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Die Engelhascher von Pockau

Sekte. Wie eine kleineReligionsgemeinschaftim Erzgebirge allenModen trotzt – undvielen Gerüchten.

Von Annegret Schneider

Er wirkt immer noch wie ein Fremdkörper. Wie etwas, was nicht hineingehört ins verwunschene Erzgebirgstal. Auf der einen Seite erstreckt sich lang die Ortschaft Pockau, oben auf dem Berg thront das Kalkwerk Lengefeld. Dazwischen der Tempel, klobig und wehrhaft. Eine Trutzburg mit Flachdach. Fast 100 Jahre steht der Klotz schon so. Unverändert, nur die Natur ringsum verdeckt mehr und mehr den Blick. Die vielen Blicke. Die Blicke, die keiner so recht will im Viertel um den Tempel. Knapp 20 Häuser stehen hier, ein Sägewerk, ein Landmaschinenhandel. Dazwischen eine Schneise, die Bundesstraße 101, die von Freiberg nach Annaberg führt. Hier wohnen die „Lorenzianer“. Sie selbst nennen sich Gemeinschaft in Christo Jesu, missionieren nicht, werben für nichts, warten einfach. Darauf, dass sie entrückt werden vom Dach ihres Tempels aus an den Nordpol, von dort ins Paradies, um ihren Lohn zu empfangen für ein gottgefälliges Leben.

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Zu Zeiten, da berühmte Schauspieler wie Tom Cruise ohne Scheu Werbung für berüchtigte Sekten machen, hält in Pockau ein Zaun Touristen auf Abstand. Wer einen der Beschäftigten heranwinkt und nach einer Besichtigung fragt, bekommt freundlich Auskunft, dass das Gebäude eine innerbetriebliche Angelegenheit sei. Geschlossen für Fremde, 18 Meter hoch, „ein Mix aus verschiedenen Baustilen“. Dem Tempel in Jerusalem soll es nachempfunden sein, aber wer weiß das schon noch so genau. Was im Tempel ist, gilt ohnehin als wichtiger: Ein Altar mit einem Jesus-Bild, rechts und links aufwendige Schnitzereien, die das biblische Gleichnis von den törichten und den klugen Jungfrauen darstellen. Gegenüber, an der Empore, ein Porträt von Hermann Lorenz, der für die einen obskurer Sektengründer, für die anderen göttlicher Vollendungsbote ist. In der Etage über dem Kirchenschiff sind Schlafräume für Gäste. Wer sich mit den „Lorenzianern“ befasst, erfährt das alles – von der Gemeinde selbst oder aus theologischen Fachbüchern.

Beflügelte Fantasie

Und er erfährt noch mehr. Zum Beispiel die Sache mit dem Engelhaschen. Die ist auch schuld daran, dass die „Lorenzianer“ vorsichtig geworden sind. Im gesamten Erzgebirge kursieren Geschichten von jungen Mädchen, die mit langen Gewändern und wehendem Haar um den Tempel in Pockau huschen. Das beflügelte offenbar die Fantasie an langen Winterabenden, Gerüchte von sexuellen Ausschweifungen machten die Runde. „Einige Leute haben in der Vergangenheit bewusst versucht, uns zu schaden“, sagt Toralf Knietzsch, Verwaltungsangestellter im Tempel. „Das ist alles Quatsch mit dem Engelhaschen, das entspricht nicht der Lehre“, sagt auch Matthias Börner (Name geändert), der vor einigen Jahren aus der Gemeinschaft ausgetreten ist. Seine Erklärung: Da sonntags zum Gottesdienst ein Spiel, eine Art biblisches Theaterstück, aufgeführt werde, verkleideten sich gelegentlich junge Mädchen als Engel. Auf dem Weg vom Umkleideraum in den Tempel seien sie in diesem Aufzug von Bus- oder Autofahrern beobachtet worden.

Die Menschen in der Gegend um Pockau haben sich an ihre Sekte gewöhnt, die neben „Hirt und Herde“ in Meerane (2 000 Mitglieder) die einzige typisch sächsische ist: Das Verhältnis ist distanziert, aber freundlich. Misstrauen hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Die „Lorenzianer“ sind ehrbare Geschäftsleute, geschätzte Nachbarn, angenehme Schulkameraden. Ihre Eigenheiten fallen kaum noch auf. Vorbei die Zeit, als verheiratete Frauen grundsätzlich schwarze Strümpfe, lange Röcke und die Haare zum Dutt trugen. Doch die konservative Grundhaltung der Gemeinschaft ist geblieben: Die „Lori-Mäd“, wie man sie im Erzgebirge nennt, kleiden sich unauffällig. Fast alle haben lange Haare, die Röcke sind zwar aus Jeansstoff, aber immer noch eher lang als kurz. An Klassenfahrten nehmen „Lorenzianer“-Kinder nur im Ausnahmefall teil, Fernsehen und Radio sind verpönt. Nahezu unverändert geblieben sind die dreistündigen Gottesdienste am Sonntag: Männer und Frauen sitzen getrennt, die einen in dunklen Anzügen, die anderen mit schwarzen Strümpfen, langen Röcken, die Haare zum Dutt. Wer kurze Haare hat, steckt ein Haarteil an. Alle lauschen dem „Spiel“, was eine der Ortsgruppen extra geschrieben hat, die Fahne wird zum Altar getragen, Träger und Fahnenkompanie stecken in weißen und blauen Uniformen. „Wächter“ lesen aus der Bibel und Pergamenten, den überlieferten Predigten von Hermann Lorenz. Am Eingang zum Tempel werden die Mitgliedsausweise kontrolliert. Nicht-Mitglieder, so glauben die „Lorenzianer“ inzwischen, entweihen das Zentralheiligtum.

Ein besonderes Wohnviertel

Annette Weißflog war trotzdem schon mal drin, längst nachdem Ende der sechziger Jahre die Führungen abgeschafft waren. „Ich habe geholfen, einen Schrank hochzutragen“, sagt die resolute 66-Jährige. „Sieht halt aus wie eine Kirche.“ Sie und ihr Mann leben in einem besonderen Haus in diesem besonderen Wohnviertel in Pockau: Dem einzigen, in dem es nicht nur „Lorenzianer“ gibt. Sondern auch Neuapostolische und Evangelische, wie sie selbst.

Wenn sie sonntags zum Gottesdienst wollen, haben sie zu tun, dass sie rauskommen mit dem Auto. Denn der Parkplatz, der an normalen Tagen völlig überdimensioniert wirkt für die paar Häuser, füllt sich ab fünf Uhr morgens. „Lorenzianer“ aus ganz Sachsen kommen zum „Tempel“, der 1 000 Leuten Platz zum Sitzen bietet. Die Weißflogs leben gern im Lorenzianer-Viertel, sie haben sich an die Leute gewöhnt – und umgekehrt. Als sie 1963 hier einzogen, waren sie unerwünscht. Die „Lorenzianer“ hatten versucht, den Bau des fremden Hauses zu verhindern. Doch für Angestellte des neuen Umspannwerks brauchte man Wohnungen in unmittelbarer Nähe – die Behörden setzten sich durch. Als später die Hochspannungsleitung direkt über ihre Köpfe gezogen werden sollte, waren aus Weißflogs und den „Lorenzianern“ längst gute Nachbarn geworden. Alle machten Eingaben, die Leitung läuft seither im Zickzack hoch oben an Häusern und Tempel vorbei.

Seit sie hier wohnt, hat Annette Weißflog auch besorgte Anfragen bekommen. Ob sie sich nicht fürchtet bei den „Lorenzianern“ und ihrem Tempel. Vor allem in den „Innernächten“ nach Weihnachten, wenn die Toten aus ihren Gräbern steigen. „Das ist erzgebirgischer Aberglauben, der irgendwie mit den „Lorenzianern“ in Verbindung gebracht wird“, sagt sie. Annette Weißflog kümmert sich nicht mehr um das Gerede der Leute. „Das Heimliche ist es, was die Lorenzianer erst interessant macht.“

Doch bloß, um ein paar Gerüchte aus der Welt zu schaffen, ist eine Öffnung der Gemeinschaft nicht in Sicht. Im Gegenteil. Gelten die Lorenzianer bislang als religiöse Sondergemeinschaft (also als Sekte) innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche, nimmt die Zahl der Doppelmitgliedschaften ab. Nicht etwa die Kirche trennt sich von ihren lorenzianischen Schäfchen, sondern umgekehrt. „Viele unserer Leute tragen die Entwicklungen in der Kirche nicht mehr mit und treten aus“, sagt Toralf Knietzsch. Zu weltlich sei vieles geworden, zu weit entfernt von den Grundlagen. „Die Lorenzianer haben den theologischen Stand des 19. Jahrhunderts“, hält der Sektenbeauftragte Harald Lamprecht dagegen. In den vergangenen 15 Jahren gab es eine Grundsatzerklärung der Kirche, Gespräche, Briefe der Ortspfarrer an ihre lorenzianischen Gemeindeglieder. Noch werden viele kirchlich getauft, konfirmiert, getraut, beerdigt. Zum Bruch wird es nicht kommen, doch die Trennung ist im Gange.

Die Trennung von den „Lorenzianern“ war für den 64-jährigen Matthias Börner ein langer Prozess. Seine Frau und die Kinder waren fest in die Gemeinschaft integriert, er selbst hatte es weit gebracht in der Hierarchie. „Mich begeisterte der Zusammenhalt in der Gruppe, die Lorenzianer waren wie meine Familie.“ Eine Familie, mit der er zunehmend Probleme hatte. Nicht wegen der strengen Regeln. Matthias Börner hatte Probleme mit der Lehre. Damit, dass statt Bibelversen Pergamente ausgelegt wurden.

Ausgetreten trotz Drohung

„Die Gnade Gottes muss man sich als Lorenzianer erarbeiten – in der Bibel steht, dass die Gnade ein Geschenk ist.“ Obwohl seine Frau mit Scheidung drohte, schrieb er schließlich seine Austrittserklärung. Frau und Kinder traten es ihm später gleich. Heute, sagt er, hat er immer noch Kontakt zu „Lorenzianern“. Keinen engen, aber man grüßt sich freundlich. Den Fluchtrucksack, den jeder „Lorenzianer“ für den Fall der Entrückung stets griffbereit hat, hat Börner ausgepackt. Nur ein Sack Zucker ist aus der „Lorenzianer“-Zeit geblieben. Der stammt aus den Vorräten, die er mit seinen ehemaligen Brüdern und Schwestern an den Sammelpunkten anlegte. Für die Verpflegung während der Apokalypse. Der Sack ist fast aufgebraucht.