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Der Riesenstollen und die Evolution des Quarkeimers

Bäcker René Krause macht am Sonnabend den ersten Schnitt am Rekordstriezel. Der Weg dorthin ist hochprozentig.

© Steffen Füssel

Von Tobias Winzer

Der Zug aus Fahnenschwingern, Soldaten in historischen Uniformen, Pferdewagen und dem Riesenstollen setzt sich in Bewegung, und René Krause ist nicht zufrieden. Am Fürstenzug flitzt der Bäckermeister zwischen seinen Kollegen hin und her und dirigiert sie auseinander. „Lasst mal ein bisschen Luft“, ruft er. Die beiden Träger der Standarten platziert er an den Anfang der versammelten Bäcker, direkt hinter das Fuhrwerk mit dem Riesenstollen. „Das muss schon nach ein bisschen was aussehen“, sagt Krause. „Jetzt passt es.“ Die Zuschauer am Rand sollen spüren, auf wen es beim 20. Stollenfest zu achten gilt – nämlich auf den Riesenstollen, der in diesem Jahr ein Rekordstriezel sein wird, und auf die Bäcker. Krause ist jemand, der herausragt, auf dessen Kommandos die Kollegen hören. Auf dem Striezelmarkt wird man ihn mit dem Titel „Meister aller Meister“ ankündigen. Aber das kommt später.

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Blick in den Spiegel: Vor der Abfahrt checkt René Krause den Sitz der Bäckermütze.
Blick in den Spiegel: Vor der Abfahrt checkt René Krause den Sitz der Bäckermütze. © Steffen Füssel
Blick in die Kamera: Auf dem Schloßplatz ist der Bäckermeister begehrtes Fotomotiv.
Blick in die Kamera: Auf dem Schloßplatz ist der Bäckermeister begehrtes Fotomotiv. © Steffen Füssel
Blick ins Fläschchen: Zum Aufwärmen macht Kräuterschnaps die Runde.
Blick ins Fläschchen: Zum Aufwärmen macht Kräuterschnaps die Runde. © Steffen Füssel

Dresden feiert das 20. Stollenfest

Der Festwagen mit dem Riesenstollen fährt zur Stollenprozession des 20. Dresdner Stollenfests über den Striezelmarkt in Dresden. Zum Jubiläum wurde der bisher schwerste Riesenstriezel mit einem Gewicht von 4246 Kilogramm gebacken.
Der Festwagen mit dem Riesenstollen fährt zur Stollenprozession des 20. Dresdner Stollenfests über den Striezelmarkt in Dresden. Zum Jubiläum wurde der bisher schwerste Riesenstriezel mit einem Gewicht von 4246 Kilogramm gebacken.
Ein Fanfarenzug begleitete die Stollenprozession durch die Altstadt.
Ein Fanfarenzug begleitete die Stollenprozession durch die Altstadt.
Weitere Festwagen komplettierten den Tross.
Weitere Festwagen komplettierten den Tross.
Auf dem Striezelmarkt schritten das amtierende Dresdner Stollenmädchen, Friederike Pohl (l) und Bäckermeister René Krause mit dem Riesenstollenmesser zur Tat.
Auf dem Striezelmarkt schritten das amtierende Dresdner Stollenmädchen, Friederike Pohl (l) und Bäckermeister René Krause mit dem Riesenstollenmesser zur Tat.
Die Bäckermeister des Schutzverbandes Dresdner Stollen verkauften Stollenportionen des Riesenstollens an die Besucher.
Die Bäckermeister des Schutzverbandes Dresdner Stollen verkauften Stollenportionen des Riesenstollens an die Besucher.
Prominente Gäste: Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (M) und seine Frau Ingrid (l) sowie der Dresdner Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP, r) nahmen am Stollenfest teil.
Prominente Gäste: Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (M) und seine Frau Ingrid (l) sowie der Dresdner Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP, r) nahmen am Stollenfest teil.

Der Striezelmarkt ist eröffnet

Am Mittwoch ist in Dresden der 579. Striezelmarkt eröffnet worden.
Am Mittwoch ist in Dresden der 579. Striezelmarkt eröffnet worden.
Bei der Eröffnung ließ sich Oberbürgermeisterin Helma Orosz (Mitte) den Stollen schmecken.
Bei der Eröffnung ließ sich Oberbürgermeisterin Helma Orosz (Mitte) den Stollen schmecken.
Zunächst hielt der Bergmann eine Ansprache, ...
Zunächst hielt der Bergmann eine Ansprache, ...
... anschließend sang der Engel.
... anschließend sang der Engel.
Punkt 16 Uhr setzte sich auch das kleine Riesenrad in Bewegung.
Punkt 16 Uhr setzte sich auch das kleine Riesenrad in Bewegung.
Zeitgleich wurde auch die Beleuchtung eingeschaltet.
Zeitgleich wurde auch die Beleuchtung eingeschaltet.
Auch am ehemaligen Intecta-Haus begann es zu leuchten.
Auch am ehemaligen Intecta-Haus begann es zu leuchten.
Von allen Seiten strömten viele ...
Von allen Seiten strömten viele ...
...  Menschen zur Eröffnungsrede der Oberbürgermeisterin.
... Menschen zur Eröffnungsrede der Oberbürgermeisterin.
Die Glühweintasse 2013.
Die Glühweintasse 2013.
Viel Betrieb herrschte auch gleich rund um die Schokobar.
Viel Betrieb herrschte auch gleich rund um die Schokobar.
Der Baum des Volkes -  bei einer Abstsimmung im Internet gewählt.
Der Baum des Volkes - bei einer Abstsimmung im Internet gewählt.
Ein Kindermagnet: einer der Süßigkeitenstände.
Ein Kindermagnet: einer der Süßigkeitenstände.
Passendes Dekomaterial.
Passendes Dekomaterial.
Die Brücke am Eingang zum Striezelmarkt gehört zu den belienbtesten Punkten.
Die Brücke am Eingang zum Striezelmarkt gehört zu den belienbtesten Punkten.
Hell leuchten die Marktsstände zur Eröffnung des Striezelmarktes.
Hell leuchten die Marktsstände zur Eröffnung des Striezelmarktes.
Die Pyramide dreht sich.
Die Pyramide dreht sich.
Deutschlands ältester Weihnachtsmarkt hat bis zum 24.12.2013 geöffnet.
Deutschlands ältester Weihnachtsmarkt hat bis zum 24.12.2013 geöffnet.
Auch im Stallhof hat der historische Weihnachtsmarkt am Mittwoch erstmals geöffnet.
Auch im Stallhof hat der historische Weihnachtsmarkt am Mittwoch erstmals geöffnet.
Die ersten Gäste flanieren im mittelalterlichen Stallhof des Residenzschlosses.
Die ersten Gäste flanieren im mittelalterlichen Stallhof des Residenzschlosses.

Der Tag beginnt für den 37-Jährigen ungewöhnlich spät. Am Freitagabend hat der Mann – blonde Haare unter der Bäckermütze, Zähne weiß wie Mehl und Hände so groß wie zwei Bratpfannen – noch Stollen auf den Gendarmenmarkt in Berlin ausgeliefert. Ein 19-Stunden-Tag war das. An diesem Morgen überlässt er die Arbeit seinem Team. Er gönnt sich den Luxus, erst um 7 Uhr aufzustehen und mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern zu frühstücken. Vor drei Tagen hat er sie das letzte Mal gesehen. „Die sechs Wochen vor Weihnachten sind schon extrem“, sagt er. „So wie alle Bäcker habe ich eigentlich gar keine Zeit für das Stollenfest.“ Er nimmt sie sich trotzdem. „Das ist unser Highlight.“ Sensationell ist eines der Worte, das er an diesem Tag noch öfter benutzen wird.

Krause richtet noch schnell die Bäckermütze. Unter der Bäckerjacke mit schwarz-rot-goldenem Kragen und den dünnen Stoffhosen trägt er dicke Skiunterwäsche. Draußen sind es um die null Grad. Schneefall ist angesagt. Dann geht es los: Vom Stammhaus in Altleuben in die Dresdner Innenstadt.

Eine halbe Stunde später wuselt Krause über den Schloßplatz, schüttelt Hände, schwatzt mit Bekannten und lässt sich mit Touristen fotografieren. Als die Ehrengäste Kurt und Ingrid Biedenkopf auf der Bühne nebenan erzählen, dass sie ihr Weihnachtsfest ganz in Ruhe feiern, wird Krause langsam ungeduldig. „Ich bin gespannt, wie sehr der Wagen durchhängt“, sagt er und blickt verschmitzt in die Runde.

Bereits auf dem Weg in die Stadt hatte er ein Geheimnis gelüftet: Der Riesenstollen ist ein besonderer Striezel, mit 4.246 Kilogramm exakt 46 Kilogramm schwerer als der Rekordstollen aus dem Jahr 2000. „Das kam für uns auch überraschend“, sagt Krause. Beim Zusammensetzen der Stollenplatten vor einer Woche waren plötzlich viel mehr Gebäck-Bausteine aufgetaucht als gedacht. Das kam so unerwartet, dass nicht einmal den Prüfern des Guinness-Buchs Bescheid gegeben werden konnte. Offizieller Weltrekord-Stollen bleibt also das 2.000er-Exemplar. Inoffiziell gibt es aber zum Stollenfest-Jubiläum gleich drei Rekorde: den längsten Festumzug, die meisten Besucher und den schwersten Stollen. „Sensationell“, findet Krause das.

Besucherrekord zum Jubiläum

Die beiden Kaltblüter Seppel und Sandor, die das Mega-Gebäck ziehen müssen, sehen das wahrscheinlich anders. Als sie zum Start des Festumzugs auf den Schloßplatz schnaufen, erklärt Krause gerade die Evolution des Quarkeimers. Der kleine Plastekübel, der von Bäcker zu Bäcker kreist, ist gefüllt mit Schnäpschen – für die Stimmung und gegen die Kälte. Früher, erklärt Krause lachend, vermischten sich im Laufe des Tages leere und volle Flaschen in dem Eimer. Heute stecken die vollen Flaschen in einer Tüte, die leeren Flaschen kommen neben die Tüte in den Eimer. So kommt niemand durcheinander. „Das ist doch die Evolution des Quarkeimers, oder?“, fragt Krause und genehmigt sich das zweite Fläschchen. „Guck Dir meine Körpermasse an. Das verteilt sich.“

Die Menschen stehen in Dreier- und Viererreihen an der kleinen Runde durch die Altstadt. Handys und Kameras halten sie für Erinnerungsfotos nach oben. Die Bäcker winken freundlich zurück. Viele Besucher sind extra an diesem Wochenende nach Dresden gekommen – insgesamt 150.000 Menschen wollen den Riesenstollen sehen, schätzt die Polizei später. Immer mehr Zuschauer aus Tschechien, Russland, Polen und der Slowakei sind darunter. „Das ist sensationell“, sagt Krause, als die Stollenprozession gegen 12 Uhr auf den Striezelmarkt einbiegt. Es wird applaudiert.

Dann muss Krause los und verschwindet in den Massen. Als deutscher Bäckermeister ist er seit fünf Jahren für den ersten Schnitt am Riesenstollen verantwortlich. „Ich schreite jetzt zur Tat“, sagt er eine Viertelstunde später und schnitzt mit einem Riesenstollenmesser das erste 500-Gramm-Stück aus dem Striezel. Das Gedränge wird dichter. Jetzt will jeder ein Stück des Rekordgebäcks haben. Nur drei Stunden dauert es, bis die Bäcker es zerlegt und im Tausch gegen einen Fünf-Euro-Stollentaler verteilt ist – auch das ist rekordverdächtig. Sensationell, würde Krause sagen.