merken
PLUS Politik

Willkommen, Genosse

Ex-Dynamo Uwe Rösler kam nach der Wende als Fußballprofi in den Westen. Der Rheinland-Pfälzer Klaus Toppmöller ging als Trainer in den Osten. Was sie erlebten.

Der eine kam aus dem Osten, ging in den Westen. Der andere kam aus dem Westen, ging in den Osten. Beiden ging es um den Fußball. Und beide fanden ihr Glück.
Der eine kam aus dem Osten, ging in den Westen. Der andere kam aus dem Westen, ging in den Osten. Beiden ging es um den Fußball. Und beide fanden ihr Glück. © imago images/Moritz Müller

Von Guido Hain,Generalanzeiger, Bonn

Das Gespräch beginnt mit einer kurzen Ansage. „Sagen Sie Genosse zu mir!“, fordert Uwe Rösler. Ein Scherz, natürlich. Einer jedoch, der direkt das Tor öffnet in eine Zeit, die längst der Vergangenheit angehört. Rösler hat einen unverstellten Blick darauf. Geboren in der Skathochburg Altenburg, tief im Osten Thüringens, möchte er die Zeit vor der Zeitenwende überhaupt nicht missen. Sie hat ihn geprägt. Und er ist froh, dass „ich in zwei unterschiedlichen politischen Systemen leben konnte“.

Anzeige
Kompetenz in der Vermögensbetreuung
Kompetenz in der Vermögensbetreuung

Geld sicher und gut anlegen? Das ist in Zeiten der Nullzinspolitik nicht einfach. Deshalb sollte man sich gerade jetzt gut beraten lassen.

Im ersten Leben hat er sich offenbar vortrefflich zurechtgefunden. Sein Talent als Fußballer half ihm auf seinem Weg. Das Sportfördersystem der DDR ebenfalls. Es war genau das richtige Fundament für den heute 51-Jährigen, seinen Entwicklungsprozess voranzutreiben – als Sportler, aber auch als Mensch. Ohne diese Ausbildung, sagt er heute, wäre er nicht dort, „wo ich als Spieler gelandet bin. Oder dort, wo ich jetzt als Trainer bin.“ In diesem System, das als Ziel vorsah, den Erfolg des Sozialismus auf sportlicher Ebene vor der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren. „Dort sind meine Wurzeln. Dort wurden die Grundlagen gelegt.“

Dafür sei er sehr dankbar, aber man müsse das auch differenziert betrachten. Als Parteigenosse, das stellt der damalige DDR-Nationalspieler und heutige Trainer des Fußball-Zweitlisten Fortuna Düsseldorf klar, nein, als solcher lässt er sich nicht hinstellen. Gleichwohl sei er einer, der „nicht vergisst, wo er herkommt“. Es war damals ja nicht alles schlecht im Osten.

Annäherung beim Skat

An der Politik zeigte er nie ein sonderliches Interesse. Wohl aber daran, sich stetig zu verbessern. Er wollte nur eines: „Der bestmögliche Fußballer werden, der ich werden kann.“ Rösler, der sich in der DDR als Privilegierten wahrnahm, schwärmt von diesem Weg als Leistungssportler, über „dieses Förderungssystem junger Leute, das damals beispiellos war“. Und legt nach: Dass die DDR bei Olympischen Spielen so viele Goldmedaillen gewonnen habe, das sei nicht nur dem Doping geschuldet, das war „systematische Trainingsarbeit, Philosophie, Kadersichtung“.

Er hat seinen Weg gemacht. Nicht immer geradlinig. Früh wurde er zum 1. FC Lok Leipzig delegiert. Weiter ging es zum Stadtrivalen Chemie, später zum 1. FC Magdeburg und zu Dynamo Dresden, schließlich in den Westen zum 1. FC Nürnberg und dem 1. FC Kaiserslautern, zwischendurch nach England, unter anderem zu Manchester City, später nach Norwegen zum Lillestöm SK.

In die andere Richtung machte sich in der Wendezeit Klaus Toppmöller auf: gen Osten. Neuland für einen wie ihn, aufgewachsen in Rivenich, tief im Südwesten der Bundesrepublik. Ein Abenteuer für den früheren BRD-Nationalspieler, für die Kaiserslautern-Ikone. Es waren seine Freunde, die dem damals arbeitslosen Trainer Anfang der 90er-Jahre rieten, sich doch mal im anderen Teil des einst geteilten Landes umzusehen. Gerade frisch am Knie operiert, machte er sich auf, vor 30 Jahren. Nach einer kleinen Odyssee in den neue Ländern verschlug es ihn nach Aue, Sachsen. Aue! Er wurde, sagt er heute, herzlich empfangen. „Und Sie wissen ja, die Sachsen sind gute Skatspieler.“ Das trifft auch auf ihn zu. Sie näherten sich schnell an, der Wessi und die Ossis. Die Karten flogen nur so über den Tisch. Dass dabei Gespräche über den Fußball nicht zu kurz kamen, war klar. Einige schlechte Ergebnisse hatte Wismut damals eingefahren. Also, ein neuer Trainer sollte her: Toppmöller. Die Zusage kam dann nach „einigen Bierchen“, wie sich der heute 69-Jährige erinnert. Er sagte zu, das Kommando bis zur Winterpause zu übernehmen. Dabei blieb es nicht.

Das letzte Aufgebot der DDR beim Länderspiel in Belgien. Mit dabei Uwe Rösler (stehend, 2. v. l.) , der danach zu Dynamo Dresden wechselte, sowie Jörg Stübner (u. links) und Matthias Sammer (u. Mitte).
Das letzte Aufgebot der DDR beim Länderspiel in Belgien. Mit dabei Uwe Rösler (stehend, 2. v. l.) , der danach zu Dynamo Dresden wechselte, sowie Jörg Stübner (u. links) und Matthias Sammer (u. Mitte). © dpa

Denn er hatte ja Spaß. „Die Jungs waren heiß, super drauf.“ Und bis zum Saisonende verlor die Mannschaft kein Spiel mehr in der Staffel B der DDR-Liga. Dass das Ende jedoch eine bittere Schlusspointe bereithielt, zermürbt ihn noch heute.

Am vorletzten Spieltag der Saison 1990/91 trat er mit Aue beim direkten Rivalen FSV Zwickau an. Seine Elf hatte den Sieg klar vor Augen, als hasserfüllte Hooligans der Zwickauer das Spielfeld stürmten und wahllos auf Wismuts Spieler einschlugen. „Drei meiner Spieler mussten ins Krankenhaus“, erzählt Toppmöller, noch immer voller Entsetzen. Die Partie wurde nach dem Abbruch zwar mit 4:1 für sein Team gewertet, am letzten Spieltag aber kam es zum Fernduell der dezimierten „Veilchen“ mit Zwickau. Ein 4:1-Sieg gegen Weimar half nicht, da der FSV, der nach einem Urteil des Verbandes NOFV zur letzten Partie antreten durfte, gleich mit 9:0 gewann und dank des um einen Treffer besseren Torverhältnisses in die Aufstiegsrunde zur gesamtdeutschen 2. Bundesliga kam. „Kali Werra Tiefenort“, schießt es aus Toppmöller heraus, das werde er nie vergessen, so hieß der Zwickauer Gegner. Ihm kamen die Tränen, er wollte „mit Fußball nichts mehr zu tun haben. So eine Ungerechtigkeit.“ In Aue war für ihn im Sommer dann Schluss. Es blieb der Eindruck, eine „wunder-wunderschöne Zeit“ erlebt zu haben.

Uwe Rösler spielte einst für Dynamo Dresden und ging dann in den Westen, er war als Spieler erfolgreich und ist es auch als Trainer – seit Januar 2020 bei Fortuna Düsseldorf.
Uwe Rösler spielte einst für Dynamo Dresden und ging dann in den Westen, er war als Spieler erfolgreich und ist es auch als Trainer – seit Januar 2020 bei Fortuna Düsseldorf. © dpa/Marius Becker

Den Kummer des Abschieds hat auch Uwe Rösler miterleben müssen, besser: dürfen. Er stand in der Elf, die das letzte Länderspiel einer DDR-Nationalmannschaft bestritt. Ein Abgesang. Aber ein erfolgreicher. 2:0 gewann die DDR am 12. September 1990 in Brüssel gegen Belgien. Ihm war schon damals bewusst, dass es ein „historisches Spiel wird. Ich wusste, wenn du in dieser Partie spielst, dann wird das in die Annalen eingehen.“ Die letzten fünf Spiele der DDR von insgesamt 293, ja, die habe er auf dem Platz miterlebt. Das macht ihn stolz.

Stolz ist auch Toppmöller auf seine Ost-Episode, die er noch heute im Herzen trägt. Überraschendes fand er bei seinem Einstieg in Aue vor. Die „Jungs“, erinnert er sich an sein erstes Training bei Wismut, standen in Reih und Glied, wie beim Militär. Ich habe gefragt: ,Seid ihr verrückt?‘“ Sie bildeten dann „einen schönen Kreis“. Und langsam, merkte Toppmöller, wurden die lockerer und hatten viel mehr Spaß. Anfangs jedoch vermisste er das Selbstvertrauen, „die wirkten so gedrückt“.

DDR-Sieger zum Abschied:

Am 12. September 1990 trat die DDR-Nationalmannschaft zu ihrem letzten Länderspiel in Belgien an. Das Spiel gewann die DDR mit 2:0, Matthias Sammer traf doppelt.

  • ´´Wie auf dem „Sklavenmarkt“ kam sich der damalige Auswahl-Trainer Eduard Geyer vor. Spieleragenten aus dem Westen tummelten sich im Stadion. Ähnlich die Situation zuvor am 15. November 1989. Beim ersten DDR-Länderspiel nach der Maueröffnung, mitten im Wende-Chaos, fanden sich rund 100 Scouts auf der Tribüne des Wiener Praterstadions ein.
  • Leverkusenes Manager-Schwergewicht Reiner Calmund hatte in Wolfgang Karnath einen „Spion“ entsandt. Getarnt mit einem Fotoleibchen saß der tatsächlich auf der Bank des DDR-Teams, sprach Spieler an, organisierte Telefonnummern. So gelang es Calmund, Andreas Thom zu verpflichten – der erste Transfer eines Fußballers von Ost nach West.
1 / 3

Eine „unfassbare Fußballbegeisterung“ machte er vor allem in den Ost-Hochburgen Leipzig und Dresden aus. Noch heute pflegt er Kontakt zu „meinem Libero“ Volker Schmidt, der mit der dreimaligen Schwimm-Olympiasiegerin Ulrike Richter verheiratet ist. Die Sportförderung im Osten fasziniert auch ihn, den früheren Bundesliga-Trainer von Frankurt, Bochum, Leverkusen und HSV sowie Nationaltrainer Georgiens. „Die Kinder durften den Sport machen, den sie am besten konnten und wurden dann entsprechend gefördert.“

Seine eigene Förderung betrachtet Rösler inzwischen differenzierter. Im Osten, hat er festgestellt, „waren wir sehr geprägt vom Kollektiv, das funktionieren muss“. Ihm wurde beigebracht: Das Kollektiv macht die Stärke aus. „Im Osten wurde damals nicht so viel Wert gelegt auf Individualismus.“ Doch das System brachte auch Einzelkönner hervor, wie Matthias Sammer, Andreas Thom, Thomas Doll. „Das waren ja unheimliche Individualisten.“ Solche, die nach der Wende, wie Rösler sagt, „sofort ihre Spuren im Westen hinterlassen haben“.

Klaus Toppmöller (auf einem Foto aus dem Jahr 2004) war einst Stürmer wie Rösler und ging den umgekehrten Weg, er kam 1990 in den Osten, wurde Trainer in Aue.
Klaus Toppmöller (auf einem Foto aus dem Jahr 2004) war einst Stürmer wie Rösler und ging den umgekehrten Weg, er kam 1990 in den Osten, wurde Trainer in Aue. © dpa/Arne Dedert

Sein persönlicher Wendepunkt ließ auf sich warten. Er selbst blieb noch zwei Jahre in Dresden, spielte mit Dynamo im zweiten Jahr in der Bundesliga, hielt die Klasse und wagte erst dann den Sprung in den Westen. Er benötigte die Zeit zur Anpassung. „Ich brauchte ein bisschen, mich zu akklimatisieren. Bei mir hat es halt etwas gedauert.“ Sein Trainer damals bei Dynamo schlug sofort ein: Helmut Schulte, ein Westdeutscher.

Röslers Profi-Karriere führte über Manchester, wo er bei City zum Fanliebling aufstieg und später in die „Hall of Fame“ aufgenommen wurde, bis in die norwegische Heimat seiner Frau. Als er wegen einer Krebserkrankung seine Karriere beenden musste, suchte er als Trainer sein Glück. Und fand es zunächst in Norwegen, jetzt bei der Düsseldorfer Fortuna, wo er allerdings in den wenigen Monaten nach seiner Verpflichtung den Abstieg aus der Bundesliga nicht verhindern konnte. Profi in der Bundesliga, Profi in England, Trainer in der Bundesliga – durch die Wende habe er sich „alle Träume erfüllen können“. Nur ein Einsatz in der Nachwende-Nationalmannschaft blieb ihm verwehrt. Obschon er vom damaligen Trainer Berti Vogts zweimal zu Lehrgängen eingeladen worden war.

Bedauern über Verschwinden der meisten Ost-Vereine

In einem sind sich beide Trainer einig: Bedauerlich finden sie es, dass die meisten Ost-Vereine von der großen bundesdeutschen Bühne verschwunden sind. „Die BRD war Weltmeister geworden 1990, die Ausgangsposition war unglaublich schwierig für die ostdeutschen Vereine“, sagt Rösler. „Diese Vereine hätte man nicht sich selbst überlassen dürfen. Von heute auf morgen wurde ja ein komplett anderes System eingeführt.“ Den Klubs hätte man helfen müssen – nicht mit Geld, eher mit Knowhow, mit Fürsorge, mit Infrastruktur. Hilfe zur Selbsthilfe. „Diese Phase kann man nicht in zehn oder 20 Jahren wiedergutmachen.“ Dank gestiegener finanzieller Möglichkeiten durch Sponsorengelder werden „diese Klubs auf Dauer den Anschluss schaffen, wenn sie gute Arbeit leisten“, sagt Rösler. Gleichwohl: „Es hätte gar nicht dazu kommen dürfen, was in den vergangenen 30 Jahren mit vielen Klubs passiert ist.“

Findet auch Toppmöller.

Noch sind Klaus Toppmöller, dessen Sohn Dino inzwischen bei Champions-League-Teilnehmer RB Leipzig als Co-Trainer fungiert, und Uwe Rösler keine Skatbrüder – kann ja noch kommen. Verfolgt hat der Ex-Stürmer den Werdegang des anderen Ex-Stürmers aber immer. Rösler mache „einen unheimlich netten, intelligenten Eindruck“. Gefreut hat Toppmöller vor allem dessen Erfolg in England, und in Düsseldorf habe er ebenfalls gute Arbeit abgeliefert. Auch sein selbstbewusstes Auftreten imponiert ihm. Ostdeutsche und Selbstbewusstsein? Die Zeiten haben sich geändert. „Man sagt ja auch nicht mehr Ossi und Wessi“ betont Toppmöller. „Wir sind alle Deutsche.“

Und eines steht für ihn schon seit 30 Jahren fest. „Ich liebe die Ostdeutschen“. Willkommen, Herr Genosse!

Die Serie "Ossi-Wessi-Wossi" gestaltet sächsische.de, ganz im Einheitsgedanken, in Kooperation mit dem Bonner General-Anzeiger.

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Episoden.

Mehr zum Thema Politik