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Der singende Oberkellner

Wolfgang Schönemann bedient in der Rübezahlbaude in Waltersdorf. Für die Gäste ist das oft ein besonderes Erlebnis.

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© Matthias Weber

Von Elke Schmidt

Er kann nicht anders. So oft es geht, nimmt Wolfgang Schönemann das Mikrofon in die Hand und singt für „seine“ Gäste. Ob zu Silvester, Familienfeiern und manchmal sogar beim ganz normalen Kaffeetrinken erleben Besucher der Rübezahlbaude in Waltersdorf eine ganz besondere Vorstellung. Aus dem Stegreif begeistert der „singende Oberkellner“ dann das Publikum mit Volksliedern wie das Kufsteinlied oder alten Schlagern und bietet ihnen eine kleine Auszeit vom Alltag.

Dabei könnte er mit seinen 72 Jahren schon längst im Ruhestand sein. Aber wenn er die Leute glücklich machen kann, sei er in seinem Element, sagt er und denkt gar nicht ans aufhören. Ob wie in früheren Zeiten als Wirt oder heute als Kellner, das Gastronomiegewerbe ist sein Traumjob. Die Menschen kehren ein, um ihren Alltag zu vergessen, sagt er. Sie wollen fröhliche Stunden verbringen, wenn sie ausgehen und er sehe es in diesem Beruf als seine Aufgabe an, das möglich zu machen.

Angefangen hat das alles vor vielen Jahren auf dem Hutberg. Wolfgang Schönemann war damals Maschinenführer in der Textilindustrie und nicht wirklich zufrieden mit seinem Beruf. Ein Kollege erzählt ihm, das der Wirt der Hutberg-Baude einen Kellner fürs Wochenende sucht. Er bewirbt sich, wird angenommen - und hätte beinah gleich am ersten Tag das Handtuch geschmissen. „Es kamen einfach keine Gäste“, erinnert er sich. Der Aushilfskellner verbrachte seine Zeit mit Serviettenfalten und das war ihm zu langweilig. Doch der Wirt Karl-Heinz Liebe überredete ihn, noch einen Versuch zu wagen und da war alles anders. Das Wetter spielte mit, die Leute strömten auf den Berg und Wolfgang Schönemann hatte richtig viel zu tun. Seitdem ist der ursprünglich gelernte Postbetriebsfacharbeiter mit Leib und Seele Kellner. Noch heute bedankt er sich bei dem damaligen Wirt, denn der habe ihm die Liebe zum Beruf nahegelegt und ihm obendrein sehr viel beigebracht.

Nach dem Hutberg arbeitete er im Kretscham Waltersdorf. Dort holte er den Facharbeiter nach und träumte von einer eigenen Gastwirtschaft. Dieser Wunsch erfüllte sich später mit der Konsumgaststätte Saalendorf. „Das war für mich die schönste Zeit“, sagt der Waltersdorfer rückblickend. Besonders von den „Buddelflinks“ schwärmt er regelrecht. Dieser Faschingsclub ist ein wichtiger Teil seines Lebens, auch wenn er aus einem Zufall heraus entstanden ist. Eines Tages richtete er mehrere Feiern aus, darunter auch einen Geburtstag für junge Leute. Die waren so beeindruckt von dem Gastwirt, dass sie ihn fragten, ob er auch mal einen Fasching veranstalten würde. Wolfgang Schönemann antwortete: „Das ist kein Problem, wenn ihr mitmacht“.

Schon eine Woche darauf trafen sie sich und der Faschingsclub war geboren. An diese Zeit erinnert er sich gern, denn da war er in seinem Element. Er entwarf von den Eintrittskarten bis zu den Ankündigungsplakaten fast alles selbst, organisierte, besorgte Getränke und Lebensmittel und versuchte, seinen Gästen immer wieder und nicht nur zum Fasching einen unvergesslichen Tag zu bescheren.

Das alles hätte er nie geschafft ohne seine Familie, seinen Freunde und den vielen anderen, die ohne lange zu fragen, einfach mitmachten, sagt er. Er besteht darauf, dass er ihnen an dieser Stelle noch einmal Danke sagen kann. Sie alle bedeuten ihm sehr viel und ihm ist wichtig, dass sie das wissen. Sie seien der wichtigste Grund dafür, dass er als gebürtiger Kölner schon seit langem ein überzeugter Oberlausitzer ist. Kurz nach dem Krieg verschlug es ihn mit seinem Vater nach Waltersdorf, aber es zog ihn nie zurück, auch wenn er seine alte Heimat nie vergessen hat und besonders als Faschingsclubmitglied auch wiederholt den Kontakt dorthin hergestellt hat.

Jetzt aber ist seine Heimat die Oberlausitz und ganz besonders Waltersdorf. In dem Ort engagiert er sich auf vielfältige Weise, unter anderem auch seit 40 Jahren als Weihnachtsmann und ab und zu als Hochzeitsbitter. Am häufigsten ist er dennoch der singende Oberkellner in der Rübezahlbaude. Dort arbeitet er immer wieder gern, denn dort stimme auch die Chemie mit dem Team, erzählt er. Als die Kollegen letztes Weihnachten ihm als bester Kellner der Welt ein Geschenk machten, habe er weinen müssen, sagt er. Dabei sei er gar nicht nah am Wasser gebaut. Er wünscht sich, dass er noch lange mit ihnen gemeinsam für zufriedene Gäste sorgen kann. Gerne auch mit seinem Lieblingslied „Adelheid“ auf den Lippen.