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30 Jahre Einheit: Von wegen Jammer-Ossis

30 Jahre ist Deutschland nun wiedervereinigt, doch das Volk murrt, heißt es. Aber stimmt das überhaupt? Ein Essay.

Gute Laune im Osten gibt es überall, zum Beispiel hier beim bunten Holi-Festival vor einigen Jahren in Meißen.
Gute Laune im Osten gibt es überall, zum Beispiel hier beim bunten Holi-Festival vor einigen Jahren in Meißen. © Claudia Hübschmann

Von Detlef Pollack

Die Betonung der Differenzen zwischen Ost und West dominiert noch immer in der Berichterstattung über Ostdeutschland und die Ostdeutschen. Nach wie vor liege das Produktionsniveau in den neuen Bundesländern unter dem in den alten, belaufe sich das Einkommen der Ostdeutschen gerade einmal auf 85 Prozent der Gehälter im Westen, sei kein einziges ostdeutsches Unternehmen im Börsenleitindex DAX notiert. Die Liste der Indizien, die für gravierende Differenzen zwischen den beiden Landesteilen sprechen, ließe sich mühelos verlängern.

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Man könnte auf die geringere Repräsentanz von Ostdeutschen in den Vorständen der großen Unternehmen verweisen, die höhere Anzahl schrumpfender Regionen in den neuen Ländern und vieles andere. Haben die Ostdeutschen also nicht gute Gründe, wenn sie auf ihre Sonderstellung hinweisen, sich wie Bürger zweiter Klasse behandelt fühlen und sich lautstark über ihre Unterprivilegierung beschweren?

Doch wie repräsentative Umfragen zeigen, sind die Ostdeutschen in ihrer Mehrheit mit ihrem Leben recht zufrieden. 68 Prozent beurteilen ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut, lediglich neun Prozent als schlecht. Zum Vergleich: 1991 hielten nur 35 Prozent ihre persönliche Lage für gut.

Für etwa 70 Prozent der Ostdeutschen haben sich die Hoffnungen erfüllt, die mit der Wiedervereinigung verbunden waren. Ebenso viele fühlen sich als Gewinner der Wende. In die alte DDR zurück will kaum einer. Es ist eine Mehrheit von zwei Dritteln, die erklärt, dass die Wiedervereinigung den Bürgerinnen und Bürgern in den neuen Bundesländern mehr Vorteile als Nachteile gebracht hat.

Der Osten hat mächtig aufgeholt

Den subjektiven Einschätzungen entsprechen die objektiven Befunde. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Ostdeutschland seit 1991 auf etwa das Vierfache gestiegen und liegt heute höher als in den Visegrád-Staaten – den am weitesten entwickelten Ländern des ehemaligen Ostblocks. In Westdeutschland erhöhte es sich nur auf knapp das Doppelte. Das heißt, der Osten hat mächtig aufgeholt. Nicht zufällig blicken die Ostdeutschen selbstbewusst auf das Erreichte. Dem Sachsen-Monitor von 2018 zufolge denken fast 90 Prozent der Sachsen, dass man auf das, was man in Sachsen seit 1989 erreicht hat, stolz sein kann.

Als aufmerksamer Beobachter der öffentlichen Debatten ist man irritiert. Wie stimmen diese Aussagen, die von hoher Lebenszufriedenheit und ökonomischen Erfolgen künden, mit der allgemein konstatierten Verdrossenheit der Ostdeutschen überein? Der Schlüssel für die Antwort auf diese Frage liegt in dem jeweils gewählten Vergleichsmaßstab. Wenn die Ostdeutschen ihr Leben heute mit den früheren Zuständen in der DDR vergleichen, entwerfen sie eher ein positives Bild, vergleichen sie sich mit den Westdeutschen, so fangen sie an zu klagen.

Unser Autor: Detlef Pollack, geboren 1955 in Weimar, hat von 1976 bis 1981 Theologie in Leipzig studiert und wurde dort 1994 Professor für Religions- und Kirchensoziologie. Seit 2018 ist er Professor an der Uni Münster. Aktuell erscheint von ihm im Transc
Unser Autor: Detlef Pollack, geboren 1955 in Weimar, hat von 1976 bis 1981 Theologie in Leipzig studiert und wurde dort 1994 Professor für Religions- und Kirchensoziologie. Seit 2018 ist er Professor an der Uni Münster. Aktuell erscheint von ihm im Transc © privat

Die Sachsen schätzen die wirtschaftliche Lage in ihrem Bundesland mehrheitlich als die beste in Ostdeutschland ein, besser auch als in den Ländern Osteuropas. Im Vergleich zu den westdeutschen Bundesländern beurteilen jedoch nur noch neun Prozent sie als besser. Der Beurteilungsmaßstab des eigenen Lebens war schon zu DDR-Zeiten der Westen; er ist es bis heute geblieben. Dieselbe Logik tritt auch hervor, wenn die Ostdeutschen danach gefragt werden, ob sie sich gerecht behandelt fühlen. Auf die Frage, ob sie im Vergleich zu dem, wie andere Menschen in Deutschland leben, das erhalten, was ihnen zustehe, antwortet etwa die Hälfte der Ostdeutschen, sie erhielten weniger als den gerechten Anteil. Früher waren es sogar zwei Drittel.

Im Westen ist der Prozentsatz derer, die sich ungerecht behandelt fühlen, deutlich geringer. Auch die Frage, ob sich die Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse fühlen, zielt auf den Vergleich. Sind es bei dieser Frage in der Regel nur etwa 50 Prozent, die sich nicht als zweitrangig wahrnehmen, so berichten mehr als 90 Prozent von erlebter Wertschätzung, wenn es um Erfahrungen im Kontext von Freizeit und Arbeit geht. In ihrer Nachbarschaft und auch auf der Arbeit fühlen sich die Ostdeutschen mehrheitlich also durchaus anerkannt. Die in der Kommunikation mit dem Westen in den letzten Jahrzehnten gemachten Erfahrungen von Abwertung, Benachteiligung und Schlechterstellung sitzen offenbar so tief, dass sie bei Bedarf leicht abrufbar sind. Sie prägen jedoch nicht den Alltag in Freizeit und Beruf.

Unzufriedene wählen heute rechts statt links

Aber sind in Ostdeutschland nicht Politikverdrossenheit, Elitenskepsis und Unzufriedenheit mit der Demokratie weitaus höher als im Westen? Auch hier muss wieder zwischen dem Diskurs, der in der Öffentlichkeit geführt wird, und der Mehrheitsmeinung unterschieden werden, denn die Idee der Demokratie findet durchaus breite Zustimmung. 80 Prozent der Deutschen im Osten halten die Demokratie für eine gute Regierungsform, fast so viel wie die Deutschen im Westen. Mit dem Funktionieren der Demokratie, wie sie in Deutschland existiert, sind weniger zufrieden; doch auch hier ist der Anteil der zufriedenen Ostdeutschen in den letzten Jahren gestiegen und zwar auf heute immerhin 54 Prozent.

Dabei ist das Lager der Unzufriedenen in den letzten Jahren von links nach rechts gewandert. Drückte sich Demokratieunzufriedenheit vor zehn Jahren noch darin aus, dass ein großer Teil der Ostdeutschen die Linkspartei wählte, so heute darin, dass die Unzufriedenen die AfD wählen. Mit dem Wahlverhalten der Ostdeutschen ist das Problem identifiziert, das die bundesdeutsche Öffentlichkeit nun tatsächlich alarmiert. Sind die Ostdeutschen oder doch viele von ihnen noch immer so stark durch die Nachwirkungen des autoritären SED-Regimes geprägt, dass sie ihre Heimat in einer Nazi-Partei finden? Oder drückt sich in ihrem Wahlverhalten ihre ökonomische Schlechterstellung aus? Oder ihre Opfermentalität?

Wie hier vergangenes Jahr in Görlitz stößt die AfD mit Kundgebungen im Osten Deutschlands auf größere Resonanz als im Westen.
Wie hier vergangenes Jahr in Görlitz stößt die AfD mit Kundgebungen im Osten Deutschlands auf größere Resonanz als im Westen. © Nikolai Schmidt

Interessant ist, dass es – das zeigen sozialwissenschaftliche Analysen – zwischen der persönlichen wirtschaftlichen Lage und der Wahrscheinlichkeit der Wahl der AfD im Osten Deutschlands keine signifikante Korrelation gibt. Das heißt, die Neigung zur AfD-Wahl lässt sich nicht daraus erklären, dass es den Menschen ökonomisch schlecht geht.

Viele wählen sie schlichtweg aus Protest und da sie kein Vertrauen in die Bundesregierung haben und mit der Art, wie die Demokratie in Deutschland praktiziert wird, unzufrieden sind. Wichtig ist aber vor allem ihre Abneigung gegenüber allem, was sie als fremd empfinden, gegenüber Zuwanderern, Kopftuch tragenden Musliminnen, diskursmächtigen Eliten, Homosexuellen, LGBTQ-Aktivisten, Feministinnen. Das Bunte, das andere erregt ihre Aversion.

Die rechtspopulistische Wahlentscheidung speist sich natürlich aus einer Vielzahl von Motiven, unter denen purer Protest ebenso anzutreffen ist wie Nationalismus, Politikverdrossenheit, Elitenskepsis oder Rassismus. Vor allem aber stellt sie eine Verteidigung des Eigenen gegen das als fremdartig Definierte dar, eine Verteidigung dessen, das man als gering geschätzt und nicht beachtet ansieht, als entwertet und zurückgesetzt.

AfD bedient Ost-Befindlichkeit

Also spiegelt sich in der Wahl der AfD zwar nicht nur, aber auch und ganz wesentlich eine Erfahrung, die typisch für die 1990er-Jahre war, als die Industrieproduktion des Ostens zusammenbrach, die neuen Länder wirtschaftlich nicht auf die eigenen Beine kamen, fast jeder mit seinem beruflichen Überleben zu kämpfen hatte und sich die Ossis zugleich die arroganten Belehrungen der Wessis anhören mussten. 

Die damals erlebte Demütigung hat sich in bestimmten Milieus des Ostens verfestigt und lebt bis heute im Ressentiment gegenüber allem, was den Anschein der Überlegenheit erweckt, fort, insbesondere auch im Neid auf den Westen. Mit Slogans wie „Wir sind das Volk“ oder „Vollende die Wende“ bedient die AfD diese Ost-Befindlichkeit.

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