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Die aufgewühlte Stadt

Warum Autofahrer und Passanten in Görlitz den Eindruck haben, dass an jeder Ecke gebaut wird. Und sich trotzdem noch auf den nächsten Straßenbau freuen.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Sebastian Beutler

Görlitz. Dass doch noch einmal die 185 Meter lange Neißstraße fertiggestellt werden würde, hatte manch einer vielleicht schon generell in Zweifel gezogen. Nun ist es also an diesem Freitag so weit, gerade noch rechtzeitig, damit nicht auch das nächste Altstadtfest über die Baustelle Neißstraße fluten muss. Dass die Straße nun doch noch freigegeben werden kann, ist allein schon ein Erfolg. Zuletzt ist kaum ein Vorhaben mal pünktlich fertig geworden. Was wiegt die untere Jakobstraße gegenüber den Verzögerungen auf der oberen Jakobstraße, was der neue Kreisel am Busbahnhof Bahnhofstraße gegen die Verspätungen an der Rothenburger Straße. Im Gedächtnis der Menschen bleiben die Probleme viel stärker haften als die sicher ebenso vorhandenen positiven Nachrichten.

Vor allem aber nehmen die Görlitzer derzeit ihre Stadt als aufgewühlt wahr. An kaum einer Ecke wird nicht gebaut, hat der Autofahrer die eine Umleitung gerade hinter sich, steht er mit seinem Wagen auch schon vor der nächsten. Für Notfallwagen, Essens- oder Pflegedienste muss das Fahren durch die Stadt im Moment doch wie eine endlose Schnitzeljagd wirken – überall gibt es einen neuen Hinweis.

Viele Autofahrer suchen sowieso ihren Weg durch den Straßenbau-Dschungel. So wird zwar rechtzeitig an allen Straßen am Brautwiesenplatz angekündigt, dass die Krölstraße wegen der Leitungsbauarbeiten der Stadtwerke gesperrt ist, doch testen das in diesen Tagen unglaublich viele erst einmal selbst aus. Sie landen schließlich am Gesperrt-Schild kurz vor der Feuerwehr, können dann natürlich nicht gleich der offiziellen Umleitung über die Landeskronstraße folgen, sondern müssen erst einmal durch die Löbauer Straße preschen. Deren Anwohner fühlen sich gelegentlich wie am Lausitz-Ring, so rasant nehmen Laster, Autos, sogar Busse die kleine Anwohnerstraße.

Wie hier hat der Passant das Gefühl, dass kaum eine Straße derzeit nicht aufgerissen ist. Dafür aber ist das Tiefbauamt im Rathaus gar nicht zuständig, jedenfalls nicht direkt. Vielmehr ist dieser Eindruck auch Folge der Bemühungen von Telekomunternehmen, Görlitz mit schnellem Internet zu versorgen. Diese zig Kleinbaustellen sprießen wie Pilze aus dem Görlitzer Straßenboden.

All das ist zeitlich befristet, und dank der Sommerferien ist derzeit auch nur ein Bruchteil aller Autofahrer auf den Görlitzer Straßen unterwegs. Die Alternativen sind ja auch nicht wirklich prickelnd: Huckelpisten und lahmes Internet. Andererseits hätten in diesen Tagen viele Familien in der Oberlausitz Zeit, um auch mal zu einer Einkaufsfahrt nach Görlitz zu starten. Ferienzeit ist auch Einkaufszeit. Tatsächlich tun es aber ohnehin nicht viele, der Rest muss sich durchkämpfen. Ob das den Ruf der Stadt verbessert? Und Besserung ist ja nicht in Sicht. An den turbulenten Straßenbau-Herbst mit Baustellen auf der Nieskyer Straße, der Rauschwalder Straße und der Girbigsdorfer Straße wollen wir erst gar nicht denken. Auch nicht daran, dass die Rothenburger Straße den Termin im Oktober reißen könnte. Ohnehin darf im täglichen Verkehr nicht mehr viel passieren. Schon gleich gar nicht ein Unfall wie Freitag vergangener Woche, als sich drei Autos an der Krankenhauskreuzung ineinanderschoben. Die Folge: Die nachfolgenden Fahrzeuge stauten sich über die Zeppelin- und Lüdersstraße bis zur neuen Polizeidirektion.

Einen Schuldigen für diese Situation zu suchen, ist problematisch. Alle tragen ein bisschen Schuld daran und auch wieder nicht. Die Kommunen haben in diesen Zeiten endlich mal wieder etwas mehr Geld, um ihr Straßensystem auf Vordermann zu bringen. Der Investitionsstau ist enorm, daher versucht jeder, möglichst alle Gelder zu verwenden. Deswegen mehren sich die Baustellen. Schon im Frühjahr erklärte der Baudezernent des Kreises, Werner Genau, selbst wenn mehr Geld zur Verfügung stünde, er könne gar nicht mehr bauen, weil die Umleitungsstrecken langsam ausgingen.

Zugleich sieht man immer wieder dieselben Firmen auf den Baustellen. Teilweise sind sie an drei, vier Orten in einer Stadt zu finden. Es gibt einfach zu wenige auf dem Markt. Da kann es schon mal passieren, dass die eine Baustelle nicht sofort mit voller Stärke in Angriff genommen werden kann, weil die andere noch zu Ende geführt werden muss. Und schließlich hemmt auch der Bauablauf den Durchgangsverkehr. Sowohl am Postplatz als auch am Demianiplatz wurden als Erstes wichtige Kreuzungspunkte lahmgelegt, weitere Umleitungen und Sackgassen sind die Folge. Ganz nebenbei nähren die Straßenbauämter durch Unterlassung die Hoffnung auf manche Baustellen. An der Krankenhauskreuzung gähnen winterliche Schlaglöcher besonders tief. Jede Fahrt über die tiefen Senken ist ein Glücksspiel für die Stoßdämpfer. Da freut man sich richtig, wenn die Straße eine neue Decke hat. Irgendwann vorm nächsten Winter.