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Der Weg in ein neues Leben

Majdy Abu Bakr leitet seit März die Depressionsstation im Krankenhaus Arnsdorf. Die 20 Betten sind fast immer belegt.

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© Kristin Richter

Von Nadine Steinmann

Arnsdorf. Traurig, müde, motivationslos und grüblerisch: Adjektive, die daraufhin deuten können, dass jemand an einer Depression leidet. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass ihnen nichts gelingt, das alles im Leben schief läuft. Sie schließen sich in ihren Wohnungen ein und wollen sich an dem Geschehen vor ihrer Haustür nicht beteiligen. Oft ist zu lesen, dass sich die Depression zu einer Volkskrankheit der Deutschen entwickelt hat. Diese Behauptung kann Oberarzt Majdy Abu Bakr nicht bestätigen. „Der Erkennungsgrad der Krankheit ist einfach nur gestiegen“, berichtet der Mediziner. Die Anzahl der Fälle habe sich nicht dramatisch vermehrt.

Ergotherapeutin Juliane Beck bastelt auch mit den Patienten. Zusätzlich wird getöpfert und gewerkelt.
Ergotherapeutin Juliane Beck bastelt auch mit den Patienten. Zusätzlich wird getöpfert und gewerkelt. © Kristin Richter
David Pfützner leitet die Sporttherapie. Denn viele Patienten sind motivationslos. So kommt der Körper wieder in Schwung.
David Pfützner leitet die Sporttherapie. Denn viele Patienten sind motivationslos. So kommt der Körper wieder in Schwung. © Kristin Richter

Majdy Abu Bakr weiß, wovon er spricht. Schließlich leitet er seit März diesen Jahres die Depressionsstation im Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf, seit 2009 ist er Oberarzt in diesem Bereich. Zusätzlich ist er Vertreter des Chefarztes des psychiatrischen Fachkrankenhauses. Sein Studium absolvierte er in Jena, seine Facharztausbildung am Marienkrankenhaus in Dresden-Klotzsche. Anschließend bewarb er sich nach knapp zweijähriger Tätigkeit als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie auf die Stelle als Oberarzt in Arnsdorf.

Seit wenigen Monaten leitet er also die Depressionsstation. Hier ist Platz für 20 Patienten, die in Doppelzimmern untergebracht werden. Im selben Haus befindet sich zudem die Tagesklinik mit zwölf Betten. Hier werden Patienten von 8 bis 15.30 Uhr betreut, können anschließend zu ihren Familien zurückkehren.

Verschiedene Formen, unteschiedliche Symptome

Natürlich ist nicht jede Depression gleich, es gibt verschiedene Formen, die sich auch in unterschiedlichen Symptomen äußern. Während sich bei der klassischen Form depressive Phasen mit normalen Phasen abwechseln, treten bei bipolaren Depressionen Phasen auf, in denen die Betroffenen auch mal über längere Zeit ein sehr starkes Glücksgefühl durchströmt. Diese Glücksphasen nennt man manisch und zeichnen sich durch eine besondere Kreativität, überschäumende Energie und eine Vielzahl neuer Ideen aus. Klingt erst mal gut, kann aber auch gefährlich werden, denn sie sind häufig mit Selbstüberschätzung und Fehlhandlungen, wie zum Beispiel riskantem Fahren oder hohen und nicht sinnvollen Geldausgaben verbunden. Fakt ist: Behandelt werden sollte jede Form der Depression und genau darum kümmern sich die Mitarbeiter der Station B11 im Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf.

Eine Behandlung umfasst mehrere Schwerpunkte, wie zum Beispiel die Pharmako-Therapie – sprich, die Behandlung mit Medikamenten. „Heutzutage gibt es zahlreiche moderne Antidepressiva, die auch weniger Nebenwirkungen haben als früher“, berichtet Majdy Abu Bakr. Hinzu kommt die psychotherapeutische Behandlung, in der die Mitarbeiter der Depressionsstation in Gesprächen versuchen, mit dem Patienten zu erörtern, welche Ereignisse – vielleicht auch schon in der Kindheit – die Krankheit hervorgerufen haben. Dabei wenden die Psychologen gleichermaßen sowohl die Tiefenpsychologie als auch die Verhaltenspsychologie an. Der dritte Punkt ist die soziotherapeutische Behandlung. Dabei steht den Patienten ein Mitarbeiter zur Verfügung, der ihn bei allen sozialen Problemen zur Seite steht. Es werden gemeinsam Anträge ausgefüllt, Perspektiven für die eigene Zukunft erarbeitet, finanzielle Probleme thematisiert und die Rolle des Patienten beispielsweise in der Familie besprochen.

Lernen, sich wieder zu konzentrieren

Hinzu kommen noch zahlreiche weitere Stränge in der Behandlung. Dazu gehört unter anderem die Ergotherapie, in der die Depressiven wieder lernen, sich auf etwas zu konzentrieren und eine Sache auch zu Ende zu bringen. Typischstes Beispiel dafür ist das Körbeflechten, aber die Patienten arbeiten auch mit Ton oder Holz, gärtnern oder häkeln. Zusätzlich wird auf der B11 auch Kunst-, Tanz- oder Musiktherapie sowie Entspannungstraining mit Yoga oder Tai Chi angeboten. Außerdem gibt es ein Genusstraining, bei dem den Patienten vermittelt werden soll, den Moment wieder zu genießen. Seien es die wenigen Sekunden, in denen man genussvoll in einen saftigen Apfel beißt oder ein paar Minuten, in denen man sich eine neue CD anhört. „Dabei werden die Sinne wieder trainiert“, so Majdy Abu Bakr. Denn oftmals nehmen Patienten während der Krankheit die schönen Seiten des Lebens nicht mehr wahr.

Welche Behandlung verordnet wird, ist natürlich von Patient zu Patient unterschiedlich. Am Tag ihrer Ankunft führen aber sowohl der Oberarzt als auch der Stationsarzt ein Gespräch mit dem Patienten, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Zusätzlich erfolgt eine körperliche Untersuchung, um auszuschließen, dass die Symptome nicht doch eine andere Ursache als die Depression haben. Wie viel Zeit der Heilungsprozess in Anspruch nimmt, lässt sich nur schwer sagen. „Im Schnitt sind es vier bis acht Wochen“, berichtet Majdy Abu Bakr. Es sei aber durchaus auch im Ausnahmefall möglich, dass ein Patient mal sechs Monate auf der B11 verbringt.

Die Nachfrage nach einer Behandlung auf der Depressionsstation im Krankenhaus Arnsdorf ist groß. Freie Betten sind nur selten. Und eine Behandlung auf der Depressionsstation, das sei betont, ist immer freiwillig. Doch an eines sollten die Betroffenen denken: Der Weg in die Behandlung ebnet auch den Weg in ein glücklicheres Leben.