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Der Union-Experte aus Hunsrück

Bernd Schaarschmidt beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Uhren. Besonders angetan haben es ihm die Glashütter Zeitmesser.

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Von Maik Brückner

Ehrfürchtig nimmt Bernd Schaarschmidt die Taschenuhr in die Hand und öffnet sie. Es ist ein Chronographen Rattrapante aus dem Jahr 1898, gefertigt von Karl Jentsch, einem Konstrukteur der Union Uhrenfabrik. „Es ist ein Höhepunkt des handwerklichen Uhrmacherkönnens“, sagt Schaarschmidt. Von diesem Modell existieren weltweit nur noch zwei Exemplare.

Schaarschmidt gilt in der Branche als versierter Fachmann für historische Uhren und speziell für die der Firma Union. Deshalb holte ihn Geschäftsführer Adrian Bosshard unlängst nach Dresden. Dort feierte die Firma zusammen mit Fachhändlern die Gründung der Union vor genau 120 Jahren. Schaarschmidt oblag es, den Fachhändler die Firmengeschichte näher zu bringen. Dabei konnte er auf sein angesammeltes Fachwissen zurückgreifen.

Immerhin beschäftigt er sich schon als Kind für Uhren. Im Alter von fünf Jahren begann er, Uhren zu sammeln. „Die Nachbarn brachten mir Wecker und andere Uhren vorbei“. Diesem Hobby ist er treu geblieben. Sein Geld verdiente er aber nicht mit Uhren, sondern in Schnorbach, einem in einem 200-Seelen-Dorf bei Hunsrück bei Wiesbaden. Dort handelte er mit Autos. In seiner Freizeit befasste er sich als Autodidakt mit der Geschichte der Uhrmacherei. Dabei stieß er zwangläufig auf die Uhrmacherindustrie im Müglitztal. „Glashütte, das ist ein Mikrokosmos für sich“, sagt der 68-Jährige. Zwar gab es auch in der Schweiz viele gute Uhrmacher. Aber die wohnten weit verstreut. In Glashütte konzentrierte sich das alles auf vier, fünf Quadratkilometer. Das ist das Besondere.

Manchmal richtig frustriert gewesen

Vom Westen aus zu forschen, war nicht leicht. Mit der politischen Wende 1989/90 änderte es vieles. Schaarschmidt setzte sich oft ins Auto, um nach Dresden zu fahren und hier im Stadt- und im Staatsarchiv Dokumente und Unterlagen zu sichten. „Wäschekörbe voll wurden sie mir gebracht“, erinnert er sich. Akribisch las er sie durch, sammelte Fakten und Daten. Nicht jede Suche war erfolgreich, so manches mal fuhr er frustriert nach Hause. Es gab aber auch Tage, in dem er Unglaubliches fand.

Auf die Firma Union wurde seine Aufmerksamkeit bereits 1981 gelenkt. Er traf einen Uhrmacher, der ihm begeistert erzählte, welche gute Qualität Union-Uhren haben. Weil über diese Marke wenig bekannt war, war Schaarschmidts Ehrgeiz geweckt. Er befasst sich mit dem Leben des Gründers Johannes Dürrsteins und mit den Uhren, die die Union zwischen 1893 und dem vorläufigen Ende der Firma 1926 herstellte. Es sei erstaunlich, wie es die Firma schaffte, in so kurzer Zeit so qualitative Uhren herzustellen, sagt Schaarschmidt.

Die Ergebnisse seiner Forschung wollte der Historiker gern in einem Buch veröffentlichen. Doch daraus wurde zunächst nichts. Nun könnte es im zweiten Anlauf klappen. Denn die 1996 wiedergegründete und 2008 neu ausgerichtete Firma läuft gut. Allein im vergangenen Jahr konnte sie fast 10.000 Uhren verkaufen. Wenn man den Kunden noch eine interessante Geschichte zur Geschichte der Marke erzählen kann, ließen sich die Zahlen noch weiter steigern, so die Überlegung in den Marketingabteilungen. Die Geschichte könnte Schaarschmidt liefern. Geschäftsführer Booshard habe bereits Interesse daran bekundet, sagt Schaarschmidt.