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Die gedopte Kuh

Vier von fünf Milchkühen in Sachsen kommen nie aus dem Stall. Und auch bei der Bio-Kuh ist nicht alles in Butter. Ein Vergleich.

© Nicolas Armer/dpa

Wie Schweine und Hähnchen in Mastanlagen leben, wissen die meisten - nicht aber, wie Milchkühe gehalten werden. Geht's um die Milch, dominieren in unseren Köpfen die Bilder von friedlich grasenden Kühen, bei Bio sowieso. Hier haben Werbeprofis ganze Arbeit geleistet.

Denn die Realität sieht etwas anders aus. Sie sei häufig alles andere als tiergerecht, kritisieren Tier-, Umwelt- und Verbraucherschützer nahezu unisono. Dass Milchkühe heute zu Hochleistungen gedopt sowie viel zu früh verheizt werden, sei nicht nur unmoralisch, sondern teuer und ineffizient. Das finden auch etliche Milchbauern. "Durch die Intensivierung stehen die Kühe unter immensem Leistungsdruck", sagt Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM). "Funktioniert die Kuh nicht, kommt sie sofort weg." Der BDM, Gegenstimme zum Deutschen Bauernverband, vertritt jeden dritten Milchbauer im Land.

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Ein weiteres Problem: Anders als bei Schweinen oder Geflügel gibt es für die konventionelle Kuhhaltung keine rechtlichen Vorgaben. "Jeder Landwirt kann machen, was er will", kritisiert Katharina Tölle von der Welttierschutzgesellschaft. Sie fordert eine Haltungsverordnung speziell für Milchkühe. "Immer mehr Tiere in immer größeren Ställen" sei nicht tiergerecht, sagt Katrin Wenz vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Auch sie fordert "dringend eine verbindliche Regelung" wie bei der Bio-Haltung: In der Öko-Landwirtschaft sind Auslauf, Platz oder Futter geregelt. Inzwischen findet sich auf jeder zehnten Milchpackung im Supermarkt das EU-Biosiegel oder ein Zeichen der Öko-Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter oder Gäa. Aber stammt diese Milch tatsächlich von glücklicheren Kühen?

Die Höfe Etwa 830 Milchvieh-Betriebe gibt es in Sachsen. Sie halten nach Angaben des Sächsischen Landesbauernverbands (SLB) etwa 181 000 Milchkühe - manche nur ein Tier, andere bis zu 1 500. 1999 gab es noch 1 800 Betriebe mit 227 000 Milchkühen.

Besonders gefährdet sind derzeit die Familienbetriebe, die zwischen 200 und 300 Kühe halten - "zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben", sagt Nikola Burgeff vom Öko-Hof Mahlitzsch. 38 Milchvieh-Betriebe arbeiten im Freistaat nach Öko-Standards - 3,7 Prozent. Bundesweit sind es rund sechs Prozent. Damit stehen in Sachsen nur etwa zwei Prozent der Milchkühe in Ställen oder auf Weiden eines Bio-Betriebs.

Die Milchleistung Die Sachsen holen besonders viel Milch aus ihren Kühen: 2017 gab jede Milchkuh im Freistaat - also Bio und Nicht-Bio - im Schnitt 9 500 Kilo Milch pro Jahr, etwa 26 Liter pro Tag. Diese Menge passt in 66 Badewannen und hat sich seit 1991 verdoppelt. Zum Vergleich: Alle Milchkühe in Deutschland zusammen haben mit im Schnitt 8 541 Kilo Milch pro Tier rund tausend Kilogramm weniger geliefert.

Damit kamen in Sachsen 2017 fast 1,75 Millionen Tonnen Milch zusammen - fünf Prozent der bundesweit erzeugten Milch. Im Osten Deutschlands ist der Freistaat der größte Milchlieferant, bundesweit landet er auf Platz sechs. Ganz vorne liegt Bayern.

Einzelne Turbokühe im konventionellen Stall schaffen sogar 15 000 Liter Milch pro Jahr - oder 50 Liter am Tag. Bio-Kühe hingegen liefern im Schnitt 6 000 Liter. Das entspricht 2,5 Prozent der hierzulande erzeugten Milch. "Bio-Kühe werden zwar nicht auf Milchleistung getrimmt, aber auch Öko-Betriebe müssen wirtschaftlich arbeiten", sagt Gerald Wehde vom Anbauverband Bioland. Dem Vorwurf von Tierschützern, Tiere in konventionellen Betrieben litten unter einer hohen Milchleistung, widerspricht Jörg Fleischer von der Agrargenossenschaft Niederseidewitz: "Einer Kuh, die 9 000 Liter gibt, kann es gar nicht schlecht gehen - sonst würde sie gar nicht diese Leistung bringen."

Die Sonne und die Luft Vier von fünf Milchkühen in Sachsen stehen nur im Stall - wenngleich "zunehmend in großen, offenen licht- und luftdurchfluteten Laufställen mit teilweise Auslauf-Angebot", wo sich die Kuh frei bewegen und zu den Futtertrögen und Melkanlagen gehen kann, so das Sächsische Landwirtschaftsministerium. 15 Prozent seien "zumindest zeitweise auf der Weide", auch Anbindehaltung sei kein Thema. Bundesweit steht laut BDM noch jede vierte Kuh - teils ganzjährig, teils nur im Winter - angebunden an einer Stelle, vor allem in kleinen Höfen. Bei Bio ist ein ganzjähriger Auslauf im Freien Pflicht: entweder auf der Weide oder im Laufhof direkt am Stall.

Der Platz Mehrere Stunden am Tag verbringt eine Kuh liegend und hat mit Wiederkäuen zu tun. Doch der Raum hierfür ist in der normalen Haltung nicht geregelt. Es gibt aber Empfehlungen: Wer einen neuen Stall baut, muss laut Landwirtschaftsministerium mindestens 6,5 Quadratmeter Platz pro Kuh einplanen. Die EU-Öko-Verordnung verlangt pro Kuh 6 Quadratmeter Stall plus 4,5 Quadratmeter Freilandraum. Einstreu ist Pflicht, das schont die Gelenke der Kuh. Auch der Spaltenanteil im Boden, durch den Gülle und Kot fallen, ist begrenzt.

Das Futter In vielen Laufställen stehen die Futtertische in der Mitte. Dorthin trotten die Tiere Tag und Nacht, um zu fressen, etwa 45 Kilogramm täglich. Im konventionellen Betrieb landet ein Mix aus Kraftfutter wie Mais und Raps sowie Gras- und Maissilage, also ein haltbargemachtes Gärfutter, im Trog. Das Kraftfutter ist die Stellschraube, an der jeder Landwirt selbst drehen kann; sein Anteil variiert je nach gewünschter Milchleistung. Eine Kuh, die nur Gras frisst, würde keine 50 Liter Milch erzeugen.

Wie Bio-Höfe achten auch immer mehr konventionelle Betriebe darauf, dass die Tiere im Sommer viel Gras und Raufutter erhalten. Die meisten verzichten - auf Drängen der Molkereien - auf gentechnisch verändertes Import-Soja-Kraftfutter. Gentechnik im Trog ist bei Bio tabu. Auf dem Ökohof bekommen die Tiere nur Bio-Kost. Im Winter sind neben Heu auch Gras- und Maissilage sowie Kraftfutter aus Bio-Getreide erlaubt, aber Grünfutter wie Gras, Klee und Luzerne muss überwiegen. Die Zahl der Tiere ist beim Bio-Betrieb an die Fläche gebunden: Er darf nur so viele Tiere halten, wie der Boden ernähren kann.

Die Melktechnik Zwei- oder dreimal wird die Kuh am Tag gemolken. Doch heute kriecht kaum noch ein Milchbauer mit Melkgeschirr unter die Kuh. Meist trottet das Tier selbst zum Melkzentrum. Im modernen Kuhstall funktioniert vieles auf Knopfdruck - voll automatisierte Melkstände oder Melkkarussells entlasten Landwirt und Tiere gleichermaßen, so der Landesbauernverband. Das gilt auch für den Öko-Stall. High-Tech-Melkroboter finden die Zitzen der Kuh per Sensor, schalten sich bei niedrigem Milchfluss ab oder sprühen die Zitzen am Ende noch mit einem Pflegemittel ein. Das schont die Euter.

Das Kälbchen Ist die Kuh 15 Monate alt, kann sie erstmals trächtig werden. Das muss sie aus Sicht der Milchbauern auch. Denn Milch fließt nur, wenn ein Kälbchen geboren wurde. Neuneinhalb Monate trägt die Kuh ihr Kalb aus. Doch gleich nach der Geburt werden beide getrennt. Nur auf manchen Bio-Höfen bleibt das Kälbchen länger bei der Mutter. "Würde das Kälbchen bei der Mutter saugen, kann dies Krankheiten wie Euterentzündungen fördern", begründet Juliane Bergmann vom Sächsischen Landesbauernverband die Trennung. Oder anders ausgedrückt: Es würde den Betrieb aufhalten. Die Milch soll schließlich verkauft werden.

Sowohl im Bio- als auch im konventionellen Milchstall bekommt das Kälbchen die ersten drei bis sieben Tage Biestmilch zu trinken. Diese Erstmilch der Mutter darf nicht an Molkereien verkauft werden. Danach werden Kälbchen unterschiedlich aufgezogen, bis ihr Pansen Pflanzen verdauen kann. In konventionellen Betrieben bekommen sie zwei, drei Monate lang Milchaustauscher. Auf dem Bio-Hof trinken sie zwar frische Milch, aber nicht zwingend von der Mutter. Auf dem Öko-Hof Mahlitzsch etwa nuckeln die Kälbchen drei Monate an einer Ammenkuh. 

Die Lebenszeit Eine Kuh kann 15 bis 20 Jahre alt werden und mehr als zehn Kälber bekommen. Doch die meisten Tiere sterben jung. Hochleistungskühe gebären zwei oder drei Kälber, sind dann unrentabel und landen mit vier oder fünf Jahren in der Mast oder auf dem Schlachthof. Auch in Öko-Betrieben werden die Tiere früh ausgemustert. "Sie werden im Schnitt ein Jahr älter", räumt Bioland-Sprecher Wehde ein. Ausnahmen gibt es: Im Pfarrgut Taubenheim und Hof Mahlitzsch kalben die Tiere im Schnitt fünf bis sechs Mal. Erst nach sieben bis neun Jahren werden sie geschlachtet - teils auf dem Hof, teils im Vorwerk Podemus.

Bio-Haltung 

"Unsere 65 Kühe geben im Schnitt 6 500 Liter Milch im Jahr, mal mehr, mal weniger. Sie können das ganze Jahr über ins Freie, der Auslauf ist direkt beim Stall. Zu fressen geben wir ihnen vor allem Kleegrassilage und Heu sowie Getreide als Kraftfutter von unseren eigenen Flächen, das ist auch günstiger als zugekauftes Bio-Futter. Im Sommer grasen die Kühe auf der Weide. Bei der derzeitigen Trockenheit finden sie aber kaum noch Gras. Gemolken wird zweimal täglich in einem Melkstand . Die Technik nimmt uns etwas von der schweren Arbeit ab." Sophia Sucholas, Öko-Betrieb Pfarrgut Taubenheim 

Konventionelle Haltung 

"9 000 Liter Milch liefern unsere Tiere im Schnitt pro Jahr. Ich weiß, Hochleistungskühe schaffen auch mehr. Das ist aber gar nicht unser Ziel. Uns ist es wichtiger, dass die Kuh gesund ist. Eine hohe Milchleistung kostet ja auch viel Geld. Ich muss die Energie erst mal über Futtermittel ins Tier stecken. Unsere Jungrinder grasen von Frühjahr bis Herbst auf den Weiden. Ich bin dagegen, den Landwirten alles vorzuschreiben. Aber ein paar klare Mindestkriterien, wie Milchkühe gehalten werden sollen, wären schon sinnvoll." Jörg Fleischer, Agrargenossenschaft Niederseidewitz