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Der Quoten-Ossi berichtet

In der Chrismon-Redaktion gibt es Gemeinschaftssuppe und die Hessen sind eigentlich auch nur Thüringer.

© Dominique Bielmeier

Liebe Anne,

bei uns in der Redaktion gab es heute zwar keine Pizza, dafür aber leckere Suppe, die einer deiner Kollegen mitgebracht hat. Ich habe Schokokuchen zum Einstand und als Nachtisch gebacken, das war ein wenig aufregend in der neuen Küche. Ob ich dir verraten sollte, dass ich auf dein schönes Platzdeckchen Schokolade gekleckert habe? Lieber nicht.

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Heute gab es das allererste „meet & eat“ bei uns. Kurz erklärt: Einer kocht für alle, einer erzählt was Spannendes, alle essen. Heute sollte ich über die Arbeit bei der Sächsischen Zeitung sprechen. Die Kollegen löffelten Suppe und hörten gespannt zu. Ich erzählte von Relaunch, „online first“, der Paywall - wie wir uns in Sachsen eben so die Zukunft der Tageszeitung gedacht haben. Dann kamen Fragen, viele Fragen. Dass das Interesse an unserer Arbeit so groß sein würde, hätte ich nicht gedacht.

Dabei passt es in das Grundgefühl, das ich schon seit Tag eins hier habe: Ihr habt ernsthaftes Interesse daran, was wir da „drüben“ so treiben, nicht nur journalistisch. Ständig fragt mich jemand etwas zur Wende, zum Leben im Osten, zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Manchmal komme ich mir fast etwas heuchlerisch vor, wenn ich vom Alltag in der DDR erzähle - ich war erst drei, als die Mauer fiel!

Aber ich bin eben der „Quoten-Ossi“ hier, neben einer Kollegin, die ursprünglich aus Dresden kommt, aber schon seit einigen Jahren hier wohnt. Ich weiß, dass das mit dem Quoten-Ossi nicht böse gemeint ist, sondern ganz im Gegenteil. Keine Sorge, ich bin nicht empfindlich! Wie schön wäre es, wenn sich noch mehr Redaktionen im „Westen“ die Mühe machen würden, auch den Blick aus dem „Osten“ der Republik zu berücksichtigen. Dafür spiele ich gerne einmal die Botschafterin.

Anne, nach knapp einer Woche fühle ich mich schon furchtbar heimisch hier. Ich fahre U-Bahn wie ein alter Hase, verfahre mich inzwischen nicht mehr mit dem Fahrrad, und heute Morgen hatte ich ein schönes Erlebnis beim Bäcker. Denn was ich in Sachsen seit Jahren meist vergeblich predige, wird hier bei euch offenbar schon umgesetzt: Aufs Eibrötchen gehört keine Butter, sondern Remoulade! Und der hessische Verkäufer beendete seine Sätze immer mit: „… ge?“. Das hat mein kleines, grünes Thüringer-Herz höher schlagen lassen, denn „ge“ sagen wir auch. Sind wir am Ende alle doch gar nicht so verschieden?

Genieß dein erstes Wochenende in Meißen! Und schreib mir wieder, ge?