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Dresden

Der Neustadt-Flüsterer

Vor 20 Jahren startete Jan Frintert seine Kolumne über das Leben in Dresdens Szeneviertel. Seitdem hat sich einiges geändert.

Unterwegs im Herzen der Neustadt und drumherum: Jan Frintert alias Anton Launer.
Unterwegs im Herzen der Neustadt und drumherum: Jan Frintert alias Anton Launer. © René Meinig

Die Neustadt ist sicher wie nie. Nur noch Sex und Rock’n’Roll – ohne Crime. Die Polizei kann sich endlich anderen Stadtteilen widmen. Hier im Szeneviertel hat sie nix mehr zu tun.

Eine schöne Nachricht. Nur leider futuristisch. Anton Launer würde sie gern verkünden. Sein Neustadt-Geflüster gibt es nun seit 20 Jahren. Weitere 20 Jahre seien nicht ausgeschlossen, sagt der Mann hinter dem Synonym: Jan Frintert. Für diese Zeit wünscht sich der Journalist, Autor und Blogger so dies und das. Keine Diebe und Dealer mehr, keine Randale. Stattdessen mehr kleine Läden und Raum für Kreativität. Das wären doch mal News! 

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Bis es so weit ist, beschreibt Anton Launer das bunteste Viertel der Stadt einfach weiter mit Feinsinn, Humor und dieser Beobachtungsgabe, die eben nicht jeder hat. Dabei wird er immer fündig. „Manche laufen herum und sehen nichts. Mir fällt auf, wenn ein Pflasterstein schief liegt.“ Dafür muss Jan Frintert nicht mal Neustädter sein. War er aber. Bis ihn das Familienleben an den Rand der Stadt zog. 

Geblieben ist sein Büro in der Neustadt und die nützliche Angewohnheit, drei-, viermal am Tag durchs Viertel zu radeln und jede Menge Leute zu kennen. Dabei wird er zum Launer, benannt nach der Antonstadt, wie der sächsische König Anton. Der Zweitname der Dresdner Neustadt sozusagen. „Und Launer steht für gute Laune, vielleicht auch für launisch sein“, sagt Frintert.

Entstanden ist das Portal mit sehr persönlichen, menschlichen Geschichten als Kolumne in der Sächsischen Zeitung. Damals funktionierte das Konzept wie folgt: Anton Launer läuft durch die Neustadt, sieht und erlebt etwas und erzählt es seinen Lesern. Möglichst launig versteht sich. Irgendwann wurde das Neustadt-Geflüster nicht mehr gedruckt, doch Jan Frintert hatte von Anfang an auch aufs Internet gesetzt. Nun baute er die Onlineversion aus, Polizeiberichte, Informationen zu Baumaßnahmen und Straßensperrungen, Veranstaltungsankündigungen ergänzten zunehmend das verschriftlichte Stadtteilleben.

Zwei bis drei neue Artikel veröffentlicht Frintert täglich. Inzwischen arbeitet er nicht mehr allein. Drei Autorinnen unterstützen ihn. Vor zehn Jahren habe er die erste Werbeanzeige auf seinem Portal gehabt, seit 2014 lasse sich Geld mit all der Mühe verdienen. Rund 50.000 Leser besuchen das Neustadt-Geflüster jeden Monat, 250.000-mal rufen sie Seiten auf. Hauptberuflich aber widmet sich ihr Gründer weiterhin seiner Textwerkstatt, einer Agentur für Kommunikation, Werbung und PR.

Zwei Bücher hat der 46-Jährige bislang veröffentlicht, seine geballten Kolumnen. An einem dritten arbeitet er. Es soll aus den Erzählungen älterer Neustädter entstehen, die bereits online in der Serie „Memento“ zu Wort kommen. Schließlich lebt das Viertel auch vom Vergangenen. 

Doch von einst ist nicht mehr viel übrig, findet Jan Frintert. „Alle Befürchtungen, die Bewohner der Neustadt nach der Wende hatten, sind eingetreten.“ Die Häuser sind nach Sanierungen nur noch für hohe Mieten zu bewohnen, Räumlichkeiten für Kreative gibt es kaum noch oder sie sind unerschwinglich, Einzelhändler verlieren gegen große Ketten. Buntes Leben braucht Platz. Und doch: „Die Neustadt ist immer noch das bunteste Viertel der Stadt und wird es auch in 20 Jahren noch sein.“

www.neustadt-ticker.de

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