten gab“, sagt Kay Natusch. Der 38-Jährige vom Outlaw-Verein ist seit Juli 2016 für das Haus verantwortlich – und legt Wert darauf, dass sich die Zeiten gewandelt haben. „Eltern haben noch im Hinterkopf, dass bei uns nur Punks rumhängen, die Jugendliche zum Trinken und zu Drogen verleiten“, sagt der Dresdner. Dabei sei das völliger Quatsch: Jugendliche würden überhaupt keinen Alkohol bekommen – und außerdem gelte im Haus Rauchverbot.

Die Fassade des Jugendhauses schmücken Graffiti.
Die Fassade des Jugendhauses schmücken Graffiti. © Sebastian Schultz

Stattdessen legt der gebürtige Görlitzer Wert darauf, dass es in Sichtweite von Elbe und Riesenhügel eine ganze Reihe an Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene gibt. Von Kletteraktionen am Baum über Tischtennis bis zum „Teendance“, vom Schlagzeug-Workshop über Fußballturniere bis zum Freiluft-Sommerkino. Das Team vom Jugendhaus plant Konzerte, Lesungen und eine Ausstellung regionaler No-Name-Künstler. Es wird dieses Jahr wieder eine Reihe „open stage“ geben, bei der sich Talente auf der Bühne einem Wettbewerb stellen, egal ob sie singen, texten oder dichten.

Treff für Exil-Riesaer

Da allerdings kommt ein Problem ins Spiel. „Sehr wenig Jugendliche heute haben Zeit für Jugendkultur“, sagt Kay Natusch. Als er in dem Alter war, besetzten Jugendliche in Görlitz erst ein Haus, bekamen dann was von der Stadt gestellt – und bauten es selbst für sich aus. „So was gibt es heute gar nicht mehr“, bedauert der Outlaw-Mitarbeiter, der einen Master in Kultur und Management hat. Anders als früher würden Schüler heute mit Hausaufgaben und Ganztags-Angeboten überhäuft, sodass sie die Woche über kaum Freiräume für andere Freizeitangebote hätten. „Deutschlandweit schaffen sich deshalb Jugendhäuser ab.“ Man halte in Riesa mit zahlreichen Angeboten dagegen.

Dennoch ist es ausgerechnet die traditionelle „Fatsche“ kurz vor dem Jahreswechsel, die jedes Jahr die meisten Besucher ins Jugendhaus zieht. Zwischen den Feiertagen kommen all die Riesaer zurück in die alte Heimat, die heute zwischen Nordsee und Alpen verstreut leben. „Dieses Mal waren 600 Leute da, die in einem aufgebauten Zelt feierten.“ Beschallt und beleuchtet von einem Team von heute in Leipzig lebenden Riesaern tauschten sich Ausgewanderte bis hin zu 40-Jährigen aus. – Schöner wäre es natürlich, die Leute würden gar nicht erst abwandern. Der Outlaw-Verein probiert, für 14- bis 20-Jährige mit Angeboten wie einer Fahrradwerkstatt oder einem Bandproberaum attraktiv zu sein. Und auch Zugewanderte sind im Jugendhaus willkommen: An sie richten sich monatliche Veranstaltungen wie das Café der Kulturen. „Meist kommen da 20 bis 40 Leute und tauschen sich aus – und da kommen auch Afghanen mit Irakern friedlich aus.“ Auch junge Familien mit Kindern seien darunter. Natusch wünscht sich nur, dass auch deutsche Familien das Angebot wahrnehmen – bislang kommen die meisten einheimischen Teilnehmer aus dem Umfeld des Vereins selbst.

Auch die monatliche „Volxküche“ sei ein guter Anlass, sich gegenseitig kennenzulernen – beim gemeinsamen Gemüseschneiden, Kochen und Essen. Schließlich soll das markante Haus an der Riesaer Elbbrücke nicht nur das Ortsbild prägen, sondern auch künftig dazu beitragen, dass in Riesa regelmäßig was los ist.

www.facebook.com/Offenes.Jugendhaus.Riesa