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Die gnadenlose Weißeritz

Das Hochwasser von 2002 hinterließ in Freital nie dagewesene Schäden. Doch auch die Flut 1881 endete tragisch.

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© Montage: Siegfried Huth

Von Heinz Fiedler

Freital. Kein Mensch kennt die genaue Hochwasserhistorie der Weißeritzen. Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Flüsse unserer Heimat ziemlich regelmäßig in Ströme des Unheils verwandelten. Eine Ewigkeit von keinen Talsperren reguliert, überfluteten entfesselte Wassermassen die meist unbefestigten Ufer und drangen über Felder und Fluren bis in die Zentren der Dörfer und Ortschaften vor. Den Leuten stand das Wasser dann buchstäblich bis an den Hals.

Die früheste überlieferte Hochwasserkunde stammt aus dem Jahr 1750. Es wird berichtet, dass die Weißeritz zwischen Potschappel und Plauen das Aussehen eines riesigen aufgewühlten Sees hatte. Hunderte Menschen verloren ihr Hab und Gut. Die nachfolgende Überschwemmung von 1771 forderte zehn Todesopfer.

Dauerregen vom 12. bis 14. Juni 1804 in Sachsen und weit darüber hinaus machte aus harmlosen Bächen und Flüssen reißende Ströme. Die Weißeritz tobt eine Woche lang, verwüstet Häuser und Mühlen. Die Brückenpfeiler nahe der Deubener Mühle versinken wie Spielzeug in den Fluten. An der Glashütte (später Siemens) fetzt die Weißeritz elf Ellen Land vom steilen Ufer ab. Wie ein Sturzbach ergießt sich das Wasser in das Magazin des Unternehmens. Das Lager des Eisenhammers wird total zertrümmert. Kurz darauf setzt erneut Hochwasser ein und fügt der im Bau befindlichen Albertsbahn im Plauenschen Grund schwere Schäden zu.

Schloitzbach wie toll

Das Inferno vom letzten Mai-Sonnabend 1881 wird mit bulliger Hitze eingeleitet. Schon in den frühen Morgenstunden steigt die Quecksilbersäule auf mehr als 30 Grad Celsius. Kein Mensch ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass ein Wetterumschwung unmittelbar bevorsteht. Noch ehe die Sonne die Mittagslinie erreicht, türmen sich am Horizont pechschwarze Wolkenfelder, die sich in Windeseile ausbreiten. Donner dröhnen, ein Gewitter der schlimmsten Art bleibt über dem Weißeritztal hängen. – Und dann öffnet der Himmel seine Schleusen. Regen ohne Ende. Über Höckendorf und Ruppendorf entladen sich Wolkenbrüche. Die sonst so sanfte Wiederitz sprengt innerhalb weniger Augenblicke ihr schmales Bett neben der Schienentrasse der Kleinbahn Potschappel–Nossen. Der Bahnverkehr kommt zum Erliegen. In Tharandt gebärdet sich der Schloitzbach wie toll, reißt Wohnhäuser und die Brücke am Deutschen Haus mit sich fort. Von der Schönheit des Albertsalons bleibt nichts übrig. Hundert Pioniere aus Dresden werden via Forststadt in Marsch gesetzt, um in Schlamm und Geröll versackte Möbel auszugraben. Der enthemmte Poisenbach trennt den Seitenflügel des Gemeindehauses von Niederhäslich ab, dabei kommen zwei Kinder ums Leben. Auch Weißig meldet Todesopfer. Die Weißeritz zerwühlt die Staatsstraße Potschappel–Deuben. Am Deubener Anger (Sachsenplatz) müssen die Leute fluchtartig ihre Wohnungen verlassen. Es ist das blanke Chaos.

Potschappler Brückentragödie

Tragisch endet die Zertrümmerung der Potschappler Weißeritzbrücke an der Fichtestraße. Auf ihr halten sich etwa 50 Schaulustige auf, als ein alles übertönender Knall Unheil ankündigt. Entsetzt spüren die Leute die wankende Brückenplattform unter ihren Füßen. Von wilder Panik erfasst, versuchen sie, festes Gelände zu erreichen. Ein Glücksumstand für etliche, dass die Fluten die Brücke noch einmal aushebelt, ehe sie in sich zusammenfällt. So gewinnen die in tödliche Bedrängnis geratenen Menschen noch einige Augenblicke für ihre Rettung. Dennoch ist die Situation schmerzlich. Fünf stürzen in die tosende Weißeritz, drei von ihnen ertrinken.

Der Gesamtschaden der Katastrophe vom 28. Mai 1881 beläuft sich auf 281 917 Mark – damals eine respekteinflößende Summe. Niederhäslich, Tharandt und Deuben stehen an der Spitze der Schadensbilanz. Für die Behebung der von den Wassermassen angerichteten Verwüstungen braucht man Jahre.

Über das Hochwasser von 1897 wurde schon wiederholt berichtet. Es gilt bis dato als die schlimmste Flut in unserem Tal. Doch als sich unser Heimatfluss Nummer eins im August 2002 noch gnadenloser und enthemmter präsentiert, haben wir es mit neuen Dimensionen zu tun. Die Erinnerungen an nicht für möglich gehaltene Schreckensbilder sind noch immer nicht verblasst. Es war wie ein Weltuntergang.