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Der Wolf als Überraschungstier

Die Lausitzer Wölfe bieten Wissenschaftlern immer wieder Grund zum Staunen, zum Beispiel beim Nachwuchs.

Ein typisches Bild: Wölfe aus der Ferne beobachtet und fotografiert, das ist wahrscheinlicher, als die Nahaufnahme von den scheuen Tieren. © J. Noack

18 Wolfsrudel gibt es derzeit in Sachsen. Das zumindest belegen die aktuellen Daten der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW), die ihren Sitz in Görlitz hat. In der Oberlausitz sind es zwölf Wolfsfamilien. Und über die haben Wolfsexperten kürzlich interessante Verhaltensweisen entdeckt.

So haben sich beim Daubitzer und Milkeler Rudel mehr als ein Wolfspaar in dem jeweiligen Territorium fortgepflanzt. Das galt bisher als eher ungewöhnlich. Beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn weiß Präsidentin Professor Beate Jessel: „So etwas ist selten, wurde wissenschaftlich aber schon nachgewiesen.“ Durch das sehr intensive Monitoring, also die Beobachtung, in Deutschland falle so etwas eher auf. Denkbar sei zum Beispiel, dass der Rüde eines Rudels zu Tode gekommen ist und ein anderes männliches Tier die Position übernommen und sich ebenfalls fortgepflanzt hat.

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Beim Milkeler Rudel ist es sogar so, dass sich Töchter fortgepflanzt haben. Das alte Wolfspaar war aber nicht etwa verschwunden oder gestorben, sondern nach wie vor sehr aktiv im Revier, aber nicht am Fortpflanzungsgeschehen beteiligt. Bisher galt, dass ältere Tiere von jüngeren verdrängt werden. Auch da weiß man beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn weiter. Dank der DBBW sei dieser Fall recht gut bekannt. „Wölfe sind intelligente und hochsoziale Lebewesen, die oft ganz eigene Persönlichkeiten entfalten, erklärt Beate Jessel. Wenn die Eltern im Rudel der Tochter noch mitlaufen, spreche das für ein besonderes Verhältnis der Tiere zueinander. „Wir haben im Fall des Nochtener Rudels den umgekehrten Fall. Dort hat die Tochter das Elternpaar an den Rand des Territoriums verdrängt.“

Der Wolf ist in Deutschland eines der am besten beobachteten Tiere, auch im Vergleich zu anderen Ländern. Deswegen fallen solche „Besonderheiten“, wie die mit der Fortpflanzung, hier eher auf als anderswo, zum Beispiel in Polen. Im Riesengebirge schauen die Naturschutzverantwortlichen neidisch auf die intensive Wolfsforschung, gerade in Sachsen. Im Nachbarland wird die vor allem von nicht staatlichen Organisationen geleistet.

Die Wolfsbeobachtung in Deutschland steht aber auch in der Kritik. Den einen ist sie zu teuer. Den anderen nicht genau genug – so wird bei der Zählung der Tiere nur auf erwachsene Wölfe geschaut. Aktuell geht das Bundesamt von 213 bis 246 Wölfen im Bundesgebiet aus. Bemängelt werde auch, „dass wir Daten zum Wolf mit einer zeitlichen Verzögerung veröffentlichen“, sagt Beate Jessel. Aber die Erhebung sei aufwendig. Die Länder legen Daten vor, die werden von im Monitoring erfahrenen Personen ausgewertet und verglichen – auch, um Doppelzählungen zu vermeiden. Dann prüfen die Bundesländer erneut. „Das dauert, aber am Ende haben wir sehr genaue Zahlen für die erwachsenen Tiere, die Fehlerquote bei nicht erfassten territorialen Wölfen ist hier recht niedrig“, so Jessel.

Sie befasst sich auch mit dem Thema der Wolfsabschüsse. Denn die Umweltminister der Bundesländer fordern, dass der Bund eine rechtssichere Grundlage für die Entnahme von problematischen Wölfen vorlegen soll, obwohl es dafür schon Regelungen gibt. Inzwischen liegen neue Empfehlungen vor. Der Katalog sei aber noch in der Abstimmung mit den Ländern. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz dürfen Wölfe tatsächlich entnommen werden. Möglich ist die Tötung, wenn sie die menschliche Sicherheit gefährden. Oder wenn sie beispielsweise in der Land- oder Forstwirtschaft erheblichen und wiederholten Schaden anrichten können.