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Der zauberhafte Waggonbauer

Lothar Kaulfers ist Tischler und auch Medizintechniker, vor allem aber ein sehr trickreicher Magier. Am Freitag ist sein 75. Geburtstag.

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© Ralph Schermann

Von Ralph Schermann

Görlitz. Wenn Lothar Kaulfers wirklich zaubern könnte, müsste er die Zeitung vergrößern. Denn über ihn gibt es viel zu viel Stoff. Da geht es dem Redakteur wie ihm: „Über tausend von mir entwickelte Tricks habe ich noch immer gar nicht aufgeführt!“

75 Jahre alt ist er ab Freitag und nach wie vor ein Phänomen. Als gelernter Möbeltischler arbeitete er 1957 bis 1990 im Waggonbau. Ab 1968 widmete sich Kaulfers im Nebenberuf der Manometrie, baute Blutdruckmessgeräte. 1990 machte er sich mit einem medizinischen Fachgeschäft selbstständig, besaß als einer der wenigen die Zulassung als Eichwerkstatt. Nebenbei sammelte er Uhren, Feuerzeuge, Scherzartikel, organisierte auf dem Lindenweg Kinderfeste. In einer Wohnung lebte dort Max Keller, ein Zauberkünstler, dem Lothar Kaulfers auf die Finger sah und fortan eigene Zaubertricks ertüftelte. Vom filigranen Faden bis zur monströsen Kanone werkelt er seit Jahrzehnten. Sein Haus in Biesnitz baute er so, dass es schwere Maschinen trägt. Kein Arbeitsgerät fehlt, wenn er an Tricks feilt, bohrt, fräst, schweißt. Zum Beispiel an einer Pistole, die auf 26 Meter Entfernung Geld ohne Löcher in Brieftaschen schießt. Kein Wunder, dass die Konzert- und Gastspieldirektionen ihm den Berufsausweis fast aufdrängen wollten. Lothar Kaulfers aber blieb Amateur: „Zwei Berufe reichen.“

Dennoch lehnte er Tourneen nicht ab, begleitete Bärbel Wachholz, Meister Nadelöhr und die Vier Brummers. Er sah hautnah, dass auch der sowjetische Starzauberer Kio „nur mit Wasser kochte“, und glaubt man der dicken Stasi-Akte, hatte Kaulfers Verbindungen in 89 Länder.

Peter Kersten, als „Zauber-Peter“ bekanntester DDR-Magier, begeisterte in den USA mit einem Kaulfers-Trick und holte den Görlitzer in seine Fernsehsendung „Zauber auf Schloss Kuckuckstein“. Kersten gehörte dazu, als 1960 zwölf Zauberer den Magischen Zirkel Görlitz gründeten. Schon 1927 bis 1940 gab es so einen Klub. Kaulfers belebte die alte Tradition und steuerte die berühmte Kette bei, die alle deutsche Magie-Zirkel in Edelmetall fasst.

Er hatte in der Stadthalle die erste Veranstaltung „Sterne der Kleinkunst“, noch bevor es die DDR-Talentebewegung überhaupt gab. In der Stadthalle lernte er später auch Barbara kennen. Erst wollte er sie auf der Bühne dreiteilen, dann wurde sie seine Frau. Die beiden haben Kinder, Enkel, Urenkel – zaubern will keiner von ihnen. Vielleicht, weil sie alle die Entbehrungen von Vater und Opa kennen: „Ja“, gab der zu, „wir hatten selten Urlaub, ich lebte eigentlich immer mehr für die Zauberei.“

Auch lange nach dem Rentenbeginn war der Werkstattkeller das Reich von „Kalo“, wie er sich nennt, wenn er Requisiten fertigt für Zauberer in aller Welt und in der Nähe – für letztere immer mit großem Wert auf Görlitz-Hinweise in der Ausstattung. Selber zauberte er nur noch selten. „Mein letzter großer Auftritt war 1991 symbolhaft“, sagte er: So wie schon zur Eröffnung begleitete er damals die Schließungs-Show für das Kraftwerk Hagenwerder.