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Der Stadtrat für den Chefposten

Umweltfachmann Holger Längert bewirbt sich fürs Bürgermeisteramt in Pulsnitz. Er sieht ein soziales Ungleichgewicht.

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© Matthias Schumann

Von Reiner Hanke

Mit Pfefferkuchenduft ist Holger Längert in Pulsnitz groß geworden. Die Lebkuchenfabrik ist nur einen Steinwurf vom Grundstück entfernt. Dieser Duft sei für ihn ein Stück Heimat, das er nicht vermissen möchte. Wie sein jüngster Sohn Konrad derzeit seine gewaltige Burgenbaustelle in der Wohnstube auf dem Teppich. Dort sieht es nach viel Arbeit aus. Die hat Vater Holger Längert auch um die Ohren und an dem Tag noch dazu Ärger mit seinen Wahlflyern. Denn er kandidiert ebenfalls am Sonntag für das Amt des Pulsnitzer Bürgermeisters. Als Einzelkandidat sammelte er die erforderlichen Unterschriften. Er wolle ein Bürgermeister für alle Pulsnitzer sein und nicht für eine bestimmte Partei ins Rennen gehen, ließ Holger Längert wissen. So sei er unabhängiger.

Dabei ist er in der politischen Landschaft der Stadt kein Unbekannter mehr. Seit knapp zwei Jahren sitzt er als Parteiloser im Stadtrat für die Linke, die seine Kandidatur unterstützt. Im Rat hinterfragt der 51-Jährige bei Beschlüssen oft sehr genau Ungereimtheiten und Hintergründe. Für sein Hobby, das Schachspiel, habe er seitdem kaum noch Zeit. Aber er habe „in den vergangenen Jahren gemerkt, dass bestimmte Dinge in Pulsnitz so nicht laufen sollten. Ich sehe ein soziales Ungleichgewicht“, sagt er. Dazu gehörte auch die Schließung der Bibliothek. Das war letztlich der Anstoß, sich in die Stadtpolitik einzumischen. Eine Bibliothek gibt es inzwischen wieder und der Pulsnitzer sitzt selbst im Ratsgremium. Nun will er als Bürgermeister an dessen Spitze rücken. 25 Jahre Verwaltungserfahrung bringe er aus seiner beruflichen Tätigkeit mit. Von Haus aus Biologie- und Chemielehrer, wechselte er in der Wendezeit ins Landratsamt Bischofswerda, arbeitete später u. a. in der Naturschutzfachabteilung des Regierungspräsidiums. Dort hatte er viel mit Fördermitteln zu tun. Schon zu DDR-Zeiten habe er sich für den Natur- und insbesondere für den Gewässerschutz engagiert und war damit auch angeeckt. Beim Blick aus dem Fenster fällt ein knorriger Birkenstamm im Garten auf. Die Krone fehlt schon lange. Dafür sind Insekten und Vögel herzlich willkommen. Aktuell beschäftigt sich Holger Längert im Dresdner Umweltamt mit Umweltgutachten, aber auch Bauleitplanung und sei oft Vermittler bei gegensätzlichen

Interessen.

Nicht allen Interessen entsprechen

Die neoliberale Stadtpolitik in Pulsnitz passe nicht unbedingt zu seiner sozialen Grundeinstellung. Ob das nun den Umgang mit Industriebrachen betrifft oder die Ausgliederung des Stadtmuseums und anderer städtischer Bereiche in Tochtergesellschaften. Die Stadt müsse ihre kommunale Verantwortung ernster nehmen. Vielen Bürgern brenne die Verkehrs- und Parkplatzsituation in der Innenstadt auf den Nägeln, so Längert. Es gebe viele konträre Interessen, habe er festgestellt. Allen werde kein Bürgermeister zu 100 Prozent entsprechen können: „Wir müssen aber eine Linie finden und diese endlich entschlossen durchsetzen.“ Er sehe auch Gefahrenquellen, wie die engen Fußwege. Der starke Verkehr zehre an der Gebäudesubstanz. Beim Parken müssten Anwohner und Arbeitende ebenso wie das Kurzzeitparken für Kundschaft der Händler berücksichtigt werden. „Der ruhende Verkehr muss den Bedürfnissen der Menschen angepasst werden“, sagt Längert. Er denke auch an Veränderungen der Verkehrsführung. Ob sich der viel geäußerte Wunsch nach einem Schuhgeschäft und einer Drogerie erfüllen lässt, kann er nicht versprechen, aber sich dafür einsetzen. Auch mehr Dienstleistungsgewerbe würde er gern ins Zentrum bringen, um es zu beleben. Dabei spiele zunehmend das Thema Sicherheit hinein. Wer Angst vor Einbrüchen hat, siedle sich nicht an. Einen Polizeiposten durchzusetzen, wird schwierig, weiß Längert und argumentiert mit Nachbarstädten ähnlicher Größe, die durchaus besser besetzt seien. Daran müsse sich das Polizeipräsidium messen lassen, auch mit Blick auf das geplante Flüchtlingsheim. Es gehe um Sicherheit für die Pulsnitzer wie für die Flüchtlinge, so Längert. Sie sollen sich wohlfühlen können, aber auch respektieren, dass sie Gäste sind und sich anpassen müssen.

Und welche Pulsnitzer Pfefferkuchen mag der Kandidat nun am liebsten? Denn vom Duft allein wird man ja nicht satt. Da ist Holger Längert diplomatisch: „Jeder Pfefferküchler hat seine Spezialitäten.“