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„Der Urlaub ist gestrichen“

Im Internet drohen potenzielle Sachsen-Touristen wegen der starken AfD mit Stornierungen. Was sagen Gastgeber in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge dazu?

© Marko Förster

Franz Werfel

Pirna. Noch am Abend der Bundestagswahl bricht auf den Facebook-Seiten der Sächsischen Zeitung eine Diskussion los. Die Nachricht, dass Frauke Petry (zum Zeitpunkt der Wahl noch AfD-Bundeschefin) das Direktmandat im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gewinnt, gehört zu den meistkommentierten der vergangenen Jahre. Neben viel Zustimmung für die Politikerin gibt es auch kritische Beiträge. Mehrere sagen, dass sie den Landkreis nun nicht mehr besuchen wollen.

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So schreibt Eva-Maria Mühle etwa: „Braune Sächsische Schweiz. Der Urlaub ist gestrichen. Wir haben ein farbiges Kind angenommen. Wird bestimmt viel zu gefährlich für sie.“ Andreas Balko, Pfarrer in einer baden-württembergischen Kirchgemeinde, schreibt: „Als jahrelanger Urlaubsgast bin ich fassungslos. Fast jeder Zweite wählt in meiner Lieblingslandschaft AfD.“ Das, so Balko, mache ihn nachdenklich. Ist das noch die richtige Urlaubsregion für ihn?

Es stimmt – nirgendwo in Deutschland hat die Alternative für Deutschland einen so hohen Erststimmenanteil erreicht wie im Landkreis. Dem amtlichen Ergebnis zufolge entfielen auf Frauke Petry 37,4 Prozent der Stimmen. Knapp 29 Prozent erhielt der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig. Auch bei den Zweitstimmen lag die AfD mit 35,5 Prozent deutlich über ihrem sächsischen Durchschnitt von 27 Prozent. Brähmig zog nicht wieder in den Bundestag ein. Er hatte den Tourismusverband Sächsische Schweiz nach der Wende mit aufgebaut. Bis Ende 2018 ist er als dessen ehrenamtlicher Vorsitzender gewählt. In Berlin hat er sich für die Sächsische Schweiz und das Osterzgebirge als Tourismusregionen eingesetzt.

Tourismus in der Region

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gab es im vergangenen Jahr 341 Pensionen, Campingplätze und Hotels mit mindestens zehn Betten/Stellplätzen. Das ist die höchste Zahl in einem sächsischen Landkreis.

675000 Übernachtungsgäste kamen 2016 in den Landkreis. Das ist nach Dresden (2,1 Millionen) und Leipzig (1,6 Millionen) der dritthöchste Wert im Freistaat. Im Kreis wurden 2,6 Millionen Übernachtungen registriert. Jeder Gast blieb im Schnitt vier Tage. Das ist sachsenweit der zweithöchste Wert nach dem Vogtlandkreis (4,4).

4000 Arbeitsplätze im Kreis gab es im Juni 2016 im Tourismus. Demnach ist im Landkreis jeder zwanzigste Arbeitnehmer in der Branche tätig. (SZ)

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Dem Statistischen Landesamt zufolge kamen im vergangenen Jahr 675 000 Übernachtungsgäste in den Landkreis. Sie verbrachten 2,6 Millionen Nächte in den Herbergen, Campingplätzen und Hotels der Region. Hat der Wahlausgang einen messbaren Einfluss auf den Tourismus, ähnlich, wie es einige Monate in Dresden in der Hochzeit der Pegida-Spaziergänger war?

Nur wenige Gäste hätten seit der Bundestagswahl vor zwei Wochen beim Tourismusverband Sächsische Schweiz angerufen. Das sagt Tino Richter, der Geschäftsführer des Verbandes. „Eine Handvoll ausländische Gäste hat gefragt, ob die Region noch sicher ist“, so Richter. Deutsche Anrufer wollen sich Luft machen und behaupten, nun nicht mehr in die Region kommen zu wollen. Stornierungen bereits gebuchter Reisen oder Übernachtungen seien ihm aber nicht bekannt, sagt Richter.

„Die Frage für uns ist eher: Wie ist das Image unserer Urlaubsregion insgesamt?“ Eine schnelle Imagekampagne, quasi zur Ehrenrettung der Region, plane der Tourismusverband nicht. Erfahrungen mit Krisen habe man etwa während der beiden Hochwasser 2002 und 2013 sammeln können. „Es hat sich bewährt, dass wir langfristig werben und die Region so positiv darstellen, wie sie für Urlauber ist“, sagt Richter.

Auch Gunter Claus, der bisherige Chef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in der Sächsischen Schweiz, sagt: „Wir haben bisher keinen messbaren Buchungsrückgang.“ Ähnlich sieht es bei Frank Gliemann aus. Der Unternehmer betreibt in Freital das Hotel „Zur Linde“ und ist Mitglied im Dresdner Dehoga-Verband. Der Wahlausgang werde in seiner Branche aktuell viel diskutiert, die Stimmen seien vielfältig. Einig seien sich viele, wie auch der Dresdner-Dehoga-Verband, dass man mit Klaus Brähmig einen engagierten Verbündeten verliert. „Wie Frauke Petry uns helfen will, ist noch sehr spekulativ“, so Gliemann.

Keine bösen E-Mails, keine Anrufe und erst recht keine Stornierungen haben bisher Veronika Hiebl in Annaberg-Buchholz erreicht. Die Chefin des Tourismusverbandes Erzgebirge sagt, dass die meisten Gäste zwischen einer Wahl und der Tourismusregion differenzieren können. „Das Wahlergebnis hat mit der Gastfreundschaft der Menschen hier überhaupt nichts zu tun“, so Hiebl. Der Wahlerfolg der AfD sei aber ein gravierendes Ereignis für den Landkreis. „Als Tourismusverband wollen wir wie stets mit Leistung und hohem touristischen Service punkten“, sagt sie.

Hinter vorgehaltener Hand sagen Tourismus-Unternehmer, dass die AfD viel kaputt mache. Nun habe man keinen Verbündeten mehr aus der Region im Bundestag, der die wirtschaftlichen Interessen der Tourismusbranche vertrete. „Die Leute, die Frauke Petry den roten Teppich ausgerollt und sie in den Landkreis gelotst haben, haben allein schon dadurch gezeigt, dass sie als Politiker für die Region nichts taugen“, sagt ein Branchenvertreter anonym. „Die machen alles kaputt.“