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Der Zoo-Revoluzzer

Professor Gustav Brandes hatte viele Ideen, damit die Tiere artgerecht leben. Dann jagten die Nazis ihn davon. Doch der Direktor hat ein Vermächtnis.

Von Lars Kühl

Buschi genießt den Kuss des Professors. Liebevoll drückt der Zoo-Direktor seine Lippen auf den Mund des kleinen Orang-Utans. Doch, was aussieht wie die ungewöhnliche Zuneigung zwischen Mensch und Tier, ist in Wirklichkeit ein Dienst für die Wissenschaft. Gustav Brandes füttert den Affen mit vorgekauter Nahrung.

Noch heute leben in der 1920 angelegten Voliere mehrere Geierarten.
Hinter einem Teich wurde die Felsenlaufbahn für die Großkatzen gestaltet.
Auch für Bären ließ der Zoodirektor eine Freianlage bauen. Die wurde auf Postkarten gezeigt.

Buschi war der erste Orang-Utan, der in Gefangenschaft vom Säugling zum geschlechtsreifen Mann aufgezogen wurde. Geboren auf einem Schiff, das seine Mutter Suma nach Europa transportierte. Am 20. Mai 1927 trafen beide in Dresden ein. Die folgende Aufzucht dokumentierte Brandes wissenschaftlich in einem Buch. In den 1920er-Jahren war der Dresdner Zoo in Europa, aber auch Übersee, zum Vorreiter bei der zeitgemäßen, für damalige Verhältnisse modernen Unterbringung und Pflege von Menschenaffen aufgestiegen.

Ein Verdienst vor allem von Direktor Brandes. Der war seit 1910 im Amt. In Schöningen bei Helmstedt in Niedersachsen kam er am 2. Mai 1862 auf die Welt. Nach dem Studium der Botanik sowie der Zoologie in Freiburg und Leipzig machte er 1888 seinen Doktor. Ein Jahr später folgte der Ruf an die Universität Halle-Wittenberg, wo er 1891 habilitierte. Nach Jahren als Privatdozent wurde Brandes 1902 der zweite Direktor des Zoos in Halle.

Seine gute Arbeit sprach sich herum, die Elbflorentiner warben ihn deshalb ab. Am 1. Juli 1910 begann er als Direktor und alleiniger Vorstand des Aktienvereins „Zoologischer Garten Dresden“. Gleichzeitig wirkte er als Professor der Zoologie und Vergleichenden Anatomie an der Tierärztlichen Hochschule, bis die 1923 nach Leipzig verlegt wurde. Von der Forschung wollte und konnte Brandes aber nicht lassen. So half er, ab 1926 das Zoologische Institut an der Technischen Hochschule Dresden aufzubauen, das er bis 1936 leitete.

Damals hatte Brandes seinen Posten als Zoo-Direktor bereits zwei Jahre verloren. Am 1. Februar 1934 war er von den Nationalsozialisten zum Rücktritt gezwungen worden. Als überzeugter Demokrat – unter anderem war er Stadtverordneter – hatte er Probleme mit den neuen Machthabern, die keine anderen Ansichten und vor allem viele Menschen nicht duldeten. Außerdem ging Brandes bei Herrschaften ein und aus, die zwar wohlhabend und angesehen, aber eben auch Juden waren. So wie die Bankiersfamilie Arnhold – große Mäzene der Stadt, erwähnt sei nur das nach ihnen benannte Bad, und auch großzügige Förderer des Zoos. Der Abgang von Brandes war jedenfalls das traurige Ergebnis eines politischen Intrigenspiels. Das zeigen auch Briefe, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Zeitzeugen an den Zoo geschickt worden sind. „Man versuchte, in schmutziger Weise den Ruf des in jeder Beziehung vorbildlichen Prof. Brandes zu verunglimpfen und ihm neben unsachgemäßer auch unsaubere Geschäftsführung vorzuwerfen“, schrieb 1956 Paul Schaupt aus Dresden. Brandes hatte gleichzeitig mit seinem Rauswurf den Konkurs des Aktienvereines anmelden müssen. Geldprobleme hatte es schon länger gegeben, immer wieder hatte der Ex-Direx um städtische Zuschüsse gekämpft. Am Ende erfolglos. Dabei hatte er Großes vorgehabt: Brandes wollte den Zoo bis zur Lennéstraße erweitern und dort ein Troparium einrichten – für alle Tiere und Pflanzen aus den Tropen, die er bekommen hätte. Das wäre eine Weltneuheit gewesen.

Daraus wurde nichts. Schlimmer noch, die Nazis erteilten ihm Hausverbot in seinem Zoo. Zwar hob das sein letzter Schüler und Doktorand Hans Petzsch, der später die Leitung des Zoos übernahm, 1937 als eine seiner ersten Amtshandlungen wieder auf, die Strafe muss Brandes dennoch zutiefst getroffen und gekränkt haben.

Denn er war einer mit revolutionären Ideen und galt als Pionier. „Seine aus dem Herzen kommende Liebe zum lebenden Tier ließ ihn vielfach neue Wege einschlagen.“ „Und die temperamentvoll verteidigen, welche von den bisher begangenen Pfaden oft erheblich abwichen“, hat Zoo-Archivar Winfried Gensch in einer Biografie geschrieben. Den Besuchern wollte Brandes die Tiere möglichst so zeigen, wie sie in freier Wildbahn vorkommen. Nicht strikt voneinander getrennt, auch zusammen, wo es passte. So ließ er die heutige Geiervoliere bauen, in der Raubvögel und Marabus mit Hyänen lebten. Großkatzen bekamen eine 100 Meter lange Laufbahn aus Felsen, Sand und Wasser mit Steigungen, damit sie sich bewegen können und nicht, wie vorher, fast nur herumliegen. Für Seehunde und -löwen, Pinguine sowie Kormorane ließ Brandes einen Teich anlegen, für die Orang-Utans einen Baumkäfig.

Seine Schüler verehrten ihn als „Papa Brandes“, seine Mitarbeiter schätzten seine Führungsqualitäten, aber auch seine Warmherzigkeit und Güte. Vergessen ist er bis heute nicht. Erst recht, seit vor sechs Jahren das Tropenhaus im Zoo eröffnet wurde – und den Namen „Prof. Brandes“ erhielt. Sein Traum vom Troparium ist also doch noch wahr geworden. Genau wie sein Wunsch nach erfolgreicher Orang-Utan-Zucht. Daisy und Toni haben zurzeit Nachwuchs Nummer 32. Am Freitag hatte Dalai Geburtstag. Er wurde ein Jahr alt.