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Die Deckhaar-Detektivin

Gabriele Wöltje beurteilt als Sachverständige, ob Friseure sich verfranst haben. Manchmal entlarvt sie aber auch lügende Kunden.

© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Meißen. Es ist der wahrscheinlich kritischste Moment eines jeden Frisörbesuchs: Die Haare sind trocken und gestylt, der Schutzumhang wird abgenommen und ein kleiner Spiegel zeigt, wie die Frisur von hinten aussieht. Ist es tatsächlich so geworden, wie der Kunde sich den neuen Schnitt oder die Farbe vorgestellt hat? Wenn ja, gehen Frisör und Kundschaft zufrieden auseinander, wenn nicht, können sie sich schon einmal vor Gericht wiedersehen.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Dort treffen sie dann möglicherweise auch auf Gabriele Wöltje. Die Wahl-Meißnerin ist eine von insgesamt 117 Sachverständigen der Handwerkskammer Dresden. Erst Ende März wurde sie vereidigt, aber schon seit 2007 war sie Sachverständige bei der Handwerkskammer Aachen.

Sie ist diejenige, die zurate gezogen wird, wenn die Fronten zwischen Frisör und Kunde verhärtet sind, wenn Aussage gegen Aussage steht. Aber wie beurteilt man überhaupt etwas so Subjektives wie das eigene Schönheitsempfinden?

Mit schnellem Schritt geht Wöltje über den Flur im Meißner Berufsschulzentrum. Vorbei an den Collagen, die angehende Frisöre für die Wände gebastelt haben, vorbei auch an den unzähligen, ausdruckslos geradeaus schauenden Frisierköpfen auf einem hohen Regal. Am Ende des Gangs befindet sich ein Praxisraum, der aussieht wie ein Salon, in dem zwei Dutzend Frisöre gleichzeitig arbeiten könnten: Von den Decken hängen Trockenhauben, an einem Ende des Zimmers reihen sich Waschbecken vor großen Spiegeln aneinander, daneben liegen etliche Handtücher gefaltet bereit. Halbfrisierte Frauen- und Männerköpfe auch hier. Nur Schneiden ist tabu, erklärt Gabriele Wöltje. Denn dann wären die Übungsköpfe, die mehr als 100 Euro kosten können, ruiniert.

Erst seit Februar unterrichtet die 44-Jährige hier. Montags, mittwochs und freitags ist sie an der Berufsschule, dienstags und donnerstags unregelmäßig als Dozentin bei der Handwerkskammer in Dresden. Und das neben der Arbeit als Sachverständige. Wer bisher geglaubt hat, dass Frisöre den ganzen Tag in einem Salon stehen und die Schere schwingen, der muss sein Bild dieses Berufs überdenken, wenn er auf Gabriele Wöltje trifft. „Wo soll ich anfangen?“, fragt sie gut gelaunt, nachdem sie auf einem der Drehstühle Platz genommen hat. Von ganz vorne.

Zwischen Bremen und Hamburg macht Gabriele Wöltje, die aus Bassum bei Bremen stammt, ihre Ausbildung zur Frisörin. Nach drei Jahren Gesellenzeit setzt sie ihren Meister obendrauf. Für die Schwarzkopf-Akademie in Hamburg arbeitet sie als freie Trainerin. 1998 zieht sie nach Reutlingen und arbeitet dort für ein Franchise-Unternehmen. Rund 90 Azubis bildet sie damals pro Jahr aus. Sie steht auf Bühnen und erzählt Frisören, was die Trends für Frühjahr/Sommer oder Herbst/Winter sind. Manchmal arbeitet sie 80 Stunden pro Woche.

2004 zieht sie nach Aachen. „Der Liebe wegen“, sagt Wöltje. Mit ihrem Mann, der aus Magdeburg kommt, hat sie da schon sieben Jahre lang eine Fernbeziehung geführt. Nun können sie in Aachen zusammenleben. „Aber ich konnte nicht mehr als Befehlsempfänger arbeiten“, sagt Wöltje, „dafür kannte ich die Abläufe zu gut“. Also macht sie ihren Betriebswirt des Handwerks. Auf einmal hat sie schon nachmittags um drei frei, statt bis nachts zu arbeiten. „Also habe ich viel gelernt, denn ich kannte dort ja noch niemanden und hatte keine Freunde.“

Sie besteht mit Auszeichnung und erhält sogar ein Preisgeld. So wird die Handwerkskammer auf sie aufmerksam und engagiert sie als freiberufliche Dozentin. Daneben pachtet Wöltje einen Stuhl in einem Salon, später zwei. „Denn für mich war klar: Wenn ich mich selbstständig mache, dann nur im großen Stil.“ Aber sie will auch Kinder und entscheidet sich so gegen den großen Salon. Sie wird schwanger mit ihrer ersten Tochter und sucht trotzdem schon die nächste Herausforderung. Die einzige Steigerung, die ihr noch bleibt: das Sachverständigenwesen bei der Handwerkskammer.

Hochschwanger besucht sie die Seminare und legt die vielen Prüfungen ab – mit Fragen wie: Was sind Doppelschwefelbrücken? Diese spielen bei Dauerwellen eine Rolle. 2007 wird Wöltje als Sachverständige vereidigt. Sie arbeitet nun im Salon, als freiberufliche Dozentin und als Sachverständige. Dann kommt ihre zweite Tochter auf die Welt. Sie gibt die Stühle im Salon ab und wird bei der Handwerkskammer fest angestellt. „Dann war irgendwann alles Routine, alles schön.“ Aber noch einmal muss Gabriele Wöltje alle Zelte abbrechen.

Im August 2016 zieht sie nach Meißen, wieder der Liebe wegen. Ihr Mann hat eine Arbeit in Dresden gefunden, die Stadt ist den beiden jedoch zu teuer und so fällt die Wahl auf Meißen. Die Handwerkskammer in Dresden nimmt Gabriele Wöltje in den Pool der Sachverständigen auf und so sitzt sie nun regelmäßig beim Amtsgericht Dresden, das sie für Gutachten kontaktiert.

„Mein erstes Ziel ist immer, erst einmal zu schlichten“, erklärt Wöltje ihre Arbeit. Sie spricht mit der wütenden Kundin, dann mit dem Salon. Vieles lässt sich schon am Telefon klären, dann bekommt die Kundin vielleicht die Hälfte des gezahlten Geldes zurück oder so lange den Haarschnitt umsonst, bis das zu kurz geschnittene Haar nachgewachsen ist. „Bei manchen Kunden geht es ja nur um vier Zentimeter.“

Bei anderen geht es jedoch um ganz viel. Wenn zum Beispiel die Perücke einer Krebspatientin ruiniert wurde. Dann muss Wöltje nachforschen: Wie wurde die Perücke behandelt, mit welchem Shampoo, welcher Farbe? „Da geht es ja auch um viel Geld.“ Manchmal geht das Ganze auch zugunsten des Frisörs aus: wenn der Kunde zum Beispiel das falsche Shampoo für die Perücke benutzt hat.

Besonders viel geht schief, wenn es chemisch wird, beim Färben oder Blondieren zum Beispiel. Aber auch da kann der Kunde selbst schuld sein, wenn er zum Beispiel kurz danach in den Urlaub fährt und die Haare ständig Chlor- und Salzwasser aussetzt. Bis auf zwei Fälle habe sie das immer erkennen können, sagt Gabriele Wöltje. „Und da stellte es sich später vor Gericht heraus.“

Die Sachverständige verlässt sich aber nicht auf ihre Augen allein. Haarmessgeräte können die Stärke, den Querschnitt, die Reißfestigkeit und Dehnbarkeit von Haaren messen, Labore ermitteln, ob es sich um Echt- oder Kunsthaarperücken handelt.

In den schlimmsten Fällen sind sogar hautärztliche Gutachten nötig. Dann nämlich, wenn mit chemischen Stoffen besonders fahrlässig umgegangen wurde. In Aachen hatte Wöltje einmal den Fall einer Frau, bei der vier oder fünf chemische Vorgänge nacheinander an den Haaren vorgenommen wurden. „Sie hatte Zwei-Euro-Stück große kahle Stellen, an denen nie wieder ein Haar wachsen wird.“

Nicht jeder Fall ist so drastisch, aber „ein Anlass ist eigentlich immer da“. Und wer beschwert sich häufiger, Frauen oder Männer? Gabriele Wöltje überlegt kurz, dann stellt sie verblüfft fest: „Ich hatte tatsächlich noch nie einen Mann.“ Vielleicht, weil die Herren sich die Haare viel seltener färben oder gar dauerwellen lassen.

Anders als man vermuten könnte, empfiehlt Wöltje übrigens, den Frisör ruhig mal machen zu lassen, anstatt zu starre Vorgaben zu geben. „Frisöre sind ja auch Künstler“, sagt sie und lächelt. Obwohl sie als Sachverständige regelmäßig sieht, was schiefgehen kann, lässt sie sich selbst noch gerne die Haare schneiden. Gerade hat sie einen Salon in Meißen entdeckt, zu dem sie nun regelmäßig gehen will.